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Panorama
Montag, 11. Dezember 2017 4

Interview

„Das Leben bringt mich immer weiter“

Estella Schweizer, Geschäftsführerin des Regensburger Taracafés und Veganerin, spricht über Ernährung und Unterbewusstsein.
Von Heike Sigel

Die Regensburger Veganköchin Stella Schweizer Foto: Maria Siebenhaar

Regensburg.Estella Schweizer als die Veganköchin Regensburgs zu bezeichnen, ist fast schon untertrieben. Denn inzwischen hat sich die 34-Jährige mit ihren veganen Dinnerevents, ihren Kochkursen und natürlich mit den leckeren veganen Gerichten, Kuchen, Torten und Pralinen im Taracafé weit über die Landkreisgrenzen hinaus einen guten Namen gemacht – und das nicht nur bei Vegetariern und Veganern. Beim „Sonntagsfrühstück“ mit veganem Schoko- und Rhabarber-Käsekuchen erzählte eine energiegeladene und zugleich nachdenkliche Estella über ihre verschlungenen Pfade hin zur beruflichen Erfüllung, ihre Passion für gesunde Ernährung, ihr Leben als Unternehmerin und natürlich darüber, wie es ist, ständig auf ihre vegane Ernährung angesprochen zu werden.

Estella, Vegansein scheint inzwischen zum schicken Lifestyle zu werden. Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Veganer weiblich, zwischen 30 und 50, gebildet und gut verdienend sind. Ist Veganismus also was für den gut situierten Mittelstand?

Da muss man differenzieren. Der eine sieht einen veganen Lifestyle darin, dass er seine Ernährung ganz genau überdenkt, auf pflanzliche Kost umstellt und das hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen tut. Der andere möchte aus ethischen Gründen darauf verzichten, Tiere zu essen. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die sich aus Lifestylegründen für einen veganen Lebensstil entscheiden, weil das tatsächlich gerade ein Hype ist, oder weil sie vielleicht abnehmen wollen. Das Problem ist, dass sich vor allem die letzte Gruppe nicht damit auseinandersetzt, was eigentlich gesund vegan wäre, sondern mitunter einem Diättrend folgt, der nicht immer ausgewogen ist.

Für manche scheint das Thema Essen inzwischen zum zentralen Lebensthema zu werden, das auch in den Medien immer stärker in den Vordergrund drängt. Obwohl andere doch lieber auf Fastfood und Fertigprodukte zurückgreifen. Eine eigenartige Entwicklung, oder? Zumal die Essensgewohnheiten oft mit einem bestimmten sozialen Hintergrund der Menschen zusammenhängen.

Das stimmt. Ich glaube, diese besserverdienende Mittelschicht, von der du gesprochen hast, die macht entweder low carb, Paleo oder lebt hauptsächlich vegan. Ernährung wird zu einer Art Ersatzreligion. Die Frage, welchem Ideal kann ich folgen und entsprechen, wird enorm wichtig. Man profiliert sich damit, was man konsumiert. Aber: Wenn ökologische Produkte zum Lifestyle-Trend werden, dann werden sie auch entsprechend beworben und weiterentwickelt. Es gibt immer mehr vegane Fertigprodukte auf dem Markt. Vegane Wurst zum Beispiel braucht niemand. Das ist weder nachhaltig noch gesundheitlich sinnvoll. Eine vegane Ernährung, die gesund und gut durchdacht ist, wäre dabei auch etwas für Menschen, die nicht so viel Geld verdienen. Die regionalen, frischen Basislebensmittel, die ich dafür brauche, haben rein gar nichts damit zu tun, „es sich leisten zu können“. Hier fehlt die Aufklärung und leider konsumieren gerade diese Menschen oft vorgefertigte Produkte, die im Vergleich wesentlich teurer sind als pflanzliche Rohprodukte.

Sonntagszeitungsredakteurin Heike Sigel traf sich mit Estella Schweizer im Taracafé zum „Sonntagsfrühstück. Foto: Sigel

Was sind eigentlich Deine Motive vegan zu leben?

Zu 100 Prozent vegan lebe ich gar nicht. Manchmal mache ich eine Ausnahme. Wenn ich mit Freunden Eisessen gehe und eine bestimmte Sorte probieren möchte, dann tue ich das. Ich möchte Geschmäcker ausprobieren und experimentieren. Ich will jeden Geschmack kennen, um ihn dann vegan „nachbauen“ zu können. Aber ich verzehre kein Fleisch und keinen Fisch, weil mir das einfach widerspricht. Ich beschäftige mich mit veganer Ernährung, seit ich elf Jahre alt bin, und hatte immer wieder Phasen, in denen ich lediglich vegetarisch gelebt habe. Aber jedes Mal, wenn ich vermehrt tierische Produkte konsumiere, verlangsamt sich mein Stoffwechsel und ich fühle mich schlapp und beschwert. Diese Ernährung hat sich einfach nie wirklich positiv oder, besser gesagt, „belebend“ für mich angefühlt.

