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Dienstag, 28. Juni 2016 25° 2

nr. sieben

Die Karriere der Kreativität

Kreativität ist das Herzstück unserer Kultur und der Motor der Wirtschaft. Ein rasanter Aufstieg in nur 60 Jahren.
Von Angelika Sauerer, MZ

Ein Geistesblitz ist dieser besondere Moment, an dem sich Bedeutung entzündet: Die Idee hebt ab wie eine Rakete. Foto: Fotolia

Wie also anfangen? Vielleicht mit dem Arbeitsplatz von Ernest Hemingway. Die Oberfläche eines Bücherschranks im Schlafzimmer, viel zu klein eigentlich. Unten ist gerade Platz für die Schreibmaschine, auf dem Bord darüber für ein Blatt Papier, Bleistifte. Hemingway steht, er schreibt mit der Hand. Nur wenn es wie von selbst läuft, tippt er.

Ernest Hemingway (1899-1961) schrieb am liebsten im Stehen. Foto: dpa

Oder besser mit Albert Einstein beginnen, wie er am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern Zettel um Zettel mit Entwürfen zu seiner Relativitätstheorie füllt – und im 20-Minuten-Takt in den Mülleimer wirft? Möglich wäre auch Heinrich Böll, den man sich an einem kleinen Tisch vorstellen muss, vor sich die „Travelwriter Deluxe“, deren Klappern ihm wie Musik klingt. Nach sechs-, siebenmaligem Durchgehen, Redigieren, teilweise Neuschreiben eines Romans ist er erschöpft, am Ende eines „irrsinnigen Prozesses“, an dem das Produkt seiner Kreativität – und damit er – wehrlos der Kritik ausgeliefert wird.

Der Zauber des Gruppen-Flows: Wie ein einziges Gehirn

Ein anderer Anfang könnte so aussehen: 100 Leute treffen sich allein mit dem Ziel, neue Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen. Sie lernen sich kennen, sie bilden Gruppen, ihr unterschiedliches Know How ergänzt sich. Im besten Fall entsteht ein Gruppen-Flow, wie bei einer Fußballmannschaft, der alles gelingt, scheinbar gesteuert von einem einzigen Gehirn.

Die Schriftsteller Heinrich Böll (r.) und Günter Grass sind beide Träger des Nobelpreises für Literatur und gehören beide zu den Schlüsselfiguren der deutschen Nachkriegsliteratur. Foto: Manfred Rehm/dpa

Während Kreativität Jahrhunderte dem Schöpfergott vorbehalten war und noch vor 50, 60 Jahren ein Privileg weniger, die in Kunst, Wissenschaft, Literatur, Politik oder Wirtschaft Herausragendes leisten, so gilt sie jetzt als Herzstück der Alltagskultur. Und vor allem der Wirtschaft: Innovationen sind ihr Antrieb. Die Kreativität hat sich zudem demokratisiert. Jeder darf (und soll) jederzeit kreativ sein – nicht nur der Entwicklungsingenieur, der Werbetexter, der Designer, der Künstler, sondern auch Schulkinder, Hausmeister, Busfahrer, Assistenten. Kreativität ist allgegenwärtig, sie streckt ihre Fühler auch in die Freizeit aus. Die Palette reicht vom kreativen Sticken bis zum kreativen Kochen, Gärtnern, Heimwerken und so weiter.

„Leben heißt, kreativ sein“, sagt Karl-Heinz Brodbeck (67). Der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler – er war bis 2014 Professor an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt – hat mit seinem Buch „Entscheidung zur Kreativität“ (1995) einen wesentlichen Beitrag zur Kreativitätsforschung geleistet. Als Kritiker herrschender Wirtschaftstheorien gelangt er ab Mitte der 80er Jahre zur Erkenntnis, dass die Innovation als zentraler Faktor nirgendwo hinreichend erklärt wird. Das sollte seine Aufgabe werden.

