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Freitag, 22. Mai 2015 17° 3

Darmkeim

EHEC: Das Stochern im Nebel

Auf eine Sprossen-Packung eines Patienten hatten Experten große Hoffnungen gesetzt – doch auch diese Spur hat sich zerschlagen.

Wo die EHEC-Welle ihren Ursprung nahm, ist derzeit immer noch unbekannt.

Hamburg. Die EHEC-Ermittler haben einen neuen Rückschlag erlitten. Die von einem Patienten aus Hamburg abgegebene Sprossen-Probe ist EHEC-frei, wie Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag sagte. Es sei für alle Beteiligten „absolut unbefriedigend und auch beängstigend, dass die Quelle noch nicht gefunden wurde“.

Der 42-jährige Hamburger hatte das Sprossengemüse eines inzwischen gesperrten Hofs in Niedersachsen im Kühlschrank vergessen. Die mehrere Wochen alte Packung hätte den Behörden dabei helfen können, die Infektionsquelle zweifelsfrei nachzuweisen. Erste Laborproben aus dem betroffenen Hof in Bienenbüttel waren am Montag ebenfalls negativ ausgefallen. Der Betrieb war in Verdacht geraten, weil er zahlreiche Lokale und Kantinen beliefert hatte, von denen Gäste erkranken.

Bundesweit rund 3000 EHEC-Fälle

Das Vorgehen des niedersächsischen Verbraucherschutzministers mit der Warnung vor Sprossen hält Prüfer-Storcks für richtig. „Ich bin der Meinung: Gesundheitsschutz ist keine Verhandlungssache, geht in jedem Fall vor.“

Derzeit sind bundesweit rund 3000 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle registriert. Mindestens 21 Menschen sind nach Angaben von Behörden gestorben. In den besonders betroffenen Ländern Hamburg und Niedersachsen flachte der Anstieg der Infektionszahlen ab. Dagegen ist die Zahl der Menschen, die sich in Schleswig-Holstein mit EHEC ansteckten, innerhalb eines Tages um fast 100 auf 676 gestiegen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt mehrere Gemüsesorten als mögliche EHEC-Träger. Die erste Patientenbefragung, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko nach dem Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat gezeigt habe, sei durch weitere Untersuchungen bestätigt worden. Nur wenige Erkrankte hätten angegeben, Sprossen gegessen zu haben. „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist es möglich, dass mehrere Gemüsesorten Überträger des EHEC-Bakteriums sind.“ Eine neue Studie frage nun speziell auch nach dem Verzehr von Salatzutaten inklusive Sprossen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe keine weiteren Erkenntnisse über die Herkunft der EHEC-Infektionen als die Bundesbehörden, sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl in Genf. Er verwies darauf, dass die widersprüchlichen Warnungen der deutschen Behörden vor Gesundheitsgefahren etwa von Gemüse die Lage nicht erleichterten. „Die WHO würde so etwas nur empfehlen, wenn es sehr solide begründet wäre“, sagte Hartl. Allerdings war die Organisation wegen ihres Umgangs mit der Schweinegrippe ebenfalls in die Kritik geraten.

Ruf nach einer „Seuchen-Polizei“

Wegen ständig neuer Rückschläge bei der Suche nach dem Erreger wird der Ruf nach einer „zentralen Seuchen-Polizei“ lauter. Auf scharfe Kritik stieß das deutsche Krisenmanagement zur Eindämmung der EHEC-Epidemie im EU-Parlament in Straßburg. Aber auch die Europäische Union (EU) hat nach Ansicht zahlreicher Parlamentarier zu langsam reagiert und sollte die Lehren aus dieser Krise ziehen - „schnell und effizient“.

„Für besonders gefährliche Keime brauchen wir eine mobile Eingreiftruppe“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu „Bild.de“. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, forderte „den Umbau des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur zentralen Seuchen-Polizei in Deutschland“.

