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Literatur

Die Dornröschen-Villa von Thomas Mann

Die Bundesregierung kauft in Los Angeles für gut 13 Millionen Dollar ein altes Haus, um es zu retten. Warum? Thomas Mann wohnte hier einst während seines Exils. Ein Hausbesuch in Pacific Palisades.
Von Gregor Tholl, dpa

Los Angeles.Wer die neue, künftige Stipendiaten-Unterkunft der Bundesrepublik Deutschland in Los Angeles besucht, trifft zurzeit noch auf ein zugewachsenes Gebäude - eine Villa im Dornröschen-Schlaf.

Das frühere Wohnhaus des in Lübeck geborenen Schriftstellers Thomas Mann im Stadtteil Pacific Palisades wirkt verwunschen. Das von der Straße kaum einsehbare Anwesen mit üppigem Garten, Pool und drei hohen Palmen hat eine bewegte Geschichte und wird bald zu einem Ort der Begegnung.

Nach ersten Exil-Jahren in Frankreich, der Schweiz und im Osten der USA in Princeton landeten die Manns erst Anfang der 40er Jahre unter der Sonne Kaliforniens, während in der alten Heimat Krieg herrschte und der dunkle Nazi-Terror wütete.

Zunächst wohnten sie zur Miete in einem Haus am Amalfi Drive, bevor sie den Neubau am San Remo Drive bezogen. Das Viertel hier in Hanglage über dem Pazifik heißt „Riviera“. Die Straßen sind nach Orten am Mittelmeer benannt - neben San Remo und Amalfi auch Capri, Monaco, Sorrent. Es ist eine teure, ruhige Wohngegend.

Wie der deutsche Konsul bei einer kleinen Führung für Pressevertreter Anfang Februar erzählt, haben aktuell oder hatten Filmstars wie Goldie Hawn, Ben Affleck und Matt Damon in der Nähe eine Bleibe.

Wer hier wohnt, scheint es etwas weniger protzig zu mögen als die Reichen in Beverly Hills, Bel Air oder in den Hügeln von Hollywood. Die Luft schmeckt in dieser Gegend, näher an den Küstenorten Santa Monica und Malibu, mehr nach Meer als anderswo in Los Angeles.

Adresse „1550 San Remo Drive“: Die Einfahrt führt bei geöffnetem Eisentor unter knorrigen Bäumen auf einen kleinen Hof mit geduckter Garage und Carport. Das Haus ist von vorne in seiner Größe kaum abzumessen und auch von hier vor lauter Pflanzen wenig zu sehen.

Über terrakottafarbene Gehwegplatten geht es links zum eigentlichen Hauseingang unter einem Vordach oder aber rechts direkt vom Unterstand für Autos durch ein Tor in den Garten. Ursprünglich schmückten das Grundstück, dessen Aussicht Richtung Pazifik im Laufe vieler Jahre zuwucherte, sieben Palmen, weshalb es auch „Seven Palms“ hieß, als der Literaturnobelpreisträger hier lebte.

Im Garten wartet ein himmelblauer Pool, der vom Rasen mit einem schwarzen Metall-Zäunchen abgetrennt ist und von Büschen umgeben. Vom Rasen geht es über ein paar Stufen auf eine Terrasse, die heute größtenteils überdacht ist, was sie anfangs in den 40er und 50er Jahren noch nicht war, wie alte Fotos zeigen. Quer dazu erstreckt sich fast über die ganze Hauslänge auch im ersten Stock eine Veranda.

Im Obergeschoss des Hauses (etwa 200 Quadratmeter) gibt es mehrere kleine Räume, die als Schlafzimmer dienten. Im Erdgeschoss (etwa 300 Quadratmeter) breitet sich dagegen ein großes Wohnzimmer mit Glasfront gen Garten aus. Auch die Küche ist hier.

Außerdem findet der Besucher im Parterre den historisch wichtigsten Raum, das Arbeitszimmer mit dunklen Holzregalen. Von hier konnte Thomas Mann über eine kleine Privattreppe direkt ins eigene, von seiner Frau getrennte Schlafzimmer gehen. In diesem Büro erarbeitete der Hitler-Gegner in den Kriegsjahren unter anderem seine BBC-Radioansprachen „Deutsche Hörer!“.

Außerdem schrieb er hier Teile seiner Werke „Joseph, der Ernährer“ und „Der Erwählte“ sowie den Musikerroman „Doktor Faustus“, über den er viel mit dem Philosophen und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno korrespondierte, der ebenfalls im Exil in Los Angeles lebte, längere Zeit nur etwa drei Meilen entfernt.

Entworfen wurde das zweigeschossige Haus, dessen Grundriss an einen kantigen Bumerang erinnert, vom Bauhaus-Architekten Julius Ralph Davidson. „Dieses Haus erbaute Thomas Mann. Er wohnte hier mit seiner Frau Katia und seinen Kindern Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael von 1941 bis 1952“, steht auf Deutsch und Englisch auf einer Plakette, die die Bundesrepublik bereits 1977 stiftete. Sie hing viele Jahre neben der Haustür und soll dies bald wieder tun.

Nach den Manns lebten hier jahrzehntelang der kalifornische Anwalt Chet Lappen und seine Frau Jon, denen das kulturelle Erbe ihrer Immobilie bewusst und auch lieb war. Fremde, die an der Tür klingelten, weil sie Thomas Manns Exil-Adresse aus seinen Tagebüchern kannten, wiesen sie nicht ab. Nach dem Tod von Chet Lappen und nachdem seine Frau in ein Altenheim gezogen war, war das Haus in den vergangenen Jahren als Mietobjekt auf dem Markt.

Zuletzt war die Kupfer-Plakette mit der Profilansicht von Thomas Mann monatelang abgehängt. Eine auf Luxusanwesen spezialisierte Makler-Firma hatte die Villa im Angebot und wollte mögliche Käufer offenbar nicht mit kulturellem Erbe abschrecken.

Als in Deutschland bekannt wurde, dass das Haus, das keinen Denkmalschutz hat, zum Verkauf steht, ging die Angst um, ein Investor könne es kaufen und abreißen, um einen lukrativeren Neubau hinzustellen. Bundespolitiker und auch eine unter anderem von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller unterstützte Online-Petition setzten sich dafür ein, dass Deutschland das Thomas-Mann-Haus erwirbt.

Nach aufwendigen Verhandlungen im Auftrag des damaligen Außenministers und baldigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier geschah dies dann für umgerechnet 12,5 Millionen Euro.

Jetzt will Deutschland das Haus auf Vordermann bringen und vieles vom allzu heftigen Grün auf dem Grundstück beschneiden. Das Haus soll wieder atmen können. Die ersten bis zu fünf Stipendiaten sollen hier bereits ab September wohnen, wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt.

Die Auserwählten sollen sich mit Themen wie Identität, Migration, Flucht und Exil beschäftigen und den transatlantischen Dialog stärken. Außenminister Sigmar Gabriel sagt: „Mit dem Thomas-Mann-Haus haben wir künftig einen idealen Ort, um im Geiste Thomas Manns wieder mehr den Blick füreinander zu schärfen, gemeinsam mit unseren amerikanischen Partnern die großen Fragen unserer Zeit zu erarbeiten und das Fundament für gemeinsame Lösungen zu finden.“

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