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Panorama
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Erinnerung

Der Mann, der seine Gitarre verbrannte

Jimi Hendrix war nicht nur der beste Gitarrist der Pop-Geschichte, sondern revolutionierte auch die Rock-Musik.
Ein Essay von Helmut Hein, MZ am Sonntag

Jimi Hendrix zündet auf der Bühne beim Monterey International Pop Festival, Monterey, California, im Juni 1967 seine Gitarre an. Foto: obs/Leica Camera AG/Jim Marshall

Die 1960er Jahre waren in den USA die Zeit des eskalierenden Vietnamkriegs, der blutigen Kämpfe und brutalen Polizeieinsätze in den Schwarzen-Ghettos der Großstädte und der Bürgerrechtsbewegung. Der charismatische Prediger Martin Luther King sagte: „Ich habe einen Traum“ – erlebte ihn selbst aber nicht mehr, weil er von einem Fanatiker erschossen wurde. Der Schwergewichtsboxweltmeister Cassius Clay, der sich plötzlich Muhammad Ali nannte und damit auch ein politisches Zeichen setzte, verweigerte den Militärdienst und begründete das so: „Kein Vietkong hat mich jemals Nigger genannt.“

Und Jimi Hendrix? War zwar alles andere als ein politischer Aktivist, sprach aber bei Gelegenheit von seiner „geistigen Verbundenheit“ mit den radikalen Black Panthers, spendete auch für sie und geriet dadurch – das ging damals schnell – auf den sogenannten Sicherheitsindex des zunehmend paranoiden FBI, dem unter der Langzeitleitung von J. Edgar Hoover auch sexistische und rassistische Züge nicht fremd waren. Berühmt und berüchtigt wurde Hendrix aber für das, was er mit der amerikanischen Nationalhymne anstellte: Er „dekonstruierte“ sie, wie das später hieß, zerlegte sie in ihre Einzelteile, verzerrte sie und ließ bei den Zuhörern den Eindruck entstehen, sie würden Zeuge des Schlachten- und Kriegslärms. Ein wüstes und eindeutiges Statement – und zwar nicht als O-Ton-Montage, sondern als schräge Gitarren-Symphonie. Alles nur gespielt, gewissermaßen. Schon damals konnte man ahnen, welche unerhörten Töne Hendrix seinem Instrument entlocken konnte.

Seine „Karriere“ begann wenig aufregend. Mit vier fing er an, Mundharmonika zu spielen. Als er gerade sieben und leicht verstörbar war, ließen seine Eltern sich scheiden und teilten die Kinder unter sich auf, gaben sie zur Adoption frei oder steckten sie in Waisenhäuser. Jimi hatte das Glück – wenn es denn ein Glück war – bei seinem Vater aufzuwachsen. Er begeisterte sich früh, wie andere auch, für den Rock’n’Roll, der mehr war als nur eine neue Art von Musik; eine Teenager-Rebellion nämlich gegen die Enge der Eisenhower-Ära, ein Vorspiel auch zur sexuellen Befreiung. Als er 13 war, schenkte ihm sein Vater eine einsaitige Ukulele. Es braucht schon Fantasie und Fingerfertigkeit, damit etwas Vernünftiges anzufangen. Seine Idole hießen damals Elvis Presley und Little Richard: Der samtweiche Crooner mit dem anstößigen Hüftschwung und der Schreihals aus dem Geist der „race music“, wie man den R’n’B damals nannte, begeisterten ihn gleichermaßen.

Schulabbruch, Autodiebstahl, Eintritt in die Army

Der US-amerikanische Rocksänger und Gitarrist Jimi Hendrix spielt seine elektrische Gitarre mit der Zunge und den Zähnen während eines Konzertes mit seiner Band „Jimi Hendrix Experience“ in Großbritannien. Foto: UPI/dpa

Bald erhielt er dann eine akustische, rasch auch eine elektrische Gitarre und spielte in ersten Bands, den „Velvetones“ und den „Rocking Kings“. In dieser Zeit kam er, wie das für diskriminierte junge Schwarze nicht untypisch war, auf „Abwege“, musste die Schule verlassen und wurde beim Autodiebstahl erwischt. Ein existenzieller Bruch! Denn die Behörden stellten ihn vor eine fatale Wahl: Entweder ging er für zwei Jahre ins Gefängnis oder er meldete sich „freiwillig“ bei der Army.

