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Bildung

Als Küken allein unter den Großen

Minderjährige Studenten haben nur noch wenig rechtliche Probleme. In den Hochschulen der Region sind sie rar gesät.
Von Anna-Maria Ascherl, MZ und Jessica Kiefer, dpa

Im Studienjahr 2015 haben 3740 Erstsemester unter 18 Jahren ein Studium begonnen. Auch in der Region gibt es minderjährige Studierende. Foto: dpa

Freiburg.Als Malin anfing, in Freiburg Mathe zu studieren, war sie gerade einmal 16 Jahre alt. Die meisten ihrer Mitstudenten waren schon Anfang 20. „Am Anfang war es komisch, vor meinen Kommilitonen Vorträge zu halten oder etwas an der Tafel vorzurechnen, weil ich wusste, dass sie alle viel älter sind als ich. Ich hatte das Gefühl, mich irgendwie beweisen zu müssen und zu zeigen, dass ich berechtigt bin, dort zu sein“, erzählt die heute 20-Jährige.

Malin war eine von knapp 2700 Studenten unter 18 Jahren, die sich im Wintersemester 2013 neu an den deutschen Hochschulen einschrieben. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren aufgrund des verkürzten Abiturs (G8) gestiegen. Nahmen 2010 noch knapp 840 Minderjährige ein Studium auf, waren es im Studienjahr 2015 fast 3740 Erstsemester unter 18. Sie machten damit laut Statistischem Bundesamt 0,7 Prozent der insgesamt 507 000 Studienanfänger aus.

Nur wenige Minderjährige an OTH

Die Universität Regensburg hat sich auf die minderjährigen Studenten eingestellt. Foto: Knobloch

Minderjährige Studierende sind an den Ostbayerischen Technischen Hochschulen Einzelfälle, ihre Zahl „verschwindend gering“: Bei der OTH Amberg-Weiden habe man „ganz selten“ minderjährige Studierende, sagt Gerald Polster, Leiter des Studienbüros. In Zahlen: „Im Wintersemester 2015/2016 hatten wir an der OTH zwei minderjährige Studienanfänger und im Wintersemester 2016/2017 war es ein Minderjähriger.“

Ähnlich in Regensburg: „Wir haben pro Studienjahr, also Winter- und Sommersemester zusammen genommen, maximal ein bis zwei Erstsemester unter 18“, sagt Hilde Wagner von der OTH Regensburg.

Wagner, die in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist, kann keinen Anstieg der minderjährigen Studierenden feststellen. 2016 hätte die OTH sogar keinen einzigen Studienanfänger unter 18 Jahren gehabt. Lediglich die schriftliche Erlaubnis der Eltern für die Labornutzung oder für Exkursionen unterscheide die minderjährigen von den volljährigen Studenten.

Malin hat 2013 mit 16 Jahren in Freiburg ein Mathestudium begonnen, inzwischen ist sie 20. Foto: Lena Hentze

Bürokratische Hürden gibt es nur noch wenige. Zwar sind Minderjährige rechtlich gesehen nur beschränkt geschäftsfähig. Damit sie aber an der Hochschule selbstständig handeln können, holen die meisten Unis laut Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zu Beginn des Studiums eine Generaleinwilligung der Eltern ein. So wie die Uni Regensburg. Diese Einwilligung umfasst zum Beispiel die Nutzung der Bibliothek, der IT-Dienste, die Teilnahme an studienbezogenen Aktivitäten wie die Teilnahme an Lehrveranstaltungen, Prüfungen und Exkursionen sowie die Teilnahme an Laborversuchen. Allerdings gibt es im Moment gar keine minderjährigen Studierenden an der Uni Regensburg, wie Petra Riedl mitteilt.

Ganz unabhängig sind minderjährige Studenten aber trotz dieser Regelungen nicht. Ohne erziehungsberechtigte Begleitung ist um Mitternacht Schluss mit dem Feiern. Und auch beim Auszug sind Minderjährige auf Mama und Papa angewiesen: „Der Mietvertrag muss von den Eltern unterschrieben werden“, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk.

Dass minderjährige Studierende auch Auswirkungen auf den Alltag auf dem Uni-Campus haben, zeigt dieses Beispiel aus Regensburg:

An der Uni Regensburg hat es im vergangenen November große Proteste gegeben, nachdem die Bierautomaten vom Campus verschwunden waren. Viele konnten die Begründung, dass an der Universität auch minderjährige Studenten immatrikuliert sind und die Automaten aufgrund der fehlenden Altersverifizierung die gesetzlichen Vorgaben des Jugendschutzes nicht erfüllten, nicht nachvollziehen. Mittlerweile sind zwei Automaten zurückgekehrt.

