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Panorama
Montag, 19. Februar 2018 4

Gesellschaft

Bloggen über den Alltag mit Behinderung

Dank Blogs, Twitter und anderen Social-Media-Plattformen wird der Alltag von Menschen mit Behinderung sichtbarer – und auch, worunter sie leiden.
Von Sophia Weimer, dpa

Raul Krauthausen schreibt in einem Cafe in Berlin an seinem Blog. Foto: dpa

Berlin.Raúl Krauthausen ist Rollstuhlfahrer, kleiner als viele andere und bringt seine Gedanken und Thesen blitzgescheit auf den Punkt. Der 33-Jährige bloggt, twittert und schreibt Bücher. Sich selbst beschreibt Krauthausen als „Berliner. Glasknochenbesitzer. Aktivist“. „Menschen mit Behinderung können auch Arschlöcher sein oder eben auch unheimlich talentiert“, sagt er im Interview. Er selbst sei meistens fröhlich und nett. Am kommenden Samstag wollen Menschen mit Behinderung bei einer Straßenparade in Berlin gemeinsam feiern – und sich so zeigen, wie sie sind. Dazu nutzen viele aber inzwischen auch das Internet.

So wie Krauthausen selbstbewusst und völlig selbstverständlich Einblick in sein Leben gewährt, machen es auch andere. Wie die gehörlose Julia Probst, die bei Twitter verrät, was sie während der WM-Spiele von Jogi Löws Lippen gelesen hat. Oder Jule „Stinkesocke“ die in ihrem Blog über ihren Alltag mit einer Querschnittslähmung berichtet. Sie war als 15-Jährige bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt worden.

Neue Sichtbarkeit über Blogs

Ist das ein neues Selbstbewusstsein der Menschen mit Behinderung? Nicht unbedingt, meint Krauthausen. „Ich glaube, dass vielmehr durch die Neuen Medien Behinderung sichtbarer wird.“ Diese Menschen hätten sich schon vorher stark engagiert. „Aber das bekommt durch das Internet eine neue Sichtbarkeit, auch für Nicht-Behinderte. Das hat nicht mehr so diesen Parallelwelt-Charakter.“

In Deutschland hätten viele Menschen noch Berührungsängste – die durch „Parallelwelten“ wie Förderschulen verstärkt würden. Krauthausen setzt sich mit seinem Projekt „Leidmedien.de“ für eine vorurteilsfreie Sprache ein, wenn es um Behinderungen geht. „Ich leide ja nicht an meinen Glasknochen, sondern ich leide an Treppen, Stufen und behördlichem Wahnsinn.“ Er fühle sich auch nicht an den Rollstuhl gefesselt - im Gegenteil: „Der Rollstuhl bedeutet Freiheit für mich.“

Mit Vorurteilen will auch Jule „Stinkesocke“, Jahrgang 1992, aufräumen. Auf ihrem preisgekrönten Blog listet sie beispielsweise 50 Sätze auf, die sie schon „mehr als einmal“ von Wildfremden gehört habe. Darunter Ausrufe wie „Sie haben bestimmt starke Armmuskeln!“. Damit auch sonst keine offenen Fragen bleiben, beantwortet sie einige Klassiker-Fragen. Wie sie es schafft, sich auf die Toilette umzusetzen und sich zeitgleich die Hose runter zu ziehen beispielsweise. Oder ob sie eigentlich trotz der Lähmung einen Orgasmus bekommen kann.

Pride Parade gegen die Scham

Facebook und Co. böten Sichtbarkeit und Berührungsflächen, sagt Krauthausen. „Plötzlich im Leben von nicht-behinderten Menschen aufzutauchen mit Themen, die sie vielleicht bislang gar nicht berührt haben.“ Beispielsweise in England sei man schon weiter, betrachte Behinderungen eher als soziales Modell, erzählt der Gründer des Vereins „Sozialhelden e. V.“. „In Deutschland denkt man noch sehr stark in so einem Rehabilitationskontext, will immer das Optimale für Menschen mit Behinderung, sie fördern, sie therapieren, sie gesund machen.“

Doch genau das wollen viele eben nicht. Die Veranstalter der sogenannten Pride Parade rufen Menschen mit Körperbehinderungen, psychischen Schwächen und Lernschwierigkeiten dazu auf, dem Scham laut entgegenzutreten. „Freaks, Krüppel, Lahme, Taube und Normalgestörte“ wollen dann – am Samstag - auf den Straßen Berlin-Kreuzbergs tanzen, feiern, rollen und humpeln.

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