Hendrix entschied sich für die Army, machte damit aber weder sich selbst noch seine Vorgesetzten glücklich. Hendrix und ein striktes hierarchisches System von Befehl und Gehorsam, das konnte nicht gut gehen. Er wollte partout kein GI werden, was ja so viel bedeutete wie: ein williges Instrument der Regierung. Es zeigte sich rasch, dass er weniger anpassungsfähig oder -willig war wie etwa zur selben Zeit Elvis Presley. Selbst die hartleibigen Militärs erkannten, dass Hendrix nur eins im Kopf hatte: seine Musik und insbesondere sein Gitarren-Spiel. Nach endlosen dreizehn Monaten wurde er vorzeitig und unehrenhaft entlassen. Er bekam die hochoffizielle Bestätigung, dass er „keine guten Charaktereigenschaften“ habe, also für den Krieg nicht geeignet sei.

Dabei war Hendrix damals ja noch nicht der Mann, der die Musikwelt revolutionieren sollte, sondern ein getreuer Fan der großen Blueser und Rock’n’Roller seiner Zeit, vor allem von Buddy Guy, B.B. King und Muddy Waters einerseits und von Little Richard und Eddie Cochrane andererseits. Freilich spielte er schon in dieser Zeit nicht einfach nach, was sie vorspielten, sondern ergründete ihren Stil und entwickelte ihn weiter. Im Scheinwerferlicht stand er, der immerhin schon 22, 23 Jahre alt war, noch nicht. Er machte seine Erfahrungen und verdiente sein erstes Geld als Begleitmusiker, vor allem in Little Richards Band. Aber auch Soul-Stars dieser Tage wie Jackie Wilson engagierten ihn gern und erstaunlicherweise schwarze Motown-Girl Groups wie die „Supremes“ mit der aufstrebenden Sängerin Diana Ross.

Wie naiv Jimi Hendrix damals war, vielleicht auch wie bedürftig und verzweifelt, zeigt ein Ereignis aus dem Jahr 1965. Er war fest bei Curtis Knight eingestiegen und ließ sich prompt von dessen Manager Ed Chapin unter Vertrag nehmen. Das Wort „Vertrag“ ist eigentlich ein Witz. Denn Chapin zahlte ihm genau einen Dollar als „Vorschuss“ und sicherte ihm ein Prozent der Lizenzeinnahmen zu. Ein schlechter Scherz! Die Manager wurden reich. Und die kreativen (vor allem) schwarzen Künstler verarmten und wurden immer abhängiger. Immerhin verpflichtete sich Hendrix nur, „exklusiv“, für drei Jahre. Andere unterschrieben Knebelverträge „auf Lebenszeit“.

Seine Rettung, in jeder Hinsicht, war Chas Chandler. Der war früher Bassist bei Eric Burdons „Animals“ und entdeckte eben sein Talent als gewiefter Geschäftsmann, der aber seine Klienten nicht wie ein Vampir rasch aussaugen und dann wegwerfen, sondern lieber ihr Potenzial entwickeln wollte. Chandler sah Hendrix im Sommer 1966 bei einem Auftritt im „Cafe Wha?“ im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village, war sofort beeindruckt und bot ihm einen Vertrag an. Weil Ed Chapin ihn noch unter seiner Fuchtel hatte, sollte Hendrix nach London kommen – Chandler war Engländer – und dort eine neue Band gründen: und zwar nicht ein klassisches Quartett oder Quintett wie die Beatles oder Stones, sondern ein konzentriertes Trio, vergleichbar der ersten Supergroup der Pop-Geschichte, „Cream“, der exzellenten Virtuosen Eric Clapton, Jack Bruce und Ginger Baker. Mitch Mitchell am Schlagzeug und Noel Redding am Bass bildeten zusammen mit Hendrix dieses Trio. Wer diese frühen Aufnahmen hört, kann nie den Eindruck haben, dass da etwas fehlt, eher schon das Gefühl, ein ganzes Orchester vor sich zu haben. Chas Chandler managte nicht nur, sondern produzierte diese „Jimi Hendrix Experience“ auch.

