mz_logo

Panorama
Dienstag, 24. Oktober 2017 13° 5

Interview

Der Einstieg ist fast immer eine Diät

Wir haben mit Rita Haberger, Oberärztin am Zentrum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, gesprochen.

Rita Haberger ist Oberärztin am Zentrum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Foto: privat

Frau Dr. Haberger, was genau ist eine Essstörung, beziehungsweise ab wann wird eine Essstörung diagnostiziert?

Von einer Essstörung spricht man, wenn ein Mensch ein Essverhalten hat, das entweder gesundheitsgefährdend ist – sei es, dass er zu wenig oder zu viel isst – oder wenn ein Mensch sich überdurchschnittlich viel mit Essen beschäftigt. Das heißt, dass das Thema so vorherrschend ist, dass es die Lebensqualität und die Lebensfähigkeit im Alltag einschränkt. Wir beschäftigen uns natürlich alle damit, essen müssen wir alle. Und manchmal isst man ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger – das bezeichnet man nicht gleich als Essstörung. Aber wenn Essen ein so wesentlicher Teil des Lebens ist, dass andere Dinge massiv vernachlässigt werden oder eine Gesundheitsgefährdung entsteht – dann spricht man von einer Essstörung.

Wenn ich so ein „verschobenes“ Verhalten bei mir selbst feststelle, ab wann ist der Zeitpunkt, zu sagen, ab hier schaffe ich es nicht mehr ohne fremde Hilfe?

Dann, wenn es mir nicht gelingt, das Verhalten in einem angemessenen Zeitraum zu korrigieren. Es geht immer darum: Wie stark ist das Thema lebensbestimmend.

An welchen Kriterien kann man eine Essstörung festmachen?

Es gibt grob gesagt die drei „großen“ Formen von Essstörung. Es gibt zum einen die Magersucht. Sie ist die seltenste der Essstörungen, ist aber auch die, die am unmittelbar gefährlichsten sein kann. Bei der Magersucht steht eine Körperschemastörung im Vordergrund, das heißt, die betroffene Person fühlt sich zu dick, obwohl sie eher untergewichtig ist. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers stimmt nicht mit dem objektiven Erscheinen überein. Das kann man auch durchaus messen. Wir geben den Betroffenen ein Seil und sagen zu ihnen, sie sollen den Umfang ihres Bauches schätzen und mit dem Seil am Boden anzeigen. Wir nehmen dann das Seil und halten es mit der vorgegebenen Weite um den Bauch des Patienten. So gut wie immer ist das Ergebnis, dass die Körpermaße massiv überschätzt wurden. Diese Wahrnehmungsverzerrung ist auch das Problem, das bei dieser Störung am längsten bestehen bleibt. Und gerade für die Angehörigen ist das unglaublich schwer nachzuvollziehen. Die zweite Störung ist die Bulimie. Die Betroffenen sind in aller Regel normalgewichtig, zwar schlank, aber mit normalem Body-Mass-Index. Das Problem hier ist, dass sie die meiste Zeit auf Diät sind, sich also ständig kontrollieren. Wenn sie das Gefühl haben, sie haben über die Stränge geschlagen, dann ergreifen sie drastische Maßnahmen, um diese Kalorien wieder loszuwerden – entweder durch Abführmittel, Erbrechen, exzessives Sporttreiben oder kein Essen über mehrere Tage. Hier herrscht eine Impulskontrollstörung vor. Bei sogenannten Fressanfällen werden große Mengen Nahrung aufgenommen, um sie dann im Gegenzug gleich wieder loszuwerden. Die dritte Störung ist die Binge-Eating-Disorder. Dabei spricht man von Fressanfällen, bei denen die Betroffenen danach keine Gegenmaßnahmen treffen. Das heißt, sie essen eine große Menge, ohne danach zu Erbrechen oder Ähnliches, was dann oft zu einer Gewichtszunahme führt. Die Betroffenen haben von psychischer Seite her Probleme, Gefühle und Impulse zu steuern und kompensieren das mit Essen.

Wenn jetzt jemand seine Störung erkannt hat und Hilfe sucht, wie sieht eine Behandlung aus?

Bei einer Magersucht ist es fast nie möglich, rein ambulant zu behandeln. Die meisten Betroffenen müssen stationär behandelt werden. Im Vordergrund steht hier die Normalisierung des Gewichts. Man kann sich unschwer ausrechnen, dass genau das das Problem für den Patienten ist, weil er sich selbst ja nicht für untergewichtig, sondern im Gegenteil eher zu dick hält. Magersüchtige werden demnach in der Klinik zweigleisig behandelt. Zum einen geht es also um die Normalisierung des Essverhaltens. Das geschieht beispielsweise durch Essbegleitung und Essen in der Gruppe, um wieder eine Vorstellung zu bekommen, was normale Portionen sind. Zum anderen wird an der Körperschema- beziehungsweise Körperwahrnehmungsstörung gearbeitet.

Es ist also so, dass die Betroffenen wieder lernen zu essen? Gibt es denn bestimmte Nahrungsmittel, die den Einstieg „einfacher“ machen? Ganz banal gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass Magersüchtige Schweinebraten und Knödel essen ...

