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Montag, 25. September 2017 19° 5

Menschen

Der Fahrer des Vertrauens

Rafael, Taxifahrer in Passau, schwört auf Stammkunden und freut sich über deren Wertschätzung. Angst hatte er nur einmal.
Von Suwa Minato-Torkler und Anna-Julie Rosenheimer

  • Freut sich, wenn seine Stammkunden glücklich sind: Der Passauer Taxifahrer Rafael Pantke freut sich, wenn seine Stammkunden glücklich sind. Foto: Suwa Minato-Torkler
  • Rafael macht Pause. Foto: Suwa Minato-Torkler

Passau.Radiomusik dudelt. Ein Supermarktschild erscheint in der Ferne. 30, 20, 10… Die Tachonadel sinkt. Der Wagen biegt ab und stoppt vorm Supermarkteingang. Drei ältere Damen mit vollgepackten Einkaufstaschen schauen gespannt auf das Taxi. Eilig steigt der Fahrer aus, öffnet die Autotüren. „Tut mir leid, dass ich so spät komme. Ich musste noch einen Gast fahren.“ Sein polnischer Akzent verrät, dass er nicht aus Deutschland stammt.

„Ach, das macht nichts, wir warten gerne auf Sie”, antwortet eine der Damen. Für Ursula, Elke und Nina ist Rafael Pantke mehr als ein Abholdienst. Sie nennen ihn „den Mann für alle Fälle”. Rafael hievt die schweren Taschen in den Kofferraum, während Elke und Nina es sich auf den hinteren Ledersitzen in seinem gepflegten VW gemütlich machen. Ursula, die Mutter von Elke und Nachbarin von Nina, sitzt noch in ihrem Rollstuhl. Rafael hilft ihr aufzustehen und wohlbehalten auf den Beifahrersitz zu kommen. Danach packt er ihren Rollstuhl und verstaut ihn neben den Taschen.

Das alte Taxi-Ehepaar

Die Türen knallen zu und schon beginnt die Fahrt. „Wir sind ein altes Taxi-Ehepaar”, erzählt Ursula. „Sie streiten sich aber fast ständig, wenn wir gemeinsam fahren”, scherzt Elke. Alle lachen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Beim Aussteigen drückt Nina dem Fahrer eine Pralinenschachtel in die Hand. „Weil Sie uns immer helfen und zum Lachen bringen.” Verlegen fährt sich Rafael durch sein kurzes braunes Haar und verabschiedet sich.

Der VW ist für Rafael sein Ein und Alles. Kein Staubkörnchen ist zu finden, geschweige denn Brotkrümel auf den schwarzen Ledersitzen. Rafael sagt, dass ihm seine Kunden aber mindestens genauso wichtig sind. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb er innerhalb der letzten 24 Jahre einen festen Kundenstamm aufbauen konnte. Er lenkt seinen Wagen auf den Pausen-Stand und schaltet den Motor aus.

Rafael steigt aus, zieht sich den Reißverschluss seiner braunen Lederjacke bis unters Kinn und holt seine Brotzeit aus dem Kofferraum. Er beißt in seine Semmel und lehnt sich entspannt gegen sein Auto. Auf der anderen Straßenseite entdeckt er seinen Kollegen Michael. Viele seiner Freunde sind Taxifahrer. Er blickt ihm hinterher und erzählt kopfschüttelnd, dass die Polizei Michael schon mal für einen Schleuser gehalten hat.

Die etwas eigenwillige Art, einem Taxifahrer den Weg zu zeigen

Er erzählt, in welcher Zwickmühle sich die Passauer Taxifahrer manchmal befinden: Einerseits dürfen sie keine Flüchtlinge mit über die nahe gelegene Grenze nach Deutschland nehmen, andererseits kann und will Rafael nicht einfach den Ausweis seiner Kunden kontrollieren. „Was soll ich da machen?“, fragt er ratlos. Er isst den Rest seiner Semmel und reibt sich seine kalten Hände, die er gerade noch fragend in die Luft gestreckt hat. Langsam schlendert er zurück zur Fahrertür und steigt in seinen Wagen. Er reiht sich wieder in den Taxistand ein.