„Etwas kann nur für mich neu, brauchbar, von Wert sein oder für eine Gruppe. Es kann für eine Gesellschaft gelten und schließlich auch welthistorisch.“

Karl-Heinz Brodbeck, Wirtschaftswissenschaftler und Kreativitätsforscher

Brodbeck definiert, ähnlich wie viele seiner Forscherkollegen, Kreativität als eine Schnittmenge zwischen Neuem und Wertvollem. „Dass etwas nur neu ist, das reicht nicht aus. Wenn ich mich als Professor in der Vorlesung in der ersten Reihe schlafen lege, ist das vielleicht neu, aber nicht wertvoll. Gleichzeitig kann ich etwas von Wert tun, etwa einen Tee kochen, aber niemand wird sagen, das sei kreativ. Neues muss auch als solches wertgeschätzt werden, erst dann ist es kreativ.“

Die Bewertung hänge vom Umfeld ab, sagt Brodbeck: „Etwas kann nur für mich neu, brauchbar, von Wert sein oder für eine Gruppe. Es kann für eine Gesellschaft gelten und schließlich auch welthistorisch.“ Damit verbindet sich der selbst entworfene Lego-Bagger mit der Erfindung der Dampfmaschine. Oder Omas neues Häkelmuster mit Joseph Beuys‘ Fettecke. Beuys hielt übrigens grundsätzlich jeden für kreativ: „Jeder Mensch ... ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt.“

Es ist auch die Art, wie Kreativität definiert wird, die zu ihrer unglaublichen Karriere beiträgt. Ihr Aufstieg beginnt in den USA. 1950 hält der Psychologe und Intelligenzforscher Joy Paul Guilford vor der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft einen Vortrag mit dem Titel „Creativity“. Darin macht er Schluss mit dem Geniekult und stellt erstmals die These auf: „Jeder Mensch ist kreativ.“ Einen Riesen-Schub erhält die noch junge Forschungsrichtung durch einen Riesen-Schock: Am 4. Oktober 1957 startet der erste künstliche Erdsatellit in den Weltraum – und zwar nicht von den USA aus. Die UdSSR ist schneller im All als die Amerikaner. Sind die Russen etwa kreativer? Und was kann man tun, um das zu ändern?

Der Wert einer Innovation liegt im Auge des Betrachters

Man besinnt sich auf Guilford. Er hatte versucht, Intelligenztests zu entwickeln, die auch kreative Faktoren messen. Mit diesem Verfahren will man junge Menschen testen, um sie auf die richtige Schule zu schicken. „Dieses Experiment scheitert. Die an die Eliteschulen an der amerikanischen Westküste gingen, wurden keine Physiker und Raketenbauer. Die haben Marx und Marcuse gelesen und waren der Ursprung der Studentenbewegung“, erzählt Karl-Heinz Brodbeck, nicht ohne Ironie. Danach lässt das Forschungsinteresse nach, bis der ökonomische Wettbewerb um Innovationen es wieder befeuert – obwohl sie sich wissenschaftlicher Betrachtung gerne entzieht. Sie ist kein „empirischer Gegenstand“, der sich in Studien festnageln ließe.

„Eine kreative Leistung zu beurteilen gehört mit zur Dimension der Kreativität.“ Karl-Heinz Brodbeck

Das Problem liegt in der Bewertung. Brodbeck: „Wenn in einem Test bestimmte Leistungen als kreativ beurteilt werden, so unterstellt man, dass das Wertsystem des Beobachters objektive Geltung beanspruchen kann.“ Aber kann es das? Nein. „Eine kreative Leistung zu beurteilen gehört mit zur Dimension der Kreativität“, sagt der Philosoph. Der Wert liegt im Auge des Betrachters. Und manchmal dauert es viele Jahre, um ihn zu erkennen.

Beispiele verkannter Genies gibt es zuhauf: George Bizet (1838-1875), seine „Carmen“ fällt zunächst beim Publikum durch. Friedrich Hölderlin (1770-1843), dessen Werk erst Jahre nach seinem Tod den Durchbruch schafft. Paula Modersohn-Becker (1876-1907), die es als Frau doppelt schwer hat und zu Lebzeiten nur vier Bilder verkauft. Bisweilen dauert es Jahrtausende: Der Atomismus von Demokrit (460-371 v. Chr.) gilt in der Antike als philosophische Strömung, wird dann das ganze Mittelalter hindurch vergessen und in der Neuzeit wiederentdeckt. Um die Wende des 19/20. Jahrhunderts beginnen Physiker, Atome zu untersuchen. Erst im richtigen Kontext wird der Wert von Demokrits Idee entdeckt – in einer experimentellen, und nicht philosophischen Umgebung.