„Hey Joe“, bis heute einer der besten Hendrix-Songs

Dass der Weg zum Ruhm lang und steinig ist, zeigt sich darin, dass die drei ihren ersten Auftritt zwar im legendären Pariser Olympia hatten, aber eben nur als Vorgruppe von Johnny Hallyday, der French-Version eines Rock’n’Rollers, dem damals alle zu Füßen lagen, der heute aber weitgehend vergessen ist. Nur Hardcore-Fans und Pop-History-Experten erinnern sich noch. Lang und steinig: einerseits. Andererseits kann es dann aber auch sehr rasch gehen. Das wunderbare „Hey Joe“, bis heute einer der besten Hendrix-Songs, schoss sofort auf Platz 4 der UK-Single-Charts, das erste Album „Are You Experienced“ kam sogar auf Platz 2.

Seinen Durchbruch in den USA und weltweit schaffte Hendrix beim Monterey Pop Festival 1967. Sein Auftritt war neben und nach dem der völlig enthemmten Janis Joplin der beste. Dazu trugen zwei Dinge bei: sein äußerst intensives und innovatives Gitarrespiel – und seine Fähigkeiten als Performer. Hendrix bewegte sich, verglichen mit vielen Rockmusikern dieser Tage, gut, sehr lasziv und sexy. Und er bot seinem Publikum darüber hinaus Schauwerte en suite, spielte die Gitarre über dem Kopf und hinter dem Rücken oder mit den Zähnen und verbrannte sie nach dem neunten Song, „Wild Thing“, einer Cover-Version. Was wie ein billiger, effekthaschender Gag erscheinen könnte, hatte für Hendrix selbst etwas von einem religiösen Akt: „Als ich meine Gitarre verbrannte, war das wie ein Opfer. Man opfert das, was man liebt. Ich liebe meine Gitarre.“

Hendrix und seine Gitarre(n) – das ist ein ganz spezielles Kapitel – und zwar in mehrerlei Hinsicht. Es beginnt damit, dass Hendrix Linkshänder ist, es zu dieser Zeit aber kaum Gitarren für Linkshänder gab. Er benutzte folglich Rechtshänder-Modelle, zog die Saiten aber „verkehrt“ auf. Weshalb sich die Regler und der Vibratohebel auf der oberen Seite des Gitarren-Korpus befanden. Das sah schräg aus und hatte durchaus Folgen für die Spieltechnik. Die war bei Hendrix ohnehin ungewöhnlich. Während die meisten Rock-Gitarristen sehr „beschränkt“ waren, mit wenigen einfachen Akkorden auskamen – was auch seinen Reiz haben kann –, verwendete Hendrix immer komplexere Akkorde und auch Akkordfolgen, wie man sie bisher nur aus dem Jazz kannte. Sein Spiel war so virtuos, dass Zuhörer sich sicher waren, dass da eine Solo- und eine Rhythmus-Gitarre am Werk waren, während in Wahrheit doch nur Hendrix spielte, gewissermaßen als Ein-Mann-Saiten-Orchester.

Aber nicht nur sein Spiel war sehr unkonventionell. Er holte auch alles an technischen Möglichkeiten aus Instrument und Verstärker heraus, benutzte Fuzz-Effektgeräte und das Wah-Wah-Pedal und übersteuerte ganz bewusst die Verstärker – was bis dahin als „Fehler“ galt –, wodurch seine Songs in dieser Zeit eine psychedelische Note bekamen und wie die Begleitmusik zu den Drogen-Exzessen der Hippie-Zeit wirkten.

Jimi Hendrix hatte bei all den Erfolgen dieser Zeit – er trat unter anderem auch in Woodstock auf – Ed Chapin nicht vergessen und der wiederum Hendrix nicht. Es gab da ja noch einen Vertrag. Hendrix formierte eine neue Gruppe, die „Band of Gypsys“, mit seinem alten Freund Billy Cox am Bass und Buddy Miles am Schlagzeug, und schnitt das Konzert im Fillmore East an Silvester 1969 mit, als „Abfindung“ für Chapin. Der akzeptierte.

