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Panorama
Sonntag, 19. November 2017 7

Stadtgeschichte

Am Neupfarrplatz brannten die Bücher

Am 12. Mai 1933 fand in Regensburg eine Bücherverbrennung statt. Organisiert wurde sie von der örtlichen Hitlerjugend.
von Bernhard Lübbers

Fotos: Stadt Regensburg/Privatsammlung Norbert Prasch/Staatliche Bibliothek Regensburg

Regensburg.Vor 84 Jahren brannten in ganz Deutschland die Scheiterhaufen. Auch in Regensburg fand am 12. Mai 1933 auf dem Neupfarrplatz eine Bücherverbrennung statt. Organisiert hatte sie die örtliche Hitlerjugend. Ganze sechs Minuten dauerte der Einsatz der Regensburger Feuerwehr an diesem denkwürdigen Abend. Zwischen 19.14 Uhr und 19.20 Uhr war eines der Fahrzeuge abkommandiert worden, um „mit zwei Mann nach dem Neupfarrplatz zum Feuer ablöschen“ auszurücken. Was das alte Feuerwehreinsatzbuch für diesen Abend so nüchtern und in dürren Worten vermerkt, war ein „Vorspiel“ für weitaus größere Verbrechen. Wie hatte doch Heinrich Heine bereits 1823 geschrieben? „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Heines unheilvolle Prophezeiung, wenn auch in einem ganz anderen Kontext getätigt, sollte sich mehr als ein Jahrhundert später auf furchtbare Weise erfüllen. Zuerst brannten die Bücher, dann die Menschen. In insgesamt 70 deutschen Städten loderten zwischen dem Frühjahr und Herbst 1933 die Scheiterhaufen. Nicht weniger als 93 Verbrennungen hat man im Reich damals gezählt. Den Nationalsozialisten ging es von Anfang an um die Zerschlagung und Unterdrückung der gesamten Opposition, auch die im Kulturbetrieb. Speziell die Bücherverbrennungen können geradezu als ein Symbol für den Geist der Vernichtung dieses verbrecherischen Regimes gelten, an dessen Ende millionenfacher Mord und die Verwüstung großer Teile des Kontinents standen. Auch das Inferno des „Holocaust“ hatte 1933 seinen Ausgang genommen. Damals waren es „nur“ Bücher gewesen, die auf den Scheiterhaufen kamen. Aber nicht einmal ein Jahrzehnt später brannten in den Krematorien der Vernichtungslager tatsächlich Menschen.

Zuerst wollten die Studenten einen Beitrag „zur Revolution“ leisten

Auch in der Stadt Regensburg hat der Nationalsozialismus seine Spuren hinterlassen. Die dortige Bücherverbrennung fand mitten in der Altstadt statt. Die Vorgeschichte dieser Verbrennung liest sich in der Rückschau bizarr. Bereits im Frühjahr 1933 hatte die Deutsche Studentenschaft versucht, Unterstützer für eine Bücherverbrennung in Regensburg zu gewinnen. Manche Studenten hatte die reichsweite Kampagne unter dem Motto „wider den undeutschen Geist“ anscheinend schwer beeindruckt. Sie wollten daraufhin einen eigenen Beitrag zur „nationalen Revolution“ leisten und dafür auch in Regensburg werben. Allerdings wurde eine entsprechende Anfrage an die Studentenschaft der philosophisch-theologischen Hochschule in Regensburg, sich doch an den reichsweiten Aktionen zu beteiligen, abgelehnt.

Eine alte Aufnahme des Neupfarrplatzes.

Was man wissen muss: Regensburg war zu diesem Zeitpunkt noch keine Universitätsstadt, sondern verfügte mit der philosophisch-theologischen Hochschule lediglich über eine Ausbildungsstätte für den katholisch-geistlichen Nachwuchs. Eine eigene Aktivität verbiete sich, hieß es in der Antwort der Regensburger Studierenden, da es unmöglich sei, diese in der Kürze der Zeit zu organisieren. Und weiter: „Eine Verbrennung jüdischen Schrifttums wird nicht erfolgen, da sich in unseren Büchereien solches nicht findet. Unsere Hochschule ist immer schon frei von jüdischem Geist gewesen und wird es auch in Zukunft sein, was man anscheinend von den Universitäten nicht immer sagen kann. Die Verhältnisse sind bei uns eben andere wie an den großen Universitäten. Das mir zugesandte Anschlagmaterial wird veröffentlicht werden.“ Immerhin erklärte man sich in Regensburg also bereit, das Plakat „Wider den undeutschen Geist“ in Regensburg auszuhängen.

