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Mittwoch, 22. November 2017 10° 3

Freizeit

Achtung, hier kommen die Smombies!

Den Blick gesenkt, die Augen stets auf dem Smartphone-Display – unser Experte mit Gedanken über die etwas neuartigen Wesen.
Von Sebastian Sonntag

Man hat oft den Eindruck, als ob Smombies von der realen Umwelt abgeschnitten sind. Foto: Syda Productions/stock.adobe.com

Regensburg.Keine Ahnung, was sich hinter diesem merkwürdigen Wort „Smombies“ verbirgt? Zugegeben, bis vor wenigen Tagen wusste ich auch nicht, dass es so ein Wort überhaupt gibt, geschweige denn, was es eigentlich bedeutet. Aber ein gewisser Auto Club Europa (ACE) machte sich doch tatsächlich die Mühe, in einer bestimmten Stadt die Anzahl an Menschen zu zählen, die als Dauernutzer von Handys durch die Gegend laufen und dabei sich selbst und andere Fußgänger oder Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringen können. Diese Zielgruppe wird anscheinend mit dem neuartigen Begriff „Smombies“ tituliert.

Von der Umwelt abgeschnitten

Wer auch immer die kreative Wortschöpfung zu verantworten hat, Tatsache ist, dass das Alltagsbild in den Fußgängerzonen schon treffend beschrieben ist. Bei manchen Passanten hat man tatsächlich den Eindruck, als ob sie wie ferngesteuert und von der realen Umwelt abgeschnitten wie Zombies durch die Gegend laufen. Die Stöpsel im Ohr und den starren Blick auf das Handy vor ihren Augen gerichtet schweben sie durch die Menschenmassen. Eigentlich eher erstaunlich, dass Verkehrsschilder und Laternenmasten nicht noch öfter schmerzhaft (weniger für die Laternen!) kontaktiert werden. Wie häufig sieht man auch Jogger durch die Gegend rennen, die bestens verstopselt und mit irgendwelchen akustischen Begleiterscheinungen ihrem Ziel entgegenstreben. Es ist mir fern, hier ein Urteil abzugeben. Mir kommt bei solchem Anblick allerdings immer eine bekannte Geschichte in den Sinn, die gerade im Zusammenhang mit einem Begriff steht, der in der letzten Zeit zunehmend als Schlagwort genannt wird: „Achtsamkeit!“ Wer sich in den Buchhandlungen oder Bibliotheken in einer gewissen Sparte wie Lebenskunde, Psychologie oder Gesundheit umschaut, wird erstaunt feststellen, wie reichhaltig die Literatur zu diesem Thema ist. Und dabei kann er auch auf folgende – nicht ganz unbekannte – Geschichte stoßen: „Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist: Der Zen-Meister antwortet: ,Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …‘ ,Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst Du darüber hinaus?‘, fragten sie erneut. Der Meister erwiderte: ,Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich …‘ Wieder sagten seine Schüler: ,Aber das tun wir doch auch Meister!‘ Er aber sagte zu seinen Schülern: ,Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.‘“

Mit der Sicherheitsaktion „Finger weg!“ wird Fußgängern dringend geraten, auf die Straße zu schauen.

Man mag bei heutigen vielbeschäftigten Menschen von einer Fähigkeit sprechen, die man wohlwollend als „multitasking“ bezeichnen kann. Und Tatsache ist es ja auch, dass viele Beschäftigte in einer so komplexen Arbeitswelt gar nicht anders ihre Aufgaben bewältigen könnten, wenn sie nicht diese Fähigkeit hätten. Man darf aber schon etwas besorgt fragen: „Was ist der Preis dafür?“ Und wo sind die Oasen der Stille, der Erholung, des Sich-sammeln-Könnens?

Wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus oder Zug unterwegs bin, dann betrachte ich zuweilen ganz bewusst die Menschen, die sich um mich herum befinden. Und immer wieder bin ich erstaunt, wie wenige still dasitzen, entweder mit Blick durch die Fenster nach draußen oder in sich gekehrt. Manche sitzen schon auch still da, aber sie haben die berühmten Stöpsel im Ohr und/oder starren auf das Display ihres Smartphones. Sie wirken wie in einem eigenen abgetrennten Raum für sich. Was sich in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielt, müsste schon entweder sehr lautstark oder mit heftigsten Bewegungen stattfinden, dass sie es registrieren würden.

Ich kann es verstehen, wenn jemand Tag für Tag die gleiche Strecke als Pendler oder Schulgänger abfährt, dass der Blick nach draußen in die Landschaft oder die Alltagswelt in den Straßen nicht mehr allzu neugierig macht.

Interesse am unmittelbar Gegebenem

Aber viele Eltern kennen es ja auch von ihren Kindern, dass sie auf die Fragen, wo man eigentlich im Urlaub hingefahren sei und über welche Wege sie dorthin gelangt seien, nicht so recht antworten können. Sie saßen auf der ganzen Fahrt im eigenen Auto hinten auf der Rückbank und waren pausenlos in ihre Handys oder Smartphones vertieft. Wie reizvoll müsste eigentlich eine Landschaft, eine Stadt oder eine Umgebung sein, dass sie mit den Reizen dieser modernen Medien konkurrieren könnten?

„Wie reizvoll müsste eigentlich eine Landschaft, eine Stadt oder eine Umgebung sein, dass sie mit den Reizen der modernen Medien konkurrieren könnten?“

Vielleicht müssten sich auch viele Erwachsene, Eltern, fragen: Wie sehr fördern wir eigentlich bei uns selbst und bei unseren Kindern die schlichte Neugier und das Interesse am unmittelbar Gegebenem, an der realen Wirklichkeit um uns herum? Das ganz einfache und absichtslose Beobachten und Betrachten. So, wie es die ganz Kleinen noch können. Für die der Käfer am Boden das im Moment Wichtigste und Interessanteste ist. Vielleicht könnte es passieren, um auf die oben erwähnte Geschichte anzuschließen, dass jemand sich unversehens selbst wundert, warum er sich gerade so zufrieden fühlt. Am liebsten würde er das anderen gleich mitteilen. Aber da bemerkt er: Er hat sein Handy vergessen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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