Drogensucht und Probleme mit der Polizei

Das Leben wurde für Jimi Hendrix Superstar in dieser Zeit nicht leichter. Er war längst drogensüchtig, manche seiner Auftritte entgleisten – und er bekam Probleme mit der Polizei, die am Flughafen von Toronto Haschisch und Heroin in seinem Gepäck fand. Seiner „Beliebtheit“ tat das keinen Abbruch. Sogar die „Bild“-Zeitung berichtete oft über ihn; beeindruckt und empört, es war eine merkwürdige Melange. Außerdem waren die späten Sixties die Hochzeit der Groupies – und Hendrix genoss ihre besondere Aufmerksamkeit. Die Verehrung konnte seltsame Züge annehmen. Cynthia Plaster Caster – wie ihr nom de guerre lautete – fertigte einen Abguss von Hendrix‘ Geschlechtsteil an; er steht heute in einem Museum.

Vor 25 Jahren ist das Rock-Idol Jimi Hendrix gestorben. Foto: dpa

Die besorgten Stimmen nahmen zu. Manche befürchteten, der „zarte“ Jimi Hendrix würde das „live fast, love hard, die young“ nicht überleben. Sie sollten Recht behalten. Schon sein Auftritt auf der Ostseeinsel Fehmarn, die bei schlechtem Wetter im Matsch ertrank, geriet zum Desaster. Kurz danach kehrte er nach London zurück, jammte am Abend des 17. September 1970 noch mit Eric Burdon und dessen neuer Band „War“ in einem Jazz-Club, verbrachte die Nacht dann mit seiner Freundin Monika Dannemann in einem Hotel. Am darauffolgenden Morgen war er tot.

Jimi Hendrix – ein Mitglied im legendären „Club 27“

Sofort begann, wie kurz zuvor schon bei Brian Jones von den „Rolling Stones“, die Legendenbildung. Verschwörungstheoretiker behaupteten, Hendrix sei ermordet worden, zumindest aber habe Dannemann nicht so früh wie möglich (und notwendig!) die Rettung verständigt. Ermittlungen und Prozesse zogen sich über Jahrzehnte hin, letztlich ohne Ergebnis. Auch die naheliegende Vermutung, Hendrix sei an einer Drogen-Überdosis gestorben, ist vermutlich nicht richtig. Er hatte zu viel Alkohol getrunken, dann Schlaftabletten genommen und war nachts an Erbrochenem erstickt.

Jedenfalls wurde er Mitglied des illustren „Club 27“, der all die Rockmusiker versammelt, die in diesem Alter starben. Neben Hendrix beispielsweise Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison und später dann Kurt Cobain und Amy Winehouse. Nach seinem Tod begann mit einem gewissen zeitlichen Abstand die Hagiographisierung von Hendrix‘ Künstler-Existenz. 1992 erhielt er postum einen Grammy für sein Lebenswerk, später dann natürlich auch einen Stern auf dem „Walk of Fame“, Microsoft-Mitgründer Paul Allen investierte bescheidene 240 Millionen Dollar in ein „Experience Music Project“ in Seattle, in dem zahlreiche Hendrix-Erinnerungsstücke präsentiert werden. Und natürlich wurden bei diversen Auktionen seine Gitarren teuer versteigert. Nur einige Zyniker meinten, Hendrix, der nicht immer Geschmackssichere, sei gerade noch rechtzeitig gestorben, sonst wäre er am Ende bei Emerson, Lake & Palmer eingestiegen, die Gespräche mit Greg Lake waren angeblich schon weit fortgeschritten.

Nicht beeindrucken von solchen Gerüchten ließ sich der „Rolling Stone“, der Hendrix zum besten und wichtigsten Gitarristen der Pop-Geschichte wählte. Am morgigen 27. November wäre Jimi Hendrix 75 Jahre geworden.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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