Begrenzte Erfahrungen nach dem Abitur

Elisabeth Kummert von der Studienberatung der Uni Frankfurt sieht in der fehlenden Erfahrung der jungen Abiturienten die größte Herausforderung. „Die Jugendlichen durchlaufen die Schule, wachsen in der Regel sehr behütet auf und fangen dann mit dem Studium an, ohne nach dem Abitur noch etwas anderes gemacht zu haben. Die Erfahrungen sind dann einfach sehr begrenzt“, erzählt sie. Da könne es passieren, dass das Studium erst einmal ein Schock ist und die mit den Freiheiten eines Studiums verbundene Selbstorganisation schwerfällt.

Hinzu kommt ein Problem, das wohl die meisten jungen Leute kennen, das sich bei minderjährigen Studenten laut Kummert aber in verschärfter Weise zeigt: „Man weiß eigentlich noch gar nicht so genau, was man selber will, wer man selber ist, was man im Leben umsetzen möchte.“ Die ersten zwei Jahre nach dem Abitur seien besonders wichtig für das Erwachsenwerden und den Reifeprozess, erzählt die Studienberaterin.

„Man weiß eigentlich noch gar nicht so genau, was man selber will, wer man selber ist, was man im Leben umsetzen möchte.“

Elisabeth Kummert

Das musste auch Malin feststellen. Leistungsmäßig gab es nie Probleme. Doch den Altersunterschied zu ihren Kommilitonen hat sie schon gespürt: „Der Abstand war noch einmal größer als in der Schule“, sagt sie. Malin merkte schnell, dass sie selbst doch noch in der Pubertät steckte und sich die anderen über manche Dinge schon viel klarer waren als sie selbst. „Meine Kommilitonen waren teilweise als Person gefestigter und vor allem selbstsicherer in ihrem Können.“

Ihre Eltern haben Malin immer unterstützt. Und sich manchmal auch zu sehr gekümmert: „Meine Mutter hat anfangs jede Woche kontrolliert, ob ich meine Aufgaben für die Uni mache“, erzählt Malin. „Das hat mich unter Druck gesetzt.“

Viele Universitäten haben sich auf die Bedürfnisse minderjähriger Studierenden eingestellt. Sie bieten auch Elternsprechtage an.

Von zu Hause auszuziehen, hat Malin geholfen. Mit ihrem Auszug im zweiten Semester konnte sie sich ein bisschen mehr Unabhängigkeit erkämpfen. Mittlerweile steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Studiums. Ob sie sich bereit für die Berufswelt fühle? „Nein“, sagt sie.

In Arbeitswelt schnuppern, reisen

Wer schon früh mit dem Studium beginnt, sollte unbedingt in die Arbeitswelt schnuppern und reisen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Auch Jutta Boenig hält es für problematisch, dass immer mehr Uniabsolventen erst Anfang 20 sind. Sie ist die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Junge Leute, vor allem jene, die sich ausschließlich Schule und Studium widmen, seien unter Umständen noch nicht reif genug, um in der Arbeitswelt bestehen zu können. „Dazu gehört zum Beispiel seine Meinung zu vertreten, standzuhalten bei Kritik, und überhaupt kritikfähig zu sein“, erklärt Boenig. Auch der Altersunterschied zu Kollegen könne zum Problem werden.

MZ-Autor Benedikt Bögle hat mit einem minderjährigen und einem 63-jährigen Studenten über ihre Pläne gesprochen.

Sie rät Jugendlichen, sich neben Schule und Studium auch in Vereinen und anderen Organisationen zu engagieren, durch Praktika und Nebenjobs in die Arbeitswelt zu schnuppern und zu reisen. Ob vor oder nach dem Studium spiele keine Rolle.

Malin wird nach ihrem Bachelorabschluss für ein halbes Jahr Schulkinder in Südafrika unterrichten. Sie schätzt es, dass ihr das abgeschlossene Studium ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit gibt und den Druck wegnimmt. Danach will sie weiterstudieren. Zwar wird sie im Master vermutlich wieder eine der Jüngsten sein – dann aber um einiges reicher an Erfahrungen.

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Im Kugelschreiber bloggen Regensburger Studenten über den Uniwahnsinn und ihr Leben in der Stadt:

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