Verzichtest Du auch in anderen Bereichen, bei der Kleidung zum Beispiel, auf tierische Produkte?

Ich trage zwar schon manchmal Leder, weil ich solche Dinge einfach noch habe. Aber mein Motiv, vegan zu leben, ist auch der Wunsch nach Nachhaltigkeit. Ich versuche, regionale Produkte zu kaufen, ich trage fair hergestellte Kleidung und achte darauf, nicht dreimal im Jahr in Urlaub zu fliegen und mordsmäßige CO2-Emissionen zu produzieren. Ich frage mich jedesmal, ob ich heute mein Auto benutze oder nicht. Ich will mir bei allem, was ich tue, bewusst sein, dass es eine Welt nach uns gibt. Ich frage mich: Wie müssen wir als Gesellschaft unsere Ernährung konzipieren, damit wir diesen Planeten erhalten? Die massive Tiermast ist heute eine der größten Verunreinigungsquellen für die Erde. Weil wir nicht bereit sind, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern, werden unsere Kinder in einer Welt groß werden, die bald nicht mehr das ist, was wir heute kennen. Aber all der Überfluss macht uns gar nicht glücklich. Wenn man sich vor Augen führt, dass viele Menschen auf Reisen lieber Fotos machen, um dann zuhause von den Sehenswürdigkeiten berichten zu können, anstatt den Moment wirklich zu fühlen und zu erspüren, dann ist das Profilierung, aber sicher kein Glück.

Stimmt es, dass man mit einer veganen Ernährung seinem Körper gar nicht alle nötigen Nährstoffe zuführen kann?

Jein. Man muss als Veganer kaum Nährstoffe zusätzlich zu den Mahlzeiten aufnehmen, außer Vitamin B12. Das entsteht bei der Zersetzung von Fleisch im Fleisch selbst. Aber auch nur in toten Tieren, die vorher optimal ernährt wurden und deren Fleisch genügend lange abgehangen ist, was in der heutigen Zeit nicht immer der Fall ist. Oft wird Tieren deshalb Vitamin B12 in hohen Dosen in ihr Futter dazugemischt. Das heißt, dass Menschen, die Fleisch essen, das Vitamin B12 zwar nicht schlucken, dafür tun das aber die Tiere, die sie essen. Auf eine genügende B12-Zufuhr sollte man also nicht nur als Veganer oder Vegetarier achten. Mit einem Bluttest kann der Status sehr gut festgestellt werden. Auch Vitamin D muss zugeführt werden. Das hat damit zu tun, dass wir alle generell nicht mehr oft genug in der Sonne sind. Und wenn, dann sind wir mit Sonnencreme geschützt, weshalb die Haut kein Vitamin D bilden kann. Sinnvoll wäre es außerdem, wenn man nicht täglich Leinsamen verzehren kann, ab und zu auch Omega-3-Fette zum Beispiel als Algenöl-Kapseln zu sich zu nehmen. Grundsätzlich sollte jeder darüber hinaus auch auf seine Jod-Zufuhr achten. Zink kann sehr gut mit Vollkornprodukten und Saaten aufgenommen werden. Selen deckt man ab, indem man täglich ein bis zwei Paranüsse isst. Aber Achtung, wer die Paranuss-Packung auf einmal knabbert, riskiert eine Selenvergiftung. In der Regel leben Veganer per se vitalstoffreich, gesund, ausgewogen und bewusst, weil sie sich viele Gedanken über eine vollwertige Ernährung machen.

Du hast Humanmedizin studiert und schon von daher ein großes Wissen über körperliche Abläufe. Warum hast Du letztendlich aber beruflich einen ganz anderen Weg eingeschlagen?

Rückblickend war das keine kalkulierte Entscheidung. Ehrlich gesagt hat mein Unterbewusstsein Alarm geschlagen und gesagt: „Hey, du bist total unglücklich. Was machst du da eigentlich?“. Mich hat auch die Distanz zum Menschen im Medizinstudium immer sehr gestört. Mein siebter Sinn hat mich schließlich gezwungen, die Richtung zu ändern. Seit dem Moment, an dem ich das Studium geschmissen habe, habe ich das Gefühl, dem Leben vertrauen zu können. Das Leben bringt mich immer weiter. Ich habe die Kontrolle aufgegeben und dann kam immer eins zum anderen.

