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Wunderlandder Zocker

Computer- und Videospiele: Reales Milliardengeschäft im virtuellen RaumVon Heiner Stöcker, MZ

  • Ausprobieren hieß auf der Messe auch mal reinhören . Fotos: Stöcker (5) , ddp (1)
  • Die Games Convention: Ein Schaulaufen der Spiele-Industrie. Ob Titel an der X-Box ausprobieren (oben) oder Spiele-Stars, wie Lara Croft (kleines Bild rechts) oder Hitmann (unten) begegnen – es war alles geboten.

Nur das rote Licht seiner optischen Maus und der Computer-Monitor tauchen Martin Meiers Gesicht in wechselnde Schattierungen von rot und grün. Die Ohren verschwinden unter dicken Kopfhörern, die Finger seiner linken Hand fliegen über die Tastatur, die Rechte mit der Maus ruckt hin und her. „Herrschaft! Etz hat mich der scho wieder erwischt!“ Auf dem Bildschirm erscheint ein Zehn-Sekunden-Countdown – die Zeit, bis er ins Spiel zurückkehren kann. Martin „RemTex“ Meier aus Regensburg schlürft seinen Kaffee, und bereitet sich auf die nächste Runde vor: Er treibt gerade Sport. E-Sport.

In seinem Clan – früher hätte man gesagt Verein von Computerspiel-Könnern – ist er Co-Leader, News Poster, War Organisator und Mitglieder-Betreuer. „Kurz gesagt: Zweiter Chef.“ Hauptsächlich spielen die 22 Mitglieder des DTB-Clans zurzeit die Computerspiele „Counter Strike“ und „Battlefield 2“. Beides Ego-Shooter oder First Person Action Games, wie die Spiele-Industrie sie nennt. Meier: „Wir sagen nicht so gerne Baller-Spiele. Denn den Reiz macht aus, mit unserem Team zu trainieren, Taktiken zu testen und gegen andere Mannschaften im Internet anzutreten.“

Computer- und Videospiele werden von einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland, Frankreich und Großbritannien längst als bedeutender Teil der aktuellen Unterhaltungskultur und des Medienangebotes wahrgenommen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die TNS Infratest in Deutschland, Frankreich und Großbritannien erstellt hat. Und: „Computerspiele machen nicht böse“, sagt Bernd Reinartz, Pressesprecher der Activision Deutschland GmbH mit Sitz in Burglengenfeld.

Er hat gerade eine der härtesten Wochen des Jahres hinter sich. Das welt-weit operierende Unternehmen hatte am 31. März des ausgelaufenen Geschäftsjahres Umsätze in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar verbucht. Damit das so bleibt, heißt es am Ball bleiben. Also präsentierten Reinartz, sein Kollege Martin Pirtzl sowie eine eigens engagierte Agentur zehn Computerspiele-Titel, die Activision demnächst auf den Markt bringen wird, auf der Spiele-Messe „Games Convention“, die vom 17. bis 21. August in Leipzig über die Bühne ging. „Wenn man mal alles zusammen nimmt schätze ich, dass wir an diesen fünf Tagen um die 300 Pressekontakte hatten. Und das zusätzlich zu den Menschen, die sich sonst noch in den Hallen gedrängt haben. Das steckt mir noch in den Knochen.“ Activision ist mit dem Verlauf „absolut zufrieden“. „Wir haben uns in diesem Jahr mit unserem bisher größten Messestand vorgestellt. Mit mehr als 600 Quadratmetern Fläche, Half-Pipe, Action-Vorführung – wir haben intern schon ernsthaft überlegt, wie wir das im kommenden Jahr toppen können.“

Die Games Convention ist vor kurzem mit einem Rekord zu Ende gegangen. 134 000 Besucher – im Vorjahr waren es 105 000 – kamen an den vier öffentlichen Tagen auf das Messegelände um zu sehen, was die 280 Aussteller aus 15 Ländern in den kommenden Monaten in den Regalen der Läden zu bieten haben werden. „Und ich würde es sofort auch wieder versuchen“, sagt Sabrina Ampleews aus Altdorf bei Nürnberg. Gleich nach dem Abitur in diesem Jahr hatte sich die 20-Jährige selbstständig gemacht und sich bei Promotions-Agenturen beworben. „Mein Job auf der GC war es, mich zusammen mit einer Kollegen auf der Motorhaube eines Sportwagens Knipsen zu lassen und gut auszusehen“, sagt sie. Pro Tag sind so 800 Bilder von ihr entstanden. „Die Hauptsache war aber Spaß zu haben und Leute zu treffen. Das war echt ok in Leipzig.“„Unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Wir hatten uns als Ziel 110 000 Besucher gesetzt“, sagt Josef Rahmen, Geschäftsführer der Leipzi-ger Messe GmbH. „Diese Zahl hatten wir schon am dritten Messetag über-schritten. Die Branche steht 100 Pro-zent hinter uns und dem Messestand-ort Leipzig“. Rund 2000 Journalisten aus 28 Ländern berichteten von Europas wichtigster Erlebnis- und Fachmesse, in deren Mittelpunkt interaktive Unterhaltung stand.

Denn der Markt ist bereits gewaltig und wächst: Laut Allensbacher Computer- und Technik-Analyse sind inzwischen mehr als zwei Drittel aller Bundesbürger im Alter zwischen 14 und 64 Jahren Computernutzer. Sie geben das Spielen am PC als wichtigen Nutzungszweck an. Mit Compu-ter- und Videospielen wird heute laut Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD) weltweit mehr Geld umgesetzt als mit Kinofilmen: 18,8 Milliarden Euro pro Jahr. 2004 gingen demzufolge in Deutschland fast 60 Millionen Unterhaltungssoftware-Produkte mit einem Marktwert von 1,3 Milliarden Euro über die Ladentheken. Dazu kommen noch mehr als drei Milliarden Euro für die Hardware, also Spiele-Konsolen und PCs.

Während in Deutschland die Ausgaben für Computerspiele bereits mit denen für DVDs und Videos gleichgezogen haben, schätzt das Marktforschungsunternehmen DFC Intelligen-ce in der Studie „The Business of Computer and Video Games“, dass die Umsätze der Videospiele-Industrie die der Musikbranche in den nächsten fünf Jahren übertreffen können.

Auf zwei neue Trends setzten die VUD-Mitglieder: Online-Spiele und Handy-Games. „Und Online-Spielen gehört unser Interesse“, sagt Martin Meier. Er und seine Clan-Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet haben so die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten nicht nur gegen eine programmierte Maschine zu beweisen, sondern sich mit einem menschlichen Gegenüber zu messen. Gegner hat er genug: Deutschland ist mit 1,5 Millionen Online-Spielern der größte europäische Markt, dicht gefolgt von Frankreich. Täglich verbringt Meier vier Stunden an der Tastatur. „Mein Vater hat früher im Verein Tennis gespielt. Ich spiele mit Freunden am Computer – das ist mein Hobby.“

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