Die meisten Essgestörten haben eine sehr enge Vorstellung davon, was als Essen „in Ordnung ist“. Verbotene Nahrungsmittel sind in erster Linie alles, was schmeckt und dick macht. Daher geht es vor allem darum, aus diesen Verboten rauszukommen. Unser Konzept ist also eine Antidiät anstatt einer Diät. Bei einigen ist es ja so, dass sie nur Gemüse essen, und sobald ein wenig Fett dran ist, ist das unverzeihlich. Diese Denkweisen wollen wir aufbrechen und normalisieren. Ich sage immer: Niemand muss etwas essen, das ihm nicht schmeckt. Aber für eine gesunde Ernährung ist es wichtig, dass alle Bestandteile im Essen sind. Und, dass man das Essen nach dem Geschmack aussucht und nicht danach, wie viel Kalorien es hat. Das wichtigste Konzept ist das Antidiätkonzept, das bereits in den 70er Jahren von Susi Orbach (britische Journalistin und Psychoanalytikerin, Anm. d. Red.) entwickelt wurde. Sie war ja die langjährige Therapeutin von Prinzessin Diana, die ebenfalls viele Jahre mit Essstörungen zu kämpfen hatte. Orbach hat in ihrem Konzept darauf Wert gelegt, dass Essen etwas ist, bei dem man schlichtweg auf den Körper hören soll. Danach gibt es keine Regel, in der Art: Das müssen die Patienten essen. Gut ist, was schmeckt und auf was man Lust hat.

Wie verhalte ich mich als Angehöriger, wenn ich bei Freunden, Bekannten oder auch Kindern ein unnormales Verhalten feststelle? Spreche ich es direkt an oder übe ich dadurch zu viel Druck aus und riskiere, dass sich derjenige noch mehr zurückzieht?

Wir haben oft den Fall, dass Eltern feststellen, dass ihre Tochter plötzlich anfängt, weniger zu essen. Das ist schon keine einfache Situation. Wenn das also auffällt, ist unser Rat: ansprechen! Zeigen, dass man eine Veränderung bemerkt hat, und Interesse nach den Hintergründen bekunden. Wird das Verhalten auffälliger, gehört es für Eltern aber auch dazu – und das ist ebenso wenig leicht –, Grenzen zu erkennen. Wenn sie feststellen, dass sie ihrem Kind nicht helfen können, müssen sie die Situation einschätzen und ab einem gewissen Zeitpunkt die Profis mit ins Boot holen – lieber früher als zu spät. Auch wenn das für Eltern sehr hart ist, wenn sie merken, dass sie ihrem Kind nicht mehr helfen können.

Was sind Auslöser für eine Essstörung?

Der Anfang ist häufig eine Diät. Bei den Mädchen waren die wenigsten immer dünn. Es herrscht die Angst vor, übergewichtig zu werden.

Sie sagen, bei Mädchen ist die Diät meist der Einstieg. Sind Männer auch so gefährdet?

Weniger. Man kann ganz klar sagen, bei Magersüchtigen ist das Verhältnis 10:1, Frauen zu Männern. Bei der Bulimie ist es ähnlich. Bei der Binge-Eating-Disorder sehen wir dagegen eine generelle Zunahme von männlichen Betroffenen, da ist das Verhältnis tatsächlich 1:1.

Die Störungen können durchaus gefährlich sein, bei der Magersucht besonders, wenn die Organe geschädigt werden. Ist den Betroffenen bewusst, dass sie auch sterben können?

Nein, das ist ihnen nicht klar. Sie können das in der Situation nicht abschätzen. Wir haben immer wieder Patienten, die lebensbedrohliches Untergewicht haben. Das ist geradezu erschütternd, festzustellen, dass für diese kritische Situation keine Wahrnehmung da ist.

Wenn der Patient aber doch Fortschritte macht, die Behandlung erfolgreich war: Kann man eine Essstörung komplett heilen?

Grundsätzlich ist natürlich ausschlaggebend, wie schwer die Störung war. Die Meisten, bei denen einmal die Diagnose „Essstörung“ gestellt wurde, haben in ihrem Leben immer wieder mit dem Thema Essen zu tun. Sie sind auch immer wieder gefährdet, in frühere Verhaltensmuster reinzurutschen. Das hängt aber ganz einfach auch damit zusammen, dass wir tagtäglich mit Essen zu tun haben. Das ist anders, als wenn ich beispielsweise mit dem Rauchen aufhöre. Vom Rauchen bin ich weg, aber vom Essen kann ich nicht weg sein. Essen muss ich immer und Essen ist ein zentraler Teil unseres Lebens. Es wäre also vermessen, zu sagen, diese Problem ist dann weg. Aber ein Großteil der Patienten kennt seine kritischen Momente. Daran wird in der Behandlung ja auch gearbeitet. Wenn Verhaltensmuster auftauchen, wie gemeinsame Mahlzeiten ausfallen zu lassen oder dass wieder übermäßig Kalorien gezählt werden, sind die Betroffenen alarmiert. Diese Frühwarnzeichen werden herausgefiltert. Patienten, die das erkennen oder reflektieren können, haben eine gute Chance, mit dem Thema umzugehen.

Es gibt bereits sehr viele Bemühungen, Betroffenen zu helfen. Trotzdem müssen einige lange auf einen Therapie- oder Behandlungsplatz warten, weil es einfach nicht genügend gibt. Was sind Möglichkeiten, diese Wartezeiten zu überbrücken?

Ein wichtiger Ansprechpartner ist der Hausarzt. Er kann relativ schnell Auskünfte geben. Hier in der Uniklinik in Regensburg, in der Psychosomatik, – wie auch in anderen Kliniken – gibt es die Möglichkeit, ein erstes Gespräch zu führen, wie könnte der weitere Weg aussehen. Da aber gerade bei Magersucht eine stationäre Behandlung unvermeidbar ist, sollte man einfach früh genug nach Plätzen fragen, da es Wartezeiten gibt. Ganz wichtig und ein guter Kooperationspartner für uns sind Beratungsstellen, wie in Regensburg „Waagnis“ und „Therapienetz Essstörung“, da die Betroffenen dort sehr niederschwellig und unverbindlich Gespräche führen können.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht