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Freitag, 22. September 2017 21° 2

Porträt

Die Optimistin mit Teamgeist

25 Jahre leitet Stefanie Miller-Reitzer die Parfümerie am Neupfarrplatz. Statt auf Mainstream setzt sie auf Nachhaltigkeit.
Von Heike Sigel

Regensburg.Stefanie Miller-Reitzer hat ein gewinnendes Wesen. So antiquiert der Ausdruck klingen mag – auf die 45-jährige, attraktive Blondine trifft er absolut zu. Später Vormittag in der Parfümerie Miller am Regensburger Neupfarrplatz. Eine Kundin, sicher schon weit in ihren 70ern, freut sich unglaublich, „die Chefin“ zu sehen. Die ältere Dame fällt Stefanie Miller-Reitzer fast um den Hals. „Schön, dass ich Sie mal wieder im Laden treffe!“ Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Auch die Geschäftsinhaberin strahlt. Vor allem mit den Augen. Und die lügen nicht. Die Herzlichkeit ist weder aufgesetzt, noch einer gewissen Höflichkeit dem Kunden gegenüber geschuldet. „Ich will, dass wir gerade auch für unsere älteren Kunden ein Platz bleiben können, an dem sie sich wohlfühlen. An dem sie Ansprache und etwas zu trinken bekommen und auch Leute treffen“, sagt Stefanie Miller-Reitzer.

Seit 1897 prägt die Parfümerie Miller das Bild am Regensburger Neupfarrplatz mit. Fotos: Andi Hagen/privat

Traditionsbewusstsein, Kundenorientierung und zukunftsorientiertes, unternehmerisches Denken. Für die Regensburger Unternehmerin sind das keine Widersprüche, sondern vielmehr die Überlebensgarantien für eines der wenigen noch verbliebenen inhabergeführten Familienunternehmen in der Domstadt. Seit einigen Jahren baut Miller-Reitzer die alteingesessene Parfümerie konsequent zu einem „Beauty Concept Store“ um, wo – statt auf Mainstream – auf Naturkosmetik mit schadstofffreien Inhaltsstoffen, auf Düfte und Schönheitsprodukte gesetzt wird, die es nicht überall zu kaufen gibt. Im November letzten Jahres siedelte sich die Parfümeriekette Douglas am Neupfarrplatz an. Bestimmt ein harter Schlag für die Geschäftsfrau? Stefanie Miller-Reitzer lacht – und überrascht mit ihrer prompten Antwort. „Vielleicht habe ich den Optimismus und die Gabe, mir alles schönzureden, von meinem Vater geerbt. Aber wahrscheinlich profitieren wir sogar davon, dass ein Mitbewerber gleich nebenan sein Geschäft eröffnet hat.“ Beim Blick in das verblüffte Gesicht ihres Gegenübers schiebt Miller-Reitzer eine Erklärung nach: „So sind wir regelrecht dazu gezwungen, uns noch weiter auf unsere Unterscheidbarkeit zu konzentrieren. Auf unseren Service, auf unseren neuen Onlineshop und auf unsere kleinen, aber feinen Hersteller. Würde ich jetzt die Augen verschließen, dann wären wir in zehn Jahren für die junge Kundschaft nicht mehr existent.“

„Vielleicht habe ich den Optimismus und die Gabe, mir alles schönzureden, von meinem Vater geerbt.“

Stefanie Miller-Reitze

Dieser unerschütterliche Optimismus muss es auch gewesen sein, der Stefanie Miller vor 25 Jahren nicht verzweifeln ließ, als in ihrer Familie wegen einer schweren Erkrankung des Vaters kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Eine wohl angeborene felsenfeste Zuversicht ließ sie stattdessen beherzt zugreifen und handeln, als es darum ging, den Fortbestand des Geschäftes zu sichern. „Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, ob ich in die Firma einsteigen will. Die Parfümerie war unser Familiengeschäft, das Team war da – da gab es für mich nichts zu überlegen!“, sagt die zweifache Mutter mit großem Nachdruck.

Viele Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten mit an Bord

Rückblick: Angefangen hat alles 1879, als Stefanie Millers Urgroßvater Franz Xaver Miller mit dem Verkauf von selbstproduzierter Seife begann. Er führte die Seifenfabrik in der Engelburgergasse und später die noch größere Fabrik in der Blumenstraße, seine Frau Maria leitete den Laden am Neu-pfarrplatz. Schon bald wurde der „Seifensieder Miller“ wegen der Qualität seiner Produkte weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Der Handel florierte. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging es für die Unternehmerfamilie weiter bergauf. Inzwischen leitete der Sohn, der ebenfalls Franz Xaver Miller hieß, das Unternehmen. In den 50ern wurde die Seifenfabrik geschlossen, der Laden dagegen weiter ausgebaut. Internationale Marken, Kosmetikkabinen und ein Friseursalon zogen in das große Haus am Neupfarrplatz 16 ein, dessen Chef inzwischen der dritte Franz Xaver Miller, Stefanie Millers Vater, war. In Zeiten des Wirtschaftswunders traf er die mutigen unternehmerischen Entscheidungen. Heute tut das seine Tochter. Franz Xaver Miller wäre sicher stolz auf sie. Denn Stefanie Miller hat sich auch von hohen Investitionen und manchen Stolpersteinen nie aus dem Tritt bringen lassen.