„Der gesamte Propagandaapparat der HJ ist in den Dienst der Aktion der Bayerischen Staatsregierung zu stellen.“

Emil Klein, Beauftragter der Hitlerjugend bei der bayerischen Staatsregierung

Trotzdem: Für kurze Zeit sah es also so aus, als würde in der Domstadt keine Bücherverbrennung im Geist der neuen Machthaber stattfinden können. Doch es traten schnell neue Akteure auf den Plan, welche die Vernichtungspläne bereitwillig aufgriffen. Emil Klein (1905-2010), der Beauftragte der Hitlerjugend bei der bayerischen Staatsregierung, hatte am 19. April 1933 einen Aufruf an alle Verantwortlichen der Hitlerjugend (HJ) in ganz Bayern verschickt. Darin forderte er dazu auf, in „ganz Bayern am Sonntag, den 7. Mai 1933, eine einheitliche Aktion der HJ“ durchzuführen. Ferner schrieb Klein: „Der gesamte Propagandaapparat der HJ ist in den Dienst der Aktion der Bayerischen Staatsregierung zu stellen. Es handelt sich für uns als HJ an diesem Tage den Beweis zu erbringen, dass wir genauso wie die NSDAP in der Durchführung solcher Aktionen auf Grund unseres Willens, unseres Fleißes und unserer Opferwilligkeit allen anderen Verbänden und Vereinen überlegen sind.“

In acht Städten Bayerns stieß die

Hitlerjugend auf offene Ohren

Und weiter: „Im Rahmen dieser Kundgebung ist jeweils eine Bücher- und Schriftenverbrennung jeglichen marxistischen, pazifistischen und demokratischen Schrifttums vorzunehmen.“ In mindestens acht Städten Bayerns, wozu damals noch die Pfalz zählte, kam es zu Verbrennungen im Rahmen dieses „Tags der Jugend“ durch die Hitlerjugend. In München (6. Mai 1933), Speyer (6. Mai), Coburg (7. Mai), Landsberg am Lech (7. Mai), Rosenheim (7. Mai), Landau (10. Mai), Regensburg (12. Mai) sowie in Neustadt an der Weinstraße (14. Mai) fanden Bücherverbrennungen der HJ statt. Klein selbst eröffnete die bayerische HJ-Aktion am Abend des 6. Mai 1933 mit einer ‚Brandrede‘ auf dem Münchner Königsplatz – vier Tage vor der studentischen Bücherverbrennung an selber Stelle.

In Regensburg plante man die Bücherverbrennung für den Abend des 12. Mai 1933. Wie die Organisation im Einzelnen vor sich ging, wissen wir nicht. Erhalten hat sich jedoch ein Anschreiben des örtlichen HJ-Unterbannführers an die Stadtschulbehörde vom 10. Mai, das zumindest einen kleinen Einblick in die damaligen Aktivitäten der örtlichen Hitlerjugend erlaubt. Dort hieß es: „Die Hitlerjugend Standort Regensburg veranstaltet am Freitag abends 7 Uhr 15 einen Marsch durch den Minoritenweg zur Ostengasse über den Rathausplatz zum Neupfarrplatz und hält dort eine Kundgebung ab. Es spricht der Bannführer der Hitlerjugend, Karl Schäfer. Bei dieser Gelegenheit werden marxistische Schriften verbrannt. An die Jugend Regensburgs ergeht die herzliche Bitte, zahlreich zu erscheinen um damit zu beweisen, dass sie treu zum Vaterland und zum Reichskanzler Adolf Hitler steht.“ Die Regensburger Stadtschulbehörde unterrichtete dienstbeflissen noch am selben Tag sämtliche Schulleiter der Stadt.

Die Verbrennung fand bewusst

an einem historischen Ort statt

Dass die Bücherverbrennung in Regensburg gerade auf dem Neupfarrplatz stattfinden sollte, war kein Zufall, sondern hängt mit der Geschichte dieses Ortes zusammen. Der Neupfarrplatz zählt nicht zu jenen im Laufe der bald 2000-jährigen Geschichte der Altstadt gleichsam „gewachsenen“ Plätzen in Regensburg, sondern war erst 1519 durch einen gewaltsamen Eingriff in die Bausubstanz bei einem Pogrom entstanden. Das damals dort gelegene jüdische Viertel, bis zu jenem Jahr Heimat einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Süddeutschlands, wurde zerstört. In Regensburg ist das Wissen um die Geschichte dieses Ortes nie wirklich in Vergessenheit geraten. Daher war es sicherlich eine ganz bewusst getroffene Entscheidung der Nationalsozialisten, die Bücherverbrennung an genau dieser Stelle abzuhalten.

