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Panorama
Montag, 18. Dezember 2017 5

Uni-Jubiläum

Als die Uni schulisch wurde

Die Uni Regensburg in der jüngsten Vergangenheit. Wie es sich damals studierte, was sich veränderte – ein Absolvent erzählt.
Von Ramona Rangott, MZ

Der 32-Jährige Chemie-Masterabsolvent war kein „Musterstudent“, wie er selbst sagt. Foto: Ramona Rangott

Regensburg.Flimmerndes Licht bricht durch die milchigen, zur Decke empor wabbernden Rauchschwaden. Der Bass hämmert. Tanzende Silhouetten verschmelzen im bunten Scheinwerferlicht zu einer pulsierenden, im Takt fließenden Masse. Doch Christoph Meyer, Chemiestudent, ist nicht zum Feiern in der Regensburger Kultdisko Suite15. Am Vormittag in den Uni-Seminaren sitzend, arbeitet er nachts als DJ in den Clubs der Stadt.

Dabei steht morgen für ihn ein wichtige Prüfung an, ein Drittversuch – das Datum hat er sich bereits zu Semesterbeginn notiert. „Und, wie ist es dir heute gegangen?“ Ein Kommilitone, der eben zu ihm ans Pult getreten ist, brüllt ihm durch die laute Musik ins Ohr. „Bei was?“ Irritiert runzelt Meyer die Stirn. „Na der Drittversuch heute – den musstest du doch auch mitschreiben ...“ Kurzes Rattern der Gehirnwindungen – verdammt.

Während seines Studiums widmete er sich ausgiebig der Musik. Foto: Christoph Meyer

„Das war so ziemlich der schlimmste Moment während meines Studiums“, erzählt Meyer heute lachend. „Da dachte ich wirklich: Jetzt ist es vorbei, ich werde zum College-Dropout.“ Wenig später stellte sich heraus, dass mit der verpassten Prüfung doch noch nicht alles verloren war. Auf dem Prüfungsamt erklärte man ihm, er würde mit einer Vorlesung in Biochemie ausgleichen können – diese war zugleich die schönste Vorlesung, die er im Studium besucht hatte.

Im Regensburger Nachtleben machte er sich so einen Namen als DJ JoChriswasgeht. Foto: Christoph Meyer

Trotz einiger Fleiß-Semester zum Master-Abschluss

2007 begann Meyer nach einer Ausbildung als Tontechniker auf dem zweiten Bildungsweg ein Chemiestudium in der Domstadt. Sein eigentlicher Plan war, Medizin zu studieren und die von allen gefürchtete Chemie vornewegzupacken – doch er blieb bei dem für ihn faszinierenden Fach. Ein Musterstudent war der Mallersdorfer nicht, wie er sagt. Wie selbstverständlich parkte er mit dem Uniparkaufkleber direkt neben den Professorenparkplätzen und erntete dafür regelmäßig irritierte Blicke aus den Gesichtern der hellsten Köpfe.Ganz der Künstlertyp, verschwurbelte er auch immer wieder seine Studienorganisation – Glück für ihn: Das Prüfungsanmeldesystem FlexNow steckte zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen, eine verpasste Frist wurde nicht so streng gehandhabt wie heute. „Einmal musste ich dann tatsächlich eine spontane Kurzprüfung im Büro eines Professors ablegen, um zu beweisen, dass ich ein bestimmtes Seminar besucht habe“, erzählt der heute 32-Jährige. „Das war aber der Extremfall. Sowas hatte ich nur dieses eine Mal.“ Der passionierte Musiker schloss sein Chemiestudium 2015 mit dem Master ab.

Durchaus anspruchsvoll so ein Chemiestudium – der Zusammenschluss in Lerngruppen war für den 32-Jährigen während des Studiums so unabdingbar. Foto: Christoph Meyer

Während dieser Zeit schaffte er es sage und schreibe dreimal exmatrikuliert zu werden – Rückmeldefrist verpasst. „Ich habe für mein Studium sechs Semester länger gebraucht, weil ich nebenher ziemlich viel Musik gemacht habe“, sagt Meyer, der mittlerweile in einer Regensburger Chemie-Start-up-Firma arbeitet. „Damals mussten wir noch Studiengebühren bezahlen. Ohne die Unterstützung meiner Eltern, hätte ich mir die Zusatzsemester nicht erlauben können.“

Mit acht Bewohnern fast eine Kommune: Der Innenraum des „besetzten“ Zollgebäudes, welches Meyer und seine Mitbewohner zur WG umfunktionierten. Foto: Christoph Meyer

Der Minimaltechnosound wurde Pop

Am Regensburger Nachtleben war der Chemiker aktiv beteiligt. „Damals waren sie alle mal beim Abstampfen im Gloria, das mittlerweile geschlossen ist“, erzählt Meyer. „Oder in der ganz alten Suite. Da war ich aber meist nur zum Arbeiten als DJ oder Video & Licht-Jockey.“ Den klassischen Studentenpartys mit Trink- und Smalltalkzwang konnte Meyer, ähnlich wie der leicht verschrobene Sheldon Cooper aus der Serie „The Big Bang Theory“, nichts abgewinnen. „Mit Nicht-Mint-Studenten hatte ich wenig Kontakt“, sagt der Naturwissenschaftler. „Wir Chemiker waren hingegen eine relativ verschworene Gemeinschaft. Wir haben uns oft in einer alten Fabrikhalle zum lernen getroffen.“

Wenn dann doch mal gefeiert wurde, dann organisierte er die Party selbst: Der Chemiker wohnte während seiner Studienzeit in dem alten, mittlerweile abgerissenen Zollgebäude, dort wo momentan das Dörnberg-Viertel entsteht. „Hausbesetzerei ist wohl übertrieben – aber ich hab nie die Vorhänge aufgemacht, damit niemand reinsehen konnte und bemerken würde, dass da jemand wohnt“, so der 32-Jährige. Die aus acht Bewohnern bestehende Fast-Kommune richtete im Keller des Gebäudes einen Partyraum mit verschiedenen Bars ein. Dort stiegen regelmäßig WG-Partys. Auch heute ist der langjährige DJ in der Feier-Szene fest verwurzelt: Als DJ JoChriswasgeht hat er sich im Regensburger Nachtleben einen Namen gemacht.

Der Innenraum eines Chemielabors an der Uni. Hier verbrachte Meyer durch die zu absolvierenden Praktika einen Großteil seiner Zeit an der UR. Foto: Christoph Meyer

Meyer ist froh, dass er sich während seines Studiums viel Freiraum zur persönlichen Weiterentwicklung schaffen konnte. „In dieses verschulte Uni-System heutzutage werden viel zu viele gespült, die vielleicht mit einer Ausbildung glücklicher wären“, sagt er und fügt hinzu: „Da wird dann am Leistungslimit gebüffelt, aber der geistige Horizont erweitert sich während der drei bis fünf Studienjahre nicht, weil kein Raum dafür war.“ Meyer ist froh, dass er sich auch neben dem anstrengenden Chemie-Studium genügend Raum für seine musikalische Leidenschaft schaffen konnte – auch wenn er dafür ein paar Semester länger auf dem Campus in Kauf nehmen musste.

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Mehr zur Universitätsgeschichte erfahren Sie in den vergangenen Beiträgen unserer Reihe zum 50-jährigen Jubiläum der UR.


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