Sitzetest in der 2. Klasse: der Fernverkehrs-Vorstand bei der Deutschen Bahn, Berthold Huber Foto: Röhrl
Von Lothar Röhrl, MZ
Hamburg/. 46.000 Mal ist ein Oberpfälzer Qualitätsprodukt vertreten, wenn die Deutsche Bahn bis Ende 2014 gut 770 Reisezugwagen ihrer Intercity-Flotte modernisiert. Weil in den bis zu 40 Jahre alten Waggons so ziemlich alles erneuert wird, was dem Reisenden im Wageninneren ins Auge fällt, gibt es eben auch neue Sitze. Eben 46.000. Alle liefert die Amberger Firma Grammer. Dieser Tage ist in Hamburg die erste, aus sieben modernisierten Wagen bestehende Garnitur unter anderem eben auch mit den neuen Sitzen vorgestellt worden.
In der 2.Klasse werden mit Velours bezogene Sitze verwendet, in der ersten Klasse sitzen die Reisenden auf Leder. Grammer, das auch schon beim Aufpolieren der ICE-1-Flotte zum Zug gekommen war, beim Redesign des ICE 2 aber dem spanischen Konkurrenten Faensa den Vortritt lassen musste, hatte extra einen neuen Sitz entwickelt. Auffallendster Unterschied zum alten Sitz in der ersten Klasse ist die Kopfstütze. Ideal für alle, die gerne mal bei einer Zugreise ein Nickerchen machen. Wer die Stunden in einem Intercity (Abkürzung im Fahrplan: IC) zum Arbeiten nutzen möchte, wird in den neuen viel mehr Steckdosen als in den alten Wagen vorfinden. In der Mitte einer Zweier-Sitz-Reihe ist eine Dose angebracht.
Die knapp 26 Millionen Euro, die der Auftrag an Grammer umfasst, sind gut ein Zehntel der Gesamtinvestition, die die Deutsche Bahn in die Erneuerung ihrer IC-Flotte steckt. Aktuell sind schon 52 Wagen in den Werken Nürnberg und Neumünster umgerüstet. Bis Ende 2012 kommen weitere 100 hinzu. Dann wird damit die Linie Hamburg-Köln-Frankfurt bestückt. Das ist nicht nur zufällig, sondern gewollt die Linie, auf der die Bahn seit kurzem im privaten Betreiber „HKx“ einen Konkurrenten bekommen hat. „Wir wollen jedermann zeigen, dass die DB es besser kann“, sagte dazu bei dem Medienereignis der Vorstellung der ersten neuen Garnitur der Fernverkehrs-Vorstand bei der Deutschen Bahn, Berthold Huber. Mit Huber hat die DB einen wettbewerbsgewohnten Vorstand, denn Huber war in Bayern lange Zeit Chef von DB Region. Dabei hatte er Erfahrung im Rennen mit privaten Konkurrenten wie Alex und Vogtlandbahn um ausgeschriebene Strecken gesammelt.
Berthold Huber vergaß bei der Vorstellung der neuen Wagen nicht, auf die logistische Meisterleistung bei der Umstellung hinzuweisen. Denn diese muss so erfolgen, dass nicht zu viele Wagen aus dem laufenden Betrieb genommen werden. Es gilt aber auch, den engagierten Zeitplan zu erfüllen. Denn die Deutsche Bahn will ab Fahrplanwechsel Dezember 2014 ihre IC-Züge nur mit Material fahren, das im Inneren stark der ICE-Familie ähnelt. Weil immerhin 40 Prozent aller Bahnkunden IC fahren, ist der Fahrplan der Modernisierung dieser Wagen auf Kante genäht.
Dabei ist das IC-Programm nur eines von fünf parallel laufenden, mit denen die Deutsche Bahn ihre „weiße Flotte“ - so heben sich alle Fernzüge von den roten DB-Regionalverbindungen farblich ab - rundum erneuert und ergänzt. Bis Mitte kommenden Jahres werden alle 44 ICE-2-Züge für 100 Millionen Euro das Redesign durchlaufen haben. Mit diesem ist eine Erneuerung der ICE-2-Klimaanlagen verbunden. Alle bis dato 32 erneuerten Garnituren hatten heuer am fast 40 Grad heißen dritten August-Wochenende den ersten Härtetest bestanden. Nur das „Klima“ in den noch nicht auf Außentemperaturen von 42 Grad im Schatten umgerüsteten fielen aus und sorgten wieder für die von der Bahn-Spitze so gefürchteten negativen Schlagzeilen in den Medien.
Bei dem Termin in Hamburg musste Personenverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg mal wieder den fast schon zum Evergreen gewordenen „Abgesang“ auf die Lieferprobleme der Bahnindustrie anstimmen. Um ein Jahr verzögert sich der fahrplanmäßige Einsatz der 16 neuen ICE 3 (Baureihe 407). Erst ab Ende 2013 sind alle (Kosten: 500 Millionen Euro) bereit. Die bis dahin schon gelieferten, dienen als Reserve, falls von den schon vorhandenen ICE welche schlapp machen.
Gar nur um sechs Monate später werden die 27 neuen Doppelstock-Intercity dem DB-Fernverkehr für die Relation Norddeutschland-Leipzig zur Verfügung stehen. Erst ab Mitte 2014 wird dieser Neuling in den DB-Fahrzeugpark integriert. 360 Millionen Euro umfasst der Auftrag. Und schließlich gibt es ab Dezember 2016 die ersten der völlig neu konzipierten ICx-Triebzüge. Nach und nach werden bis 2023 alle 300 bestellten ICx die IC-Wagengarnituren abgelöst haben, kündigte Homburg an. Der Vorstand für den Bereich DB-Personenverkehr merkte dazu an, dass man nicht bis 2023 mit den alten IC-Wagen fahren wollte. Ob Umbau aller IC-Wagen oder neuer ICE 3 sowie ICx: Alles zusammen lässt sich die Deutsche Bahn das Make-Up ihrer Fernzugflotte 7,2 Milliarden Euro kosten.
Auf den ersten Blick ist das eine folgerichtige Investition, denn gerade in dem bald zu Ende gehenden Jahr hat das Fahrgastaufkommen in den Fernzügen deutlich zugelegt. Dem steht gegenüber, dass der Bestand an Fahrzügen eher sogar zurück geht. Homburg führte dies nicht nur auf die neuen Probleme der Bahnindustrie zurück. Weil noch immer nicht klar ist, warum im Jahr 2008 ein ICE 3 in Köln wegen des Bruchs einer Radsatzwelle bei geringem Tempo entgleist ist, müssen alle vier gängigen ICE-Typen viel öfter zur Ultraschalluntersuchung als früher geplant. Aktuell fehlen so dieser 239 Triebzüge großen Flotte ständig zwölf. Dazu kommen eben noch die für das Redesign abgezogenen IC-Wagen. „Und es besteht keine Hoffnung auf Entspannung“, sagte hierzu Homburg in Hamburg. Zumindest so lange nicht, bis der ICx für den Alltagsbetrieb für „tauglich“ befunden wurde. Ab 2016 will deshalb die Bahn endlich über die Reserven verfügen, die ihr auch wegen des engagierten Modernisierungsvorhabens bei den IC-Wagen derzeit fehlen.