Die damals von Albert Prasch geführte „Bücherkiste“, die noch heute besteht, wurde nach „unerwünschter Literatur“ durchsucht. Der Polizist Lorenz Baier hatte Prasch vorgewarnt.

Die „Bayerische Ostwacht“, das Regensburger Organ der Nationalsozialisten, berichtete unter der Überschrift „Die Regensburger Jugend marschiert“ über den Abend des 12. Mai 1933: „Gegen 8 Uhr kam die Spitze des Zuges unter Vorantritt unserer SA-Kapelle auf dem Neupfarrplatz an. Unterbannführer Otto Metz konnte dem Bannführer der HJ, Karl Schäfer, 680 angetretene Hitlerjungen melden.“ Und weiter berichtete die NS-Zeitung, dass nach „Horst-Wessel-Lied“ und Ansprache „der Bannführer den Befehl gab, die marxistischen Bücher, Zeitschriften und Fahnen, die auf einem Handwagen mitgeführt wurden, zu verbrennen. Hellauf loderten die Flammen... Das Deutschlandlied beendete die Kundgebung, die ein Markstein in der Geschichte der Regensburger Hitlerjugend sein wird.“ Betrachtet man das einzige erhaltene Bild von dieser Verbrennung (siehe Seite 8), so fällt einem sofort ins Auge, dass das Feuer erstaunlich klein aussieht. Deshalb stellt sich die Frage, was am Neupfarrplatz eigentlich genau verbrannt worden war? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Man darf davon ausgehen, dass es sich bei den im Zeitungsbericht erwähnten „Fahnen“ um einige der so genannten Traditionsfahnen der SPD gehandelt hat. Auch dürfte einiges an Einrichtungsgegenständen und Lagerware der bereits im März verwüsteten „Volkswacht-Buchhandlung“ (Neupfarrplatz 2) verbrannt worden sein. Damit entsprach der Regensburger Scheiterhaufen in seiner Zusammensetzung derer in vielen anderen Städten.

Neben der Volkswachtbuchhandlung war mindestens noch eine weitere Buchhandlung in Regensburg von den Sammel- und Beschlagnahmungsaktionen im Vorfeld der Bücherverbrennung betroffen: Die von Albert Prasch geführte „Bücher-Kiste“, die bis heute besteht. Dort war eines Tages der mit Prasch gut befreundete und nur wenige Häuser entfernt wohnende Polizist Lorenz Baier erschienen und hatte seinen Freund darauf hingewiesen, dass er am nächsten Tag in der Buchhandlung vorbeikommen müsse, um für die Bücherverbrennung „unerwünschte“ Literatur zu beschlagnahmen. „Herr Baier wollte meinen Vater vorab warnen, damit er die ihm wichtig erscheinende Literatur beiseiteschaffen konnte“, erzählt der 90-jährige Norbert Prasch, der heutige Inhaber der „Bücher-Kiste“, von den damaligen Ereignissen in seiner Heimatstadt.

Albert Prasch verstand und versteckte nach dieser Warnung die betreffenden Bände unverzüglich. Um zu vermeiden, dass sie doch eines Tages entdeckt würden, schlug er sie teils in unverdächtige Umschläge ein, zum Beispiel in die von Grimms Märchen. „Vor einigen Jahren konnte ich dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Regensburg, Hans Rosengold, einen zufällig erhaltenen Band von damals überreichen. Ich glaube, es war ein Buch über jüdische Geschichte. Sicher bin ich mir da aber nicht mehr. Aber es war schön zu sehen, wie der Hans Rosengold sich gefreut hat. Denn die hatten ja nichts mehr, es war ja alles vernichtet worden“, berichtet Norbert Prasch. Neben den Buchhandlungen waren auch Privatbestände von Regimegegnern betroffen. Wir wissen zum Beispiel von Beschlagnahmungen beim damaligen SPD-Landtagsabgeordneten Alfons Bayerer (1885-1940). Vier Mann, ein Zivilist und drei SA-Hilfspolizisten, transportieren im Frühjahr 1933 etwa sieben bis acht Meter Bücher aus dem Privatbesitz des SPD-Politikers ab. Darunter übrigens nicht nur unliebsame politische Literatur, sondern auch nun als vermeintlich „undeutsch“ gebrandmarkte Romane. Wie Bayerers Schwiegersohn, der nachmalige Regensburger Bürgermeister Hans Weber (1912-2003), später angab, hatten die SA-Männer keine große Ahnung, was sie eigentlich mitnehmen sollten. Weber berichtete in einem Interview mit dem Historiker Rainer Ehm, dass erst nach heftigen Protesten von Bayerers Frau und seiner Tochter ein Buch über die Tour de France schließlich doch zurückgelassen wurde. Offenbar reichte ein einfacher Frankreichbezug – und sei er noch so unpolitisch – bereits aus, um ein Buch für vernichtenswert zu erachten.

