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Donnerstag, 3. September 2015 20° 4

Event

Beim „Dinner im Dunkeln“ isst das Auge nicht mit

Bei „Von Sinnen!“ findet meist nur das Personal den rechten Weg – weil alle Servicekräfte blind sind.
Von Sabine Pusch, MZ

Durch den Verzicht auf optische Reize werden die anderen Sinne intensiviert.

Regensburg.Der Altstadtsalon des Sorat Insel-Hotels ist in tiefste Finsternis getaucht. Man kann nicht mal die eigene Hand vor Augen sehen, von den verschiedenen Gängen des Menüs ganz zu schweigen. Es ist nicht Nacht und Lampen gäbe es wohl auch genug, aber es wird bewusst im Dunkeln gespeist. Der visuelle Sinn wird in den kommenden zwei Stunden nichtig sein, denn das gehört zum Konzept von „Von Sinnen! – Das Dinner im Dunkeln“.

Im Laufe eines Tages nimmt das menschliche Auge permanent optische Botschaften auf und muss diese anschließend verarbeiten. Anders dagegen bei der von Felix Bierig organisierten außergewöhnlichen Veranstaltung. Hier rücken Schmecken, Hören, Fühlen und Riechen in den Vordergrund und die Energie des Visuellen verteilt sich auf die anderen Sinnesorgane. Diese werden durch den Verzicht sensibilisiert und ermöglichen somit den Eintritt in eine neue, bewusstere und faszinierende Geschmackswelt.

So spannend und lustig das Dinner im Dunkeln auch sein mag, so unheimlich und verunsichernd kann es auch sein. Genau deshalb steht jeder Gästegruppe ein persönlicher Ansprechpartner zur Seite. Das geschulte Personal findet auch in völliger Finsternis den rechten Weg, serviert die Gänge und schenkt genau richtig ein. Aus einem einfachen Grund: Bei „Von Sinnen!“ sind alle Servicekräfte blind oder stark sehbehindert.

Melanie Eger, eine blinde Studentin aus Regensburg, arbeitet beim „Dinner im Dunkeln“, nimmt auch aus persönlichen Gründen an der Veranstaltung teil und möchte damit Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für alle Menschen machen, die erblindet sind. „Wir können zeigen, dass wir nicht so hilflos durchs Leben gehen wie einige Leute oft denken. Ich freue mich schon auf den Rollentausch, bei dem ich einiges an erfahrener Hilfe zurückgeben kann“, sagt die 27-Jährige. Sie steht den Teilnehmern während des Diners zur Seite und kann zahlreiche Tipps zum Zurechtfinden im Dunkeln geben.

Nachdem die Gäste ihre Plätze eingenommen und sich während einer kurzen Eingewöhnungsphase mit der Dunkelheit vertraut gemacht haben, beginnt das eigentliche Abenteuer – das Dinner. Die einzelnen Gänge des Menüs sind auf den Verzehr in der Finsternis abgestimmt, die Speisen müssen weder tranchiert noch von Gräten befreit werden. So können sich die Gäste voll und ganz auf das faszinierende und neuartige Zusammenspiel der Sinne und damit einhergehenden Erfahrungen konzentrieren. Jedes Geräusch, jede Bewegung und jeder Geruch wird zu einem besonderen Erlebnis. Nach jedem Gang erfolgte eine mündliche Erklärung der Kreation, die immer wieder für Überraschung sorgt, denn scheinbar isst das Auge manchmal wirklich mit.

Auch alternative Sichtweisen können aufkommen, denn hier wird niemand nach optischen Richtlinien bewertet. „Für mich zählen sowieso nur die inneren Werte – und natürlich die Stimme. Ich denke, dass die Gäste an diesem Abend ähnliche Erfahrungen machen und feststellen werden, wie sehr man sich sonst von Äußerlichkeiten beeinflussen lässt. Im Dunkeln sind wir alle gleich“, erklärt Melanie Eger. Und auch der Fuchs in Antoine de Saint Exupérys „Der kleine Prinz“ wusste: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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