Lauterbach will dazu die RKI-Spezialisten mit allen Kompetenzen und dem Recht ausstatten, wie die Bundeswehr „Reservisten“ heranzuziehen, etwa Spezialisten von Universitäten. Auch Wendt forderte für das RKI „mehr Geld, mehr Personal und mehr Kompetenzen“. Seuchenbekämpfung dürfe nicht länger Ländersache sein, sondern müsse zentral auf Bundesebene koordiniert werden. „Es kann nicht sein, dass jeder Landesminister etwas anderes sagt und dadurch (...) ganze Industriezweige an den Rand des Ruins geführt werden und die Verbraucher am Ende total verunsichert sind.“

CSU warnt vor Schnellschüssen

In den Augen vieler EU-Parlamentarier fehlt in Deutschland eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. In den USA gebe es eine zentrale Seuchenbekämpfungsbehörde, sagte die Fraktionschefin der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Weder Deutschland noch die EU seien auf diese EHEC-Krise vorbereitet.

Die CSU verwahrte sich gegen voreilige Kritik am Krisenmanagement in Bund und Ländern. Es sei unabhängig von den aktuellen Vorgängen zu prüfen, ob eine zentrale Zuständigkeit bessere Ergebnisse erbracht hätte. In diesem Fall zeigte sich CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt offen für Änderungen. Doch aktuell helfe „das Verschieben von Kompetenzen so schnell nicht weiter“, sagte sie. Es spreche zudem vieles dafür, dass vor Ort mehr kontrolliert werden könne.

Auch der Verband der Universitätskliniken Deutschlands (VUD) forderte die Bündelung der Kompetenzen beim Bund. Nur mit zentral organisiertem Krisenmanagement könnten Epidemien optimal bekämpft werden. Dass auch eine konzertierte Aktion von regionalen, Landes- und Bundeseinrichtungen nicht effektiv sei, zeige sich aktuell. „Epidemien machen nicht vor Ländergrenzen Halt und erfordern einen raschen Durchgriff“, sagte VUD- Generalsekretär Rüdiger Strehl.

EU-Gesundheitskommissar John Dalli warnte vor vorschnellen Informationen durch Behörden. Infektionsquellen sollten nicht angegeben werden, solange diese nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt seien. Auch Dalli plädierte für effizientere Warnsysteme. „Im Binnenmarkt müssen wir schnell und entschieden reagieren, die Kommunikationswege müssen schnell und flexibel gestaltet werden“, sagte der EU-Kommissar.

Zur Aufarbeitung der Vorgänge haben die Grünen eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragt. „Das EHEC-Krisenmanagement dieser Regierung ist miserabel, es findet schlecht oder gar nicht statt“, kritisierte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast.

Lebensmittelkontrollen: „Koordination verbessern“

NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) verlangte, die Lebensmittelkontrolle solle Sache der Bundesländer bleiben, weil diese Praxis „am angemessensten“ sei. „Ich wüsste nicht, wie aus Berlin die konkrete Probennahme bei den Betrieben organisiert werden sollte“, erläuterte Remmel am Dienstag im ARD-„Morgenmagazin“. Die Kontrolleure seien sehr nah an den Betrieben, wo es zudem Informationen über die Lieferbeziehungen gebe. Der Minister räumte aber ein: „In der Koordination, glaube ich, kann man in der Tat etwas verbessern.“ Für konkrete Manöverkritik sei im Moment keine Zeit.

Hessens Verbraucherschutzministerin Lucia Puttrich (CDU) schlug mit Blick auf die EHEC-Epidemie eine engere Kontrolle der Restaurants und Kantinen vor. Die Küchen sollten noch mehr Proben ihrer Produkte für spätere Untersuchungen zurückstellen, erklärte sie am Dienstag in einem Interview mit dem Radiosender hr-info. Die Ministerin verlangt eine rechtliche Änderung auf Bundes- oder sogar auf europäischer Ebene. Mit diesem Vorschlag will sie zum EHEC-Krisentreffen von Bund und Ländern am Mittwoch in Berlin fahren.

EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos schlug vor, die Gemüsebauern wegen der EHEC-Krise mit 150 Millionen Euro Entschädigungen zu unterstützen. Spanien hatte zuvor mehrfach Entschädigungen für die Einbußen betroffener Bauern gefordert. Spanische Bauernverbände hatten die Verluste auf 200 Millionen Euro pro Woche beziffert, nachdem deutsche Behörden vor dem Verzehr spanischer Gurken gewarnt hatten.

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