Viele Regensburger kamen

aus Sensationslust vorbei

Insgesamt ist die Quellenlage zu den Regensburger Ereignissen nach wie vor dürftig. Allerdings kommen immer wieder neue Details ans Licht. 2013, genau 80 Jahre nach der Bücherverbrennung, konnten einige hochbetagte Zeitzeugen noch Näheres mitteilen. Doch obwohl damals im Rahmen eines Universitätsprojektes von Dr. Heike Wolter gleich mehrere Personen befragt wurden, war nur eine Interviewpartnerin tatsächlich Augen- und Ohrenzeugin der Bücherverbrennung am Neupfarrplatz gewesen. Die Dame hatte das Geschehen als 13-jährige Zuschauerin miterlebt. Das Feuer sei „am Neupfarrplatz, bei der Kirche, zur ,Rothdauscherseite‘ „ gewesen, erzählte sie. Also dort, wo sich heute das Modegeschäft „Zara“ befindet. „Wir haben lange überhaupt nicht gewusst, warum wir dort mitgehen sollen, aber dann haben wir gesagt: ‚Nein, das muss man schon sehen, so ein Ereignis, wenn da so viele Bücher verbrannt werden.‘“ Die simple Sensationslust war also offenkundig bei einigen Menschen ausschlaggebend gewesen, an diesem Akt der Barbarei teilzunehmen. Die Ereignisse des Frühjahrs 1933 generell und gerade die Bücherverbrennung selbst zeigen eindringlich, dass Regensburg kein Ort war, an welchem der Nationalsozialismus nur eine untergeordnete Rolle spielte, ja gewissermaßen nur ein unschöner ‚Betriebsunfall‘ der Geschichte war.

Sicherlich war Regensburg „kein Zentrum des Nationalsozialismus“, wie Erich Zweck in einer 1984 publizierten Studie über die NSDAP in Regensburg feststellte. Gerade aber weil Regensburg nicht zu den „Hochburgen“ der Nazis gehörte, wurde die Rolle der Stadt und ihrer politischen Protagonisten und Eliten während dieser Zeit bisher viel zu wenig beleuchtet. Auch die Bücherverbrennung auf dem Neupfarrplatz zählt zu den Ereignissen, über die vergleichsweise wenig publiziert und an die nur sporadisch, eigentlich erst seit einem guten Jahrzehnt, regelmäßig erinnert wird.

Die Vorgänge am Abend des 12. Mai 1933 auf dem Regensburger Neupfarrplatz jedenfalls offenbarten einmal mehr die hässliche „Fratze“ des NS-Regimes. Die Bücherverbrennung führte jedem Zeitgenossen unmissverständlich die Absicht der Nationalsozialisten vor Augen, nicht nur anders Denkende rücksichtslos zu unterdrücken, sondern auch das kulturelle Leben „einer unnachsichtigen Gängelung“, wie es der Historiker Hans-Ulrich Wehler treffend formulierte, zu unterwerfen. Aus heutiger Sicht erstaunt, mit welcher Gleichgültigkeit die Bücherverbrennung offenkundig hingenommen wurde, auch und gerade in Regensburg. Natürlich darf man es sich nicht zu leicht machen und das Wissen, das uns Nachgeborenen zur Verfügung steht, als Maßstab anlegen. Und doch wussten die Zeitgenossen um das Heine-Wort: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Auch ohne die Kenntnis der folgenden, schrecklichen Verbrechen waren brennende Bücher bereits 1933 mächtige Zeichen von Zensur und Bevormundung, die zumindest latent bei vielen Menschen Unbehagen ausgelöst haben müssen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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