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Der Dirigent und sein Instrument

Domkapellmeister Roland Büchner stimmt seine „Männer“: Über die Polyphonie in der Domspatzenwelt – und darüber hinaus
Von Angelika Sauerer, MZ

Man muss dem Einzelnen Gehör schenken, um was Großes zu fühlen, zu verstehen und zu schaffen. Das ist Roland Büchners Job als Domkapellmeister bei den Regensburger Domspatzen. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Der Dirigent ist ein bisschen verschnupft. Ausgerechnet jetzt, wo so viele Konzerte anstehen. Roland Büchners Stimme ist rau, die Nase zu. Er macht sich einen grünen Tee. Das wird helfen. Eigentlich könnte es egal sein, wie gut das Organ des Domkapellmeisters klingt. Denn singen muss nicht er, singen werden 82 Knaben und junge Männer – die Konzertbesetzung der Regensburger Domspatzen. Aber es ist keineswegs egal.

Der Chef und sein Ensemble bilden eine Einheit. Einer für alle, alle für einen. Wenn alles stimmt, passiert das Wunder: ein Klang, der höher schwingt und tiefer berührt als die Summe schöner Stimmen. Roland Büchner breitet die Arme aus und sucht nach Worten. „Es ist unbeschreiblich. Mir läuft dann die Gänsehaut rauf und runter“, sagt er, überwältigt vom Glück der Polyphonie.

Die Klang gewordene Verneigung vor der Vielfalt in der Einheit

Man muss die Polyphonie erklären, um die Domspatzen zu verstehen. Und diesen Dirigenten. Während Homophonie das Untermalen einer führenden Melodie mit Akkorden beschreibt, meint die Polyphonie den gemeinsamen Klang selbstständiger Liedstimmen. Mal schwingt sich die eine in den Vordergrund, mal die andere, mal nimmt eine den Faden auf, dann gibt sie ihn wieder ab. Solche Art von Musik, vor allem Werke Palestrinas und Orlando di Lassos, in höchster Präzision, sechsstimmig, achtstimmig zu beherrschen, ist das Markenzeichen der Domspatzen. Jede Stimme folgt ihrer eigenen Melodie, und wer mit dem inneren Ohr genau zuhört, erkennt das Verbindende im Einzelnen. Es ist quasi die Klang gewordene Verneigung vor der Vielfalt in der Einheit. „Für mich als Junge war es eine Initialzündung, als ich die Polyphonie entdeckte“, sagt Roland Büchner.

Ein Prinzip in allen Lebenslagen: Man muss dem Einzelnen Gehör schenken, um was Großes zu fühlen. Foto: Sabine Franzl

Im Grunde begleitet ihn ihr Prinzip seither in allen Lebenslagen: Man muss dem Einzelnen Gehör schenken, um was Großes zu fühlen, zu verstehen und zu schaffen. Das ist Roland Büchners Job bei den Domspatzen – und zutiefst seine Überzeugung. Und seit endlich der Missbrauchsskandal aus früheren Zeiten auf diese Weise aufgearbeitet wird, fühlt sich der Domkapellmeister auch selbst wieder im Einklang mit der Domspatzenwelt.

Übungsraum, vierter Stock. Roland Büchners Rechte schlägt Akkorde an, die er halb stehend, halb am Flügel sitzend mit der Linken aus der Luft zu pflücken scheint. „Sehr schön, Männer, sehr schön“, sagt er, „und nun die zweite Katastrophe.“ Zwei junge Solisten – ein Sopran und ein Alt – proben das Duett, das sie in den Weihnachtskonzerten vor Hunderten von Zuschauern singen. Die winterliche Nachmittagssonne taucht den großen Raum in ein mildes Licht. Durch die Fensterreihen geht der Blick weit nach Westen zur Altstadt. Im Osten bremst die Baustelle des Erweiterungsbaus des Domspatzen-Gymnasiums die Aussicht. Manchmal, wenn der Himmel besonders spektakulär aussieht, hält Roland Büchner in seiner Probe inne und schickt die Buben ans Fenster zum Schauen. Denn wer singen will, muss auch fühlen können.