„Ich habe eigentlich nie Probleme mit meinen Kunden“ Rafael Pantke, Taxifahrer

Auf der Heckscheibe des Taxis vor ihm sieht Rafael einen Anti-Gewalt-Aufkleber. Er sagt: „Ich habe eigentlich nie Probleme mit meinen Kunden.“ Während er den karierten Schal um seinen Hals ein bisschen lockert, erinnert er sich aber an einen bestimmten Moment. Im Herbst 2008 bringt Rafael zwei Männern heim, die den letzten Bus von der Dult Richtung Bahnhof schon längst verpasst haben. Es ist mitten in der Nacht. Die große Straße im Industriegebiet ist wie leer gefegt. Rafael fühlt sich unwohl.

Die Gäste nachts im Blick

Eigentlich ist es ihm lieber, wenn er seine Gäste nachts im Blick hat, das gibt ihm Sicherheit. Doch einer der beiden Männer sitzt direkt hinter ihm. Plötzlich spürt Raphael eine Hand an seinem Hals und bekommt durch die aufsteigende Panik kaum noch Luft. Das Denken fällt ihm schwer. Es dauert ein paar Sekunden, bis er versteht, was vor sich geht. Aufgeregt zeigt er, wie der junge Mann ihn damals festgehalten hat. Dass der Betrunkene ihm nur den Weg zeigen wollte, wusste Rafael damals noch nicht. Auch Jahre später spürt man, welche Angst er damals hatte.

Sehen Sie zum Thema auch ein Video-Interview mit Taxifahrer Rafael!

Ein Jahr später war er als Taxiunternehmer selbstständig. Die nächtlichen Einsatzzeiten wurden weniger. Rafael blättert in seinem Terminkalender. „Als Nacht-Fahrer muss man auch mal die Musik aufdrehen können und mit den jungen Leuten auf einer Ebene sein. Das ist einfach nichts für mich.“ Rafael ist glücklich damit, vor allem ältere Gäste an Bord zu haben. Er lässt den Motor wieder an und fährt zwei Meter vor. Jetzt ist er der erste in der Schlange. Doch da bekommt Rafael einen Anruf der Zentrale. Er soll Frau Meier von Zuhause abholen.

Schon auf dem Weg dorthin sagt Rafael mit einem leichten Schmunzeln, wo die Dame dann Platz nehmen wird. Frau Meier sitzt immer hinter dem Beifahrersitz. Sie fährt fast täglich mit dem Taxi in die Passauer Innenstadt. Rafael wartet, wischt mit einem kleinen Tuch einen Fleck von der Scheibe. Frau Meier kommt aus dem Haus und steigt ein, zum „Fahrer meines Vertrauens“. Die beiden begrüßen sich und Rafael fragt mit lauter Stimme, wohin er sie denn bringen darf. Nach zehn Minuten lässt Rafael sie vor ihrem Lieblingscafé raus. Als sie von draußen noch mal ins Taxi winkt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

Er reiht seinen Wagen wieder in den Verkehr ein. Während er die rote Ampel beobachtet, trommelt er fröhlich mit seinen Fingern aufs Lenkrad. Er erzählt, dass es immer wieder schön zu sehen sei, wie fit Frau Meier noch ist. Viele seiner Kunden sind nämlich auf Hilfe angewiesen. Eine Kundin etwa stellt immer ihre Müllbeutel bereit, wenn Rafael kommt.

Ein Lächeln ist mehr wert als das beste Trinkgeld

Grün. Er fährt weiter und deutet mit der rechten Hand kurz auf die Rückbank. Dort hat eine Stammkundin letzte Woche ihren Geldbeutel vergessen. Sie hat dann einfach angerufen. „Wenn man sich schon länger kennt, hat man einfach mehr Vertrauen, und zwar auf beiden Seiten. Das ist sehr schön.“ Seine Stammkundschaft, die bis auf zwei Ausnahmen aus älteren Gästen besteht, fährt Rafael am liebsten. „Denen ist es völlig egal, dass ich Zugereister bin.“ Fast verlegen erzählt er, dass die Frau mit dem Geldbeutel sich tausendmal bei ihm bedankt hat. Das ist es, was Rafaels Beruf so kostbar für ihn macht.

Wenn ihm seine Kundschaft ein Lächeln oder eine kleine Aufmerksamkeit schenkt, findet er das schöner als Trinkgeld. Während Rafael das sagt, schweift sein Blick auf die Schachtel Pralinen von heute Vormittag. Da klingelt das Telefon. Er muss noch mal zum Supermarkt.

Ein Taxi-Fahrer erzählt

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