Zur Person

  • Vita:

    Estella Schweizer wurde 1983 in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von vier Jahren kam sie zusammen mit ihren Eltern nach Regensburg, wo sie 2003 am Albertus-Magnus-Gymnasium auch ihr Abitur machte. Danach studierte Estella Schweizer bis 2008 Humanmedizin in Freiburg im Breisgau.

  • Beruf:

    Kurz vor dem Abschluss ihrers Studiums entschied sie sich jedoch für eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Ergotherapeutin. 2011 dann begann eine Zeit, die Schweizer selbst als „kreatives Experimentieren in der Gastronomie“ beschreibt. Sie arbeitete in Freiburg als Assistenz der Geschäftsleitung in einem gastronomischen Betrieb, zusätzlich in einer Kochschule und machte sich parallel dazu mit einem „Crêpe-Fahrrad“ selbstständig. Im Januar 2015 kehrte die heute 34-Jährige nach Regensburg zurück.

  • Eigenes Unternehmen:

    Sie gründete ihre Firma „Spontan vegan“ und übernahm im Juni 2015 die Geschäftsführung des Taracafés, Am Brixener Hof 5 in Regensburg. Inzwischen ließ sie sich im Berliner Plant Based Institute zum „Plant Based Chef & Nutritionist“ ausbilden.

  • Interview:

    Sonntagszeitungsredakteurin Heike Sigel traf sich mit Estella Schweizer im Taracafé zum „Sonntagsfrühstück“– dabei durfte Estellas veganer Schokokuchen natürlich nicht fehlen.

Und das Leben hat Dich dann irgendwann ins Taracafé geführt?

Genau. Da bin ich reinspaziert, weil ich mich selbstständig machen und dort schlaumachen wollte, wie man so ein überschaubares, kleines Restaurant aufzieht. Denn ich wollte auch nichts total Großes haben. Und aus diesem rein zufälligen Treffen entstand dann eine Geschäftsbeziehung, die für mich sehr glücksbringend ist. Das war aber auch wieder keine bewusste Entscheidung.

Du führst das Café jetzt seit zwei Jahren, gibst Back- und Kochkurse und veranstaltest Dinnerevents. Jede Woche tüftelst Du einen neuen Speiseplan aus. Das klingt nicht nach einer 38,5-Stunden-Woche.

Nein, das entwickelt sich nicht mit einer 38,5-Stunden-Woche. Aber eigene Ideen umsetzen können beflügelt und gibt Leichtigkeit und Energie. Ich liebe zum Beispiel meine Kurse und die Dinnerevents. Die laufen wirklich super, die Teilnehmer sind immer motiviert und stellen auch immer viele Fragen. Die Backkurse sind manchmal auch ein bisschen Gesundheitsberater-Kurse (lacht).

Attila Hildmann ist mit seinen Vegan-Kochbüchern inzwischen reich geworden.

Attila Hildmann hat etwas Krasses geschafft. Er hat veganes Essen so trendy und attraktiv gemacht, dass in kürzester Zeit ganz viele Menschen bereit waren, das Ganze zumindest einmal auszuprobieren und dann über die Erfahrung gemerkt haben: „Das tut mir gut.“ Er hat damit fast eine Massenbewegung in Gang gesetzt. Und er hat wahrscheinlich viel Ahnung von Marketing. Die anderen Köche, die ich so aus der veganen Szene kenne, die sind alle nicht reich. Für die Zeit, die ich in meine Arbeit, meine Projekte stecke, verdiene ich wahrscheinlich sogar unter Mindestlohn. Denn ich verstehe mich als Selbstständige und arbeite bestimmt so um die 80 Stunden in der Woche. Davon wird man im Alltag nicht reich. Ich finde, das ist auch nicht notwendig. Ich pflege ganz andere Werte und habe meine Berufsentscheidung jedenfalls noch nie bereut.

Vielleicht täusche ich mich, aber Du machst nicht den Eindruck, als ob Du die Leute missionieren willst.

Missionieren nicht, aber inspirieren! Das finde ich schön. Ich möchte vegan leben, schätze aber auch die Freiheit, situationsbezogen mal eine Ausnahme zu machen. Man darf das Ganze nicht zu dogmatisch sehen.

Nervt es Dich eigentlich, dass Du immer wieder auf Deine vegane Ernährung angesprochen und manchmal auch ein bisschen darauf reduziert wirst?

Nein, weil ich weiß, dass ich nicht missionieren will. Das Vegansein gehört einfach zu mir. Ich mache übrigens auch selten die Erfahrung, dass ich dafür angegriffen werde. Aber ich würde mich angreifbar machen, wenn ich ständig versuchen würde, die anderen zum veganen Leben zu „bekehren“.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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