Der spätere Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein spielt im Jahr 1931 auf der Rückreise von New York an Bord der MS Belgenland die Violine. Besondere Genies haben oft mehrfache Begabungen. Foto: dpa

Nur wenig Gemeinsames hat Karl-Heinz Brodbeck bei der Suche nach allgemeinen Charaktermerkmalen kreativer Menschen entdeckt. Ein Aspekt, auf den auch die Psychologin Teresa Amabile gestoßen ist, liegt in der außergewöhnlichen Motivationsstruktur. Innovative Geister seien häufig „in vielen Feldern zugleich kreativ“. Einstein und die Geige. Heisenberg und das Klavier. Wittgenstein und die Architektur. Bill Gates und sein soziales Werk. Ihr Wille, kreativ zu sein, beschränkt sich nicht auf ein Feld. Dieser Wille, Brodbeck spricht von der „Entscheidung zur Kreativität“, sei im Vergleich zu Otto Normalverbraucher extrem stark ausgeprägt. „Wichtig ist, sich dafür zu entscheiden, zu sagen: Ich kann das. Ich kann was verändern. Zumindest werde ich es versuchen.“ Oft wird es danebengehen. Da muss man durchhalten. Wie Einstein, wie Böll, wie Steve Jobs. „Wirklich kreative Menschen lassen sich von Fehlschlägen nicht enttäuschen“, sagt Brodbeck.

Apple Computer wurde 1976 von Steve Jobs (r.), Steve Wozniak (l.) und Ronald Wayne (nicht im Bild) in der Garage von Jobs Eltern in Mountain View (Kalifornien) gegründet. Jobs bezeichnete die Phase nach seinem vorübergehenden Ausscheidens 1985 als einer der kreativsten in seinem Leben. Foto: dpa

Einstein rechnete wieder und wieder. Steve Jobs bezeichnete die fünf Jahre, nachdem er Apple 1985 vorübergehend verlassen hatte, als die kreativsten seines Lebens. Der Bruch mit Gewohnheiten entspricht einem Grundmuster für kreative Prozesse: Erst wird das Gewohnte weggeklappt. Denn damit „Neuformation von Informationen“ – so definiert es der Kreativitätsforscher und Psychiater Rainer M. Holm-Hadulla – gelingt, dürfen weder Routinen noch Wertungen dazwischenfunken. Oder um ein Sprichwort zu verwenden: Kreativität fängt da an, wo der Verstand aufhört, das Denken zu behindern. Techniken, um diesen Zustand zu erreichen, gibt es viele, aber kein Rezept für jeden. Hemingway braucht die Stille seines Schlafzimmers und die Disziplin des Stehens. Simone de Beauvoir hingegen das Hintergrundrauschen des Pariser Café de Flore, einer Art Think Tank für Literatur und Philosophie. Andere sammeln Notizen, führen Tagebuch, und verknoten irgendwann die losen Enden der Fäden zu einem genialen Muster. Schlichtweg geht es darum, etwas zu sehen, das schon da ist. Danach allerdings müssen die Gedanken gefiltert werden. Dazu braucht man wieder das Bewertungssystem. Und dann gibt es – vielleicht – diesen besonderen Moment, an dem sich Bedeutung entzündet: Die Idee hebt ab wie eine Rakete

Geld ist ein Bewertungsmaßstab, aber kein Kreativitätsmotor

Auch Tiere können den Wickie-Moment erleben. Brodbeck nennt als Beispiel Affen auf einer japanischen Insel, die essbare Nüsse von Steinen trennen, indem sie sie ins Wasser werfen: Die Leckerbissen schwimmen oben.

Computer allerdings werden diesen Augenblick nie erleben, meint der Kreativitätsforscher – dafür aber diejenigen, die sie nutzen und programmieren. Diese Köpfe und ihre Ideen sind die Zukunft einer Wirtschaft, die auf Innovation beruht.

„Die universelle Gegenwart der Geldrechnung ist das Haupthindernis für Kreativität.“ Karl-Heinz Brodbeck

Doch die Bedingungen, unter denen Unternehmen funktionieren, sind alles andere als kreativitätsfördernd. „Die universelle Gegenwart der Geldrechnung ist das Haupthindernis für Kreativität. Geld ist ein Bewertungsmaßstab, aber kein Kreativitätsmotor“, sagt Karl-Heinz Brodbeck. „Wenn Handlungen getaktet, gemessen, sanktioniert werden, ist Schluss mit Kreativität.“

Google, Microsoft, Facebook, Apple und viele andere handeln längst danach: „Sie geben Mitarbeitern Freiräume, Freiheit auch von der Kostenrechnung.“ Das kann ein Tag in der Woche sein, wo jeder für sich etwas machen darf, herumexperimentieren. Das können Freizeiten innerhalb der Arbeitszeit sein. Was indes niemand kann, ist Kreativität befehlen. Der Schlüssel dafür liegt allein in einem selbst. Der Anfang ist dabei das Wichtigste.

Hier geht es zu weiteren Geschichten aus unserem Wochenendmagazin „nr. sieben“.

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