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Dienstag, 26. September 2017 21° 1

Unter Piratenflagge

Über den Wolken der real-analogen Welt, soll die digitale Freiheit im Cyberspace grenzenlos sein: So wollen es die Hauptleute der am Wochenende deutschlandweit gegründeten Piratenpartei. Sie legen mit diesem Freiheitsversprechen eine Lunte mitten hinein in die Pulverkammer der angsterfüllten Gefühlslage einer Nachwuchsgeneration, die sich zu 85Prozent als unpolitisch versteht und darauf stolz ist.

Lebenserfahrungen in Schulen, Universitäten und im Beruf, so die jungen Leute überhaupt einen mies bezahlten und befristeten Job ergattert haben, sind für zu viele und zu oft mit Kränkungen ihres Egos verbunden. Chatten, Twittern, Bloggen und Ballerspiele im Internet geben ihnen ihre Selbstwertgefühle zurück. „Ich chatte, also bin ich.“

Virtueller Befreiungsschlag gegen die normative Kraft des Faktischen im dröge-stressigen Alltag. Lebenskampf real – nein danke. Nicht von ungefähr hat die Piratenpartei in Universitätsstädten die meisten Anhänger. Zeit und Raum zur Erzeugung von Massenhysterie sind mit einem Mausklick zu überwinden. Im Tempo des Elektronikzeitalters kamen über 100000 Unterschriften für eine Petition gegen das von Familienministerin Ursula von der Leyen („Zensursula“) initiierte Gesetz zum Stoppen der Kinderpornografie zustande. Man führt das große Wort von der Freiheit, meint aber allzu oft schrankenlose Freizügigkeit und vor allem Freizeit.

Der Staat mit seinen Normierungen habe sich aus diesem letzten Paradies gefälligst raus zu halten. Die Durchsetzung von Gesetzen wie die zur Verfolgung von Kinderpornografie sei des Teufels, weil Zensur. Nazi-Propaganda im Netz: Warum nicht? Man darf sich doch selbst seine Meinung bilden. Das Internet als postmoderner Pranger mit Platz für Spott, Verleumdung und Beleidigung: Ist doch halb so schlimm. Die Gedanken sind frei. Selbstredend: Urheberrecht, Patentrecht und geistiges Eigentum müssten als Hemmschuhe der persönlichen Entfaltung auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Im Cyberspace, dem Neverland für Jedermann, der wie Michael Jackson nicht erwachsen werden will, sei die Regellosigkeit das einzige Gesetz.

Hedonismus bis hin zum Autismus: Damit kann man zwar eine Partei gründen, aber nicht Staat machen. Was ist eigentlich schiefgelaufen, dass Demokratie als Selbstbedienungsladen internalisiert worden ist? Gemeinwohl ist zum Fremdwort degeneriert. Die Befriedigung eigener Wünsche – und zwar hier und jetzt und auf der Stelle und alles auf einmal: Ist das nicht genau die Erfahrung, die junge Menschen im realen Leben tagtäglich machen? Familien, Schulen, so ziemlich die ganze Gesellschaft funktioniert letztendlich und bei Licht besehen immer mehr nach dem Diktat des Primitiv-Darwinismus: Fressen und gefressen werden. Parole: Gier ist geil.

Und die alten Parteien in der Misere? Sie werden als Showkampfplätze um politische Macht und als Agenturen für wirtschaftliche Partikularinteressen wahr und längst nicht mehr ernst genommen. Die gesellschaftliche Mitte mit der Verantwortung aller für alles erodiert. Das Kernstück demokratischer Gesellschaften und ihr Staat als Garant für Freiheit drohen verloren zu gehen. Immer mehr Bürger kehren der recht verstandenen und verantwortungsbewusst gehandhabten Demokratie den Rücken. Sie igeln sich in den analogen oder auch digitalen Wagenburgen ihrer unmittelbaren Interessen ein. Das ist das wahre Fanal, das von der Gründung der Spaßpartei der Internetpiraten ausgeht. Von einer Mitgestaltung der Informationsgesellschaft kann bisher jedenfalls keine Rede sein.

Von Harald Raab, MZ

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