Büchner mit zwei Solisten: „Ihr schafft das.“ Klar doch. Foto: Sabine Franzl

Nun also die zweite Strophe. „Erzählt mir das Lied mit euren Augen“, fordert Büchner die Buben auf. Er selbst kann ja mit seinen Augen ganze Partituren erzählen. Und als ob zwei Hände nicht reichten, dirigiert er mit allem, was sich an einem Körper bewegen lässt. Es ist wie ein pantomimischer Tanz, mit dem er unsichtbare Töne im Raum greifbar werden lässt: ein furioses Crescendo ebenso wie ein feines, wattezartes Pianissimo, das nur vom Ächzen und Knarzen des Klavierhockers untermalt wird. Mit seinen dünnen und schon ein bisschen altersschwachen Beinen hat der Stuhl Spuren ins Parkett geritzt. Um ihn zu stabilisieren, wurde nachträglich eine Platte eingesetzt. Messingnieten fixieren den abgewetzten, lindgrünen Sitzbezug. Die hohe Sitzfläche ist vorn abgeschrägt – eher ein Möbel zum raschen Aufspringen als zum bequemen Hinsetzen. Das kommt Büchners Stil zupass. Doch es ist Georg Ratzingers Hocker, auf dem der Domkapellmeister immer noch sitzt. Büchner war 40, Ratzinger 70, als er dessen Nachfolger wurde. Nun ist Büchner 62 und erinnert sich an Ratzingers Worte zum Einstand. Es sei gut, dass ein Junger kommt. Denn der habe eine moderne Ausbildung. Das bringe den Chor vorwärts und setze neue Impulse. „So werde ich das auch sehen, wenn ich aufhöre“, sagt Roland Büchner.

„Erzählt mir das Lied mit euren Augen“, fordert Büchner die Buben auf. Foto: Sabine Franzl

Im Moment ist er noch mehr am Aufbauen als am Aufhören. Der Domkapellmeister hat Ideen für die Zukunft der Domspatzen, aber im Vordergrund stehen jetzt naheliegende Ziele: die Chorbesetzung des nächsten Jahres. Die einen kommen in den Stimmbruch, die anderen machen Abitur – und sind dann weg. Roland Büchner muss sein Ensemble laufend neu formieren. Denn ein Chor von Knaben und jungen Männern ist wie eine Pflanze, die sich im Wachsen ständig erneuert. Wie um das zu untermalen, wuchern im Übungsraum hinter den aufsteigenden Rängen Gummibäume und Zimmerpalmen. „Ja, die hab’ ich teilweise ganz mickrig bekommen. Und das ist draus geworden.“ Büchners grüner Urwald.

Körpergefühl und Persönlichkeit stimmen die Stimme

Die dampfende Teetasse neben sich hörte er am Vormittag Michaela Reiser-Schenk zu. Die Stimmbildnerin hat eine Liste mitgebracht. „Der Junge hat eine sehr schöne Stimme, eigentlich, aber oben macht er zu. Ihm fehlt es an Selbstbewusstsein. Aber das kriegen wir hin“, sagt sie. Nacheinander sprechen sie die Kandidaten für den Konzertchor durch. Wer hat Potential? Wer braucht welche Unterstützung? Dem einen hilft zum Beispiel Judo. Dem anderen Aufmunterung: Glaub’ an dich, du schaffst das. Man singt eben, wie man durchs Leben geht.

