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Donnerstag, 14. Dezember 2017 3

Trendsport

Das zweite Leben von Freitaucher Nitsch

Ein schwerer Unfall veränderte das Leben von Extremtaucher Herbert Nitsch. Der Österreicher kämpfte und taucht heute wieder.
Von Simon Ribnitzky, dpa

Bei einem Tauchgang vor der griechischen Insel Santorin passierte der Unfall, bei dem der österreichische Apnoetaucher Herbert Nitsch nur knapp dem Tod entkommen war. Foto: dpa

Wien.Der Tag, der Herbert Nitschs Leben veränderte, war ein windiger Frühlingstag vor der griechischen Insel Santorin. Der heute 45-jährige Österreicher wollte seinen eigenen Rekord brechen, noch tiefer hinabtauchen, als es jemals einem Menschen gelungen war. Ohne Pressluftflasche, 253 Meter tief, mit nur einem Atemzug. Doch beim Auftauchen geschah das Unglück. Nitsch schlief in der Tiefe ein, nachdem er die 253 Meter erreicht hatte. Rasch brachte ihn der Tauch-Schlitten bis auf zehn Meter unter die Wasseroberfläche.

Helfer holten Nitsch, inzwischen wieder wach, die letzten Meter nach oben – aber ohne den wichtigen Dekompressionsstopp zum Druckausgleich. Nitsch erlitt mehrere Hirnschläge. „Ich erhielt die Prognose, ein lebenslang an den Rollstuhl gefesselter, pflegebedürftiger Patient zu bleiben“, berichtet er später.

Heute, knapp drei Jahre nach dem Unfall, geht der athletisch gebaute Mann mit dem Glatzkopf wieder tauchen. „Im Wasser habe ich keine Beeinträchtigungen“, sagt er. An Land spürt er die Folgen des Unfalls noch immer, hat mit Gleichgewichtsstörungen zu kämpfen. Noch ist er weit davon entfernt, wieder auf Rekordjagd in die Tiefe zu gehen, doch er sagt: „Sag niemals nie!“

Neun Minuten Luft anhalten

Nitsch ist Apnoetaucher. Apnoe, das steht für „nicht atmen“. Mehr als neun Minuten kann er die Luft anhalten, hat dafür seine eigenen Techniken entwickelt. Sein Lungenvolumen von zehn Litern kann er auf 15 Liter erweitern. Ein normaler erwachsener Mann kommt auf etwa sieben Liter. „Es ist unvorstellbar, wozu dein eigener Körper in der Lage ist“, meint Nitsch.

Zum Freitauchen ohne Pressluftflaschen fand Nitsch durch einen Zufall, weil er bei der Anreise zu einer Tauchsafari seine Ausrüstung verlor. Also ging Nitsch schnorcheln statt tauchen und entdeckte so vor rund 20 Jahren seine Begabung fürs Freitauchen. „Freitauchen ist genauso Teil meines Lebens wie essen, trinken und schlafen“, sagt er.

Extremtaucher Herbert Nitsch kann knapp drei Jahre nach seinem schweren Unfall wieder lachen. Foto: dpa

Das Risiko, das er bei seinen Tauchgängen eingeht, hält Nitsch für kalkulierbar. In der Szene gilt er sogar als der Vorsichtige, hat sich für zahlreiche Sicherheitsvorschriften im Apnoesport eingesetzt. Nitsch war 15 Jahre Flugkapitän bei Austrian Airlines. „Ein Beruf, bei dem die Auswegplanung für den schlimmsten Fall auf der Tagesordnung steht.“ Er ist deshalb überzeugt: „Unbewusste Risiken, die wir täglich eingehen, sind weitaus gefährlicher, als bewusste Risiken einzugehen mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen.“

Adrenalin als größter Feind

Als Draufgänger oder Adrenalin-Junkie sieht Nitsch sich deshalb nicht. „Adrenalin ist der größte Feind eines Freitauchers.“ Denn wer aufgeregt ist, braucht mehr Sauerstoff, kann also weniger lang unter Wasser bleiben. „Man muss außerhalb der Norm denken und agieren.“ Von außen betrachtet könne das schon ein bisschen verrückt wirken.

Der Unfall hat Nitschs Leben verändert. „Ich glaube jeder, der dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen ist, betrachtet das Leben sicherlich genauer.“ Heute ist Nitsch viel auf Reisen, hält Vorträge. Gerade baut er ein U-Boot, um die Unterwasserwelt zu erforschen und sich für den Schutz der Meere einzusetzen. Auch mehrere Bücher sind geplant: eine Autobiografie und eine Serie über die Kunst des Freitauchens. Nach dem Unfall hätte Nitsch allen Grund, das Meer zu meiden. Doch er kann nicht davon lassen. „Ich respektiere den Ozean, aber ich habe ihn nie gefürchtet.“

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