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Dienstag, 23. Januar 2018 10

Musik

Bayerische Staatsoper rockt Puccinis „Trittico“

Nach fast 60 Jahren wagt sich die Bayerische Staatsoper wieder an Giacomo Puccinis Spätwerk „Il Trittico“. Regisseurin Lotte de Beer hält sich weise zurück - und Dirigent Kirill Petrenko lässt keine Sentimentalitäten aufkommen.
Von Georg Etscheit, dpa

Ermonela Jaho (m) in einer Szene aus Giacomo Puccinis "Il Trittico" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Peter Kneffel

München.Ohrenbetäubender Jubel, Pfiffe, Gejohle - solch ein enthemmtes Publikum trifft man sonst nur auf Rockkonzerten. Diesmal galten die Ovationen einer Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper.

Auf dem Programm am Sonntagabend im Münchner Nationaltheater: Giacomo Puccinis Spätwerk „Il Trittico“ (Das Triptychon) mit einem prächtigen Sängerteam, einer jungen, viel versprechenden Opernregisseurin und dem unvergleichlichen Kirill Petrenko am Pult des Bayerischen Staatsorchesters.

Puccinis „Trittico“ ist eine der merkwürdigsten Opernschöpfungen der Musikgeschichte. Drei Einakter aus völlig verschiedenen Genres hintereinander, die jeweils auch für sich stehen könnten (und oft separat gezeigt werden): das realistische Eifersuchtsdrama „Il Tabarro“ (Der Mantel) aus dem frühen 20. Jahrhundert, das Kloster-Melodram „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) aus der Barockzeit und die in der Renaissance angesiedelte Erbschleicher-Groteske „Gianni Schicchi“.

Von den zahlreichen Mitwirkenden fordert dieses dreistündige Wechselbad höchste Flexibilität, von der Regie die Fähigkeit, die Solitäre sinnhaft miteinander zu verklammern. Allen drei Teilen des „Trittico“ gemeinsam ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit: der Mensch ist unvollkommen, neigt mitunter zu Gewalt und hat Probleme mit dem Sterben.

Dass sich an diesen anthropologischen Konstanten durch alle Zeiten hindurch wenig geändert hat, soll auf der Bühne des Nationaltheaters eine Art Zeittunnel (Bühnenbild: Bernhard Hammer) symbolisieren, der mit unterschiedlichen Requisiten eher sparsam bestückt wird, darunter am Ende von „Suor Angelica“ ein kalt leuchtendes LED-Kreuz in Form eines Käfigs, das keine Erlösung verspricht.

Obwohl Regisseurin Lotte de Beer ihr Handwerk unter anderem bei dem Stückezertrümmerer Peter Konwitschny gelernt hat, lässt sie der Partitur den Vortritt. Effekte gönnt sie sich und dem Publikum selten. Nur zweimal beginnt sich der Tunnel zu drehen: beim Mord des eifersüchtigen Schiffers Michele an seinem Nebenbuhler Luigi im „Tabarro“ und im zweiten Teil, wenn die unglückliche Suor Angelica eine Vision ihres toten Kindes erlebt, das ihr als Spross einer nicht standesgemäßen Beziehung weggenommen wurde und starb, während sie im Kloster schmachtete.  

Ein solch minimalistisches Konzept von Regietheater steht und fällt mit der Darstellungskunst der Sängerinnen und Sänger und der Musiker im Graben. Auf der Bühne war die albanische Sopranistin Ermonela Jaho als Suor Angelica unbestrittener Star des Abends. Sie verkörperte die verzweifelte Nonne wider Willen mit vibrierender Innigkeit und makelloser Präzision, selbst im Pianissimo in höchsten Lagen.

In der Rolle des Gianni Schicchi, eines Falstaff ähnlichen Tunichtguts, glänzte der italienische Bariton Ambrogio Maestri. Der koreanische Tenor Yonghoon Lee war als Luigi die Entdeckung des Abends und die Mezzosopranistin Michaela Schuster wechselte furios von der Rolle der in ihren Konventionen gefangenen Fürstin in „Suor Angelica“ zur buffonesken Zita in „Gianni Schicchi“.

Was dann noch fehlte zum Theaterglück lieferten Kirill Petrenko und seine Musiker. Umsichtig und inspirierend wie gewohnt steuerte er das komplexe Geschehen auf die Millisekunde genau und ließ bei aller Emotionalität keine Sentimentalitäten zu. Vor allem „Suor Anglica“ steht mit seinen bittersüßen Kantilenen unter notorischem Kitschverdacht; Petrenko machte aus dem Reißer ein Wunder musikalischer Verinnerlichung.

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