Singen hilft, auch innerlich zu wachsen, während man groß wird. Foto: Sabine Franzl

Der Bass von Roland Büchner klingt trotz Erkältung voll und elastisch – eine Stimme, die Halt gibt. Aber gerade pubertierende Buben haben nicht immer den sichersten Stand. „Wir spüren auch hier bei den Domspatzen die ganze Dröhnung der Gesellschaft“, sagt Roland Büchner. „Aber ich habe immer wieder erlebt, wie heilsam Singen wirkt.“ Es lässt einen innerlich wachsen. Man lernt, aufeinander zu hören, und nicht nur seinen eigenen Stiefel zu machen. Man spürt, dass jede Stimme wichtig ist. „Das Wertvolle an der Musik ist die Verbindung von Emotion, Kreativität und Logik. Diese Vernetzung fördert die geistige und persönliche Entwicklung.“

Michaela Reiser-Schenk und Roland Büchner reden über Neulinge. Foto: Sabine Franzl

Büchner arbeitet seit ein paar Jahren mit den Jungs im Stimmbruch weiter, auch wenn die sogenannten „Mutanten“ in dieser Zeit nicht im Chor singen. Sie sind danach sicherer und wieder schneller fit für den Einsatz, hat er festgestellt. Aber das ist nur der eine Grund. Der andere ist psychologisch. Während der Körper sich verändert, gerät bisweilen auch die Seele aus dem Takt. „Es gibt nichts Persönlicheres als die Stimmbildung. Du spürst den Klang, hörst in dich hinein, bist Instrument vom Scheitel bis zum großen Zeh.“ Und alles wird gut – das sagt er zwar nicht, aber es steht irgendwie im Raum, wohl weil er es selbst genau so empfindet. „Ich habe schon immer gerne gesungen.“

Manchmal, wenn Ruhe ist, setzt er sich an die große Orgel im Konzertsaal der Domspatzen und spielt ganz für sich. Hier allerdings spielt Roland Büchner am Klavier für das Publikum im Weihnachtskonzert. Foto: Sabine Franzl

Roland Büchner stammt aus Karlstadt im Mainfränkischen. Klavier lernte er sich anfangs selber. Auch an der Orgel hat er es weit gebracht. Manchmal, wenn Ruhe ist, setzt er sich an die große Orgel im Konzertsaal der Domspatzen und spielt ganz für sich. Aber seit er sich vor ein paar Jahren einen Finger gebrochen hat, ist er mit seinem Können nicht mehr ganz zufrieden. Studiert hat er an der Münchner Musikhochschule und der Hochschule für Kirchenmusik in Regensburg, wo er 2009 zum Honorarprofessor ernannt wurde. Der Vater von vier Kindern ist seit rund 200 Jahren der erste Nicht-Geistliche im Amt des Domkapellmeisters. Er hält sich mit regelmäßigem Laufen und Hanteln fit. Und er kocht leidenschaftlich gerne ganze Menüfolgen. „Kochen ist wie die Musik eine Verbindung von Kreativität und Logik.“

Der Moment, wenn das Licht ausgeht

Süßes für die Männer: Domspatzen sind immer hungrig. Foto: Sabine Franzl

Ein paar Tage später haben die Domspatzen die ersten Weihnachtskonzerte absolviert, in unbeheizten Kirchen kalte Zehen bekommen, Erkältungen auskuriert und neue eingefangen. Sie meinen, sie könnten das Repertoire jetzt ohne Noten singen. Roland Büchner findet, lieber noch nicht. Aber in der Pause lobt er: „Das war heute richtig gut.“ Am Ende, wenn bei „Heilige Nacht“ das Licht ausgeht und jeder einzelne Zuschauer im Dunkel allein ist mit dem Klang der Stimmen, sieht zwar keiner die Rührung in den Gesichtern der anderen. Aber für einen unwiederbringlichen Moment haben die Domspatzen alle glücklich gemacht. Vermutlich – aber auch das bleibt im Dunkeln – einmal mehr ihren Chef.

Wie sich Domkapellmeister Roland Büchner und die Domspatzen auf das Weihnachtskonzert im Audimax vorbereiten, sehen Sie in diesem Film:

Regensburg, 16.12.2016: Roland Büchner erklärt die Polyphonie und probt mit den Domspatzen fürs Weihnachtskonzert. Film: Sabine Franzl

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