„Ich wollte Comic-Zeichnerin in den Disney-Studios in Kalifornien werden. Das wär’s gewesen...“

Stefanie Miller-Reitze

Der Familientradition fühlt sich die Urenkelin des Firmengründers bis heute stark verbunden. Ihren Vater bewundert sie grenzenlos. Stefanie Miller war ein „Papakind“ – und das Nesthäkchen der Familie. „Ich war der unverhoffte Nachwuchs. Meine Mutter war bei meiner Geburt 46 Jahre alt. Meine drei Geschwister sind zwischen 15 und 19 Jahre älter als ich“, erzählt die Regensburgerin. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium hatte die junge Frau große Träume. „Ich wollte Comic-Zeichnerin in den Disney-Studios in Kalifornien werden. Das wär’s gewesen...“. Stattdessen musste sie 1992 nach einem Jahr ihr Kommunikationsdesign-Studium in München abbrechen und zuhause im Laden ihre Lehre zur „Kauffrau im Einzelhandel“ beenden, die sie gleich nach dem Abitur parallel zum Studium begann. Der Vater wollte es so. Er war inzwischen schwer krank. Als er im Dezember 1993 starb, stand seine Tochter von heute auf morgen völlig eigenverantwortlich als neue Chefin im Laden. „Fürs Comic-Zeichnen war ich eh nicht gut genug“, sagt Stefanie Miller rückblickend, „und meinen Lebenstraum, eine glückliche Familie mit Kindern zuhause im schönen Regensburg, den habe ich erreicht.“ Sie ist und bleibt Optimistin. Und ein Teamplayer durch und durch. Denn ihre Anfangsjahre als Unternehmerin, gibt Miller zu, hätte sie ohne „ihr Spitzenteam“ niemals so erfolgreich meistern können. „Ich sehe uns alle als Familie. Meine Mitarbeiter sind für mich das wichtigste Juwel des Unternehmens.“

„Hätte ich versucht, nur auf den Preis zu setzen, dann hätte ich auf Mitarbeiter verzichten müssen. Und das wollte ich auf keinen Fall.“

Stefanie Miller-Reitze

Zwanzig Leute arbeiten bei Miller. „Einige sind schon länger im Geschäft als ich.“ Fluktuation gibt es kaum. Wer einmal an Bord ist, der bleibt es in der Regel auch. Die Mitarbeiter haben sogar ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, welche Firmen im „Beauty Concept Store“ Einzug halten und welche eben nicht. Übt eine Firma zu viel Umsatzdruck auf das Team aus, „dann fliegt sie“. Da schaut Stefanie Miller nicht lange zu: „Erstens wollen wir immer hinter dem stehen, was wir verkaufen, und zweitens möchte ich, dass die Arbeit für meine Leute eine Konstante ist, auf die sie sich immer verlassen können.“ Ist die Parfümerie Miller womöglich eine Insel der Glückseligen? Nicht ganz. Denn die meisten Kosmetikmarken sind auf Umsatzwachstum getrimmt und die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Außerdem ist der Preisdruck auf dem Markt der Schönheitsprodukte immens. Stefanie Miller: „Hätte ich versucht, nur auf den Preis zu setzen, dann hätte ich auf Mitarbeiter verzichten müssen. Und das wollte ich auf keinen Fall.“

Für die Unternehmerin ist Familie das Wichtigste

Stattdessen hat die Unternehmerin kürzlich einen Onlineshop eröffnet, stetig investiert und am Profil ihres Unternehmens gefeilt. Sie hat ihre Geschwister ausbezahlt, den Laden und die Kabinen modernisiert und in all den Jahren auch die Immobilie am Neupfarrplatz in Schuss gehalten. Das kostet. Mit einem Verkauf des Hauses hätte die Geschäftsfrau ausgesorgt. Angebote gibt es viele. Ein Investor konnte es schier nicht glauben, dass Stefanie Miller angesichts seines großzügigen Kaufangebots nicht weich geworden ist. Aber Stefanie Miller verfolgt ihren eigenen Weg. Als Arbeitgeberin und als Familienmensch.

2005 hat sie geheiratet. Seitdem heißt sie Stefanie Miller-Reitzer. 2006 kommt Tochter Stella zur Welt, zwei Jahre später Sohn Jonathan, genannt Johnny. Zur Familie gehört seit fünf Monaten auch ein Hundewelpe. Ein weißer Schäferhund namens „Blacky“. Die Familie ist Stefanie Miller-Reitzer heilig. Zuhause soll es stressfrei und entspannt zugehen. Auch wenn die passionierte Schlagzeugerin dort gerne mal lautstark auf ihre Trommeln schlägt. Kürzlich hat Stefanie Miller-Reitzer ihren Kunden einen sehr persönlichen Brief geschrieben. Darin stand: „Großkonzerne und Mainstream sind nicht mehr unser Weg.“

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Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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