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Sonntag, 19. November 2017 5

Tiere

Biologe beklagt Verschwinden der Falter

Wiesen voll blühendem Löwenzahn oder riesige Maisfelder: Schmetterlingsforscher sehen solche Landschaften nicht gern.

Auf den Blüten eines Schmetterlingsbaumes: Ein "Kleiner Fuchs" (l.) und ein "Admiral"-Schmetterling. Foto: Carsten Rehder

Hamburg.Die Schmetterlinge gehen an vielen Orten Deutschlands stark zurück. Nun hat ein Biologe weitere dramatische Daten vorgelegt.

Seit Anfang der 80er Jahre sei die Häufigkeit nachtaktiver Schmetterlinge an untersuchten Stellen im Inntal um die Hälfte und die Anzahl der Arten um mehr als die Hälfte gesunken, sagte der Biologe Josef Reichholf. Der Schmetterlingsforscher erstellte im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung einen sogenannten Statusbericht. Demnach gehen diese Insekten vor allem auf landwirtschaftlichen Gebieten zurück.

Der Professor bestimmt seit 1969 die Häufigkeit der nachtaktiven Falter in seiner niederbayrischen Heimat. Auf Äckern nahe dem Dorf Aigen am Inn zählte er nur etwa ein Drittel so viele Schmetterlinge wie am Rande der Münchner Innenstadt. Auch in Wäldern sei der Rückgang der Schmetterlingsarten und -exemplare nicht so dramatisch. Reichholf findet dagegen auf Feldern und Wiesen nur noch selten Bläulinge, Große Ochsenaugen, Totenkopfschwärmer oder Mittlere Weinschwärmer. Der Kleine Feuerfalter oder der Schachbrettfalter seien bereits verschwunden.

Von den rund 3700 Schmetterlingsarten in Deutschland sind 190 Tagfalter und 1160 Nachtfalter. Knapp 2350 weitere Arten gehören zu den sogenannten Kleinschmetterlingen. Die Falter haben nach Angaben von Reichholf eine wichtige Funktion bei der Bestäubung bestimmter Pflanzen und sind eine bedeutende Nahrungsquelle für Vögel. Fast 50 Prozent der besser erforschten Tagfalter stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.

„Da wird genau zur ungünstigsten Zeit nahezu Tabula rasa gemacht.“

Biologe Josef Reichholf

Ursache für das Verschwinden der Schmetterlinge sind nach seiner Ansicht vor allem der starke Maisanbau in Monokultur und die Überdüngung der Felder. Gülle werde auf Grünflächen gespritzt. Das verbreitete Gelb des Löwenzahns sei ein Anzeichen dafür. Konkurrenzschwache Pflanzenarten, auf die die Schmetterlinge angewiesen seien, hätten dagegen keine Chance mehr. Der Lebensraum für die Falter schwinde, auch durch das häufige Mähen von Wiesen. „Da wird genau zur ungünstigsten Zeit nahezu Tabula rasa gemacht“, kritisierte Reichholf diese nach seiner Ansicht „destruktive Vorgehensweise“.

Zumindest eine Gruppe von Schmetterlingen kommt damit allerdings gut zurecht: die Brennnesselfalter. Deren Häufigkeit nahm nach den Zählungen von Reichholf in den vergangenen Jahren zu, denn Brennnesseln wachsen auf stickstoffreichem Boden gut.

Bericht am 10. November

Die Klimaerwärmung könnte den seltener gewordenen Schmetterlingen eigentlich helfen. Doch sie kommt im Lebensraum dieser wärmeliebenden Insekten nicht an. Der kräftige Wuchs der Grünpflanzen führe am Boden zu einem feuchten und kühlen Mikroklima, das den Schmetterlingen und anderen dort lebenden Arten zu schaffen mache.

Reichholf promovierte 1969 über am Wasser lebende Schmetterlinge. Er leitete viele Jahre den Bereich Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München und schrieb mehrere Bücher, darunter eines zur Bestimmung von Schmetterlingen. Seinen Statusbericht will die Wildtier Stiftung am 10. November in Berlin ausführlich vorstellen.

Der Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn, Prof. Wolfgang Wägele, beklagte wie Reichholf, dass es in Deutschland keine systematische Forschung zur Veränderung der Artenvielfalt gibt. Nach Ansicht des Bonner Zoologen sind die Ursachen für das Verschwinden der Schmetterlinge komplex. Wägele kritisiert das „Aufräumen der Landschaft“ und die Überdüngung der Wiesen. Große Stickstoffmengen aus der Massentierhaltung und aus der Luft gelangten in den Boden. Pestizide und der Siedlungsbau trügen ebenfalls zum Rückgang der Artenvielfalt bei. Lampen seien eine tödliche Falle für Nachtfalter.

„Wir brauchen eine naturverträgliche Landwirtschaft.“

Fritz Vahrenholt

Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut (SDEI) in Müncheberg bei Berlin beobachtet den Rückgang der Schmetterlinge ebenfalls seit längerem, etwa im Moseltal, bei Düsseldorf oder in der Lüneburger Heide: „Wir gehen davon aus, dass bundesweit überall tendenziell dasselbe passiert, allerdings mit regionalen Unterschieden“, sagte er bereits im vergangenem Jahr.

Der Alleinvorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, Fritz Vahrenholt, forderte eine Kurskorrektur in der Landwirtschaftspolitik. „Wir brauchen eine naturverträgliche Landwirtschaft“, sagte der frühere Hamburger Umweltsenator. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz müsse geändert werden. Es dürfe nicht länger der Maisanbau zur Erzeugung von Biogas gefördert werden.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Wildtier Stiftung halten fast drei Viertel der Deutschen (73 Prozent) das Verschwinden der Schmetterlinge für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Bei einer Auswahl von 15 Insektengruppen nannten die Befragten die Schmetterlinge als ihre beliebtesten Arten, noch vor den Bienen. Allerdings bezogen sie sich damit auf die Tagfalter, und nicht auf nachtaktive Schmetterlinge und Motten.

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