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Panorama
Dienstag, 16. Januar 2018 6

Handwerk

Ein Dach überm Kopf des Jesukindleins

Ob orientalisch, neapolitanisch oder bayerisch – Weihnachtskrippen gibt es in allen Ausführungen. Auch selbstgemacht geht.
Von Kerstin Hafner

Beim Krippenbaukurs sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Es gibt lediglich eine Richtlinie: Jedes Detail muss naturgetreu und wenn möglich von Hand gemacht sein. Foto: Hafner

Für Birgit Guttenberger muss eine Krippe orientalisch aussehen. Die Originalkrippe war schließlich auch orientalisch – sagt ihr ihr Gefühl. Eine alpenländische Krippe haben sie schon zuhause. Die hat vor Jahren ihr Mann gebaut. Die ist wunderschön, detailgetreu und natürlich individuell – aber eben nicht orientalisch.

Birgit Guttenberger hat ihren Mann gefragt, ob er nicht Lust hätte, eine weitere Krippe zu bauen. Aber er fand, eine reicht. Also hat sich Birgit Guttenberger kurzerhand selbst bei einem Krippenbaukurs angemeldet. Selbst ist die Frau beim Krippenbau. Und doch kommt Gatte Werner nicht ganz untätig davon. Die Zeit bis Weihnachten wird knapp, Birgit hat krankheitsbedingt zwei Kursstunden verpasst. Also muss Werner bei den letzten drei Treffen helfen, damit die große, orientalische Krippe rechtzeitig fertig wird. Und er gibt zu, dass er doch wieder Freude daran hat, das Werk wachsen zu sehen. An Weihnachten finden Maria und Josef bei Guttenbergs also in einer orientalischen und einer alpenländischen Krippe ein Zuhause.

Birgit und Werners orientalische Krippe im Rohbau. Foto: Hafner

Von einem übergreifenden Do-it-yourself-Trend kann man vielleicht noch nicht ganz sprechen, aber zumindest im Raum Neumarkt könnte der dort ansässige Krippenverein Freystadt nach Auskunft von Krippenbaumeister und 1. Vorstand Erhard Benz locker zwei bis drei Krippenbaukurse pro Jahr veranstalten. Leider ist das vor Weihnachten weder zeitlich noch personell machbar und „rund um Ostern läuft das Thema einfach nicht“, sagt Benz. „Wir haben im Frühjahr schon mal einen Kurs angeboten, aber da fehlt den Leuten der Drive. Am Ende so eines Kurses muss Weihnachten vor der Tür stehen, das ist einfach so.“ Deswegen laufen die Kurse über zwölf Wochen von Ende September bis Anfang Dezember. Roswitha Mühling fügt hinzu: „Aber man kann durchaus beobachten, dass Krippen seit ein paar Jahren wieder im Aufwind sind.“

Ausbildung zum Krippenbaumeister mit Technik, Werkstoffkunde und Praxismodell

Auch Roswitha ist Krippenbaumeisterin. „In Klüsserath an der Mosel gibt es eine der wenigen deutschen Krippenbauschulen“, verrät sie. „Die Ausbildung zieht sich über vier Jahre. In den ersten drei Jahren müssen die angehenden Meister drei achttägige Aufbaukurse absolvieren. Dabei stehen Technik und Werkstoffkunde auf dem Programm, aber auch auf die theoretische Ausbildung wird großer Wert gelegt“, sagt Erhard Benz. Deshalb gehen die Ausbilder auch auf die biblischen Hintergründe und geografischen wie geschichtlichen Fakten ein. Im letzten Jahr der Meisterlehrgänge widmen sich die Auszubildenden unter Aufsicht, aber ohne fremde Hilfe ihrem Meisterstück. Dabei dürfen sie sich den Stil der Krippe selbst aussuchen. Ob orientalisch, neapolitanisch oder alpenländisch-bayerisch – für alle gilt das Gleiche: Jedes noch so kleine Detail muss naturgetreu und wenn möglich von Hand gemacht sein. Die Voraussetzung zur Zulassung ist die Mitgliedschaft in einem deutschen Krippenverein. Allein im Freistaat gibt es 46 Vereine unter dem Dach des Bayerischen Krippenverbandes. Der Präsident des Weltkrippenverbandes kommt übrigens aus Furth im Wald – Johann Dendorfer wurde 2011 an die Spitze gewählt.

Pro Kurs nimmt der Freystädter Verein etwa acht bis zehn Teilnehmer an. Fast genausoviele freiwillige Helfer kümmern sich darum, dass die Krippenlaien ihr Projekt in zwölf Wochen fertig bekommen. „Da sind heuer ein paar recht anspruchsvolle Sachen dabei“, lobt Erhard. Beim Blick durch den Werkraum der Freystädter Grundschule fällt vor allem eines auf: Projekte, die noch im Grundgerüst dastehen, haben recht viel Ähnlichkeit mit einem Barbie-Haus: alles rosa Styrodur. Roswitha lacht: „Traditionalisten sehen das natürlich nicht so gerne, aber wir sind in den Krippenbaukursen vor ein paar Jahren umgestiegen, weil der Werkstoff sich nicht nur leicht bearbeiten lässt, sondern einfach auch erheblich leichter ist als die früher üblichen Sperrholzplatten.

Barbie lässt grüßen: Krippen können auch mal in pinker Ausführung sein. Foto: Hafner

Da brauchst du nämlich ganz schnell mal vier Mann, um eine große, unhandliche Krippe vom Speicher herunter ins Wohnzimmer zu tragen. Findet Styrodur Verwendung, kann man die Krippe auch als Frau gut händeln.“ Weiterer Vorteil: Wer bei seinem Projekt etwas hinterher hängt, kann seine Krippe zwischendurch mit nach Hause nehmen und dort weiterbasteln.

Wie bei Guttenbergs verzeichnet der Verein bei den Kursen in letzter Zeit eine ziemlich hohe Frauenquote. Immer wieder ist zu hören, dass Frauen ihre Ehemänner darum gebeten hatten, doch eine Familienkrippe zu bauen, die Männer aber entweder keine Lust oder Zeit dazu hatten. „Und deswegen sagen sich die Damen: Dann mach’ ich’s eben selber, mit etwas Anleitung krieg’ ich das schon hin“, erzählt Roswitha Mühling.

So läuft der Kurs ab

Wie wird also gewerkelt im Krippenbaukurs? Mit Krippenmörtel (Leimwasser, Champagnerkreide und Sägemehl) wird beispielswese verputzt, Styrodur wird mit heißem Draht geschnitten oder mit Bleistift ein täuschend echtes Mauersteinmuster in die Platten geritzt. Mit dieser Technik lässt sich Styrodur nicht nur eine Backstein-, sondern auch eine Holzbrett-Optik geben. Die passende Farbe wird nachträglich hinzugefügt. Filigrane Teile wie der Weihnachtsstern oder Fensterbögen werden von den Krippenbaumeistern des Vereins aus Gips gegossen und den Teilnehmern zur Verfügung gestellt. Aus einem Karton darf sich jeder bedienen. Damit die Krippen schön beleuchtet werden können, wird von einem Vereinsmitglied die Elektrik im Unterboden verlegt. Auch das müssen die Teilnehmer nicht selbst machen.

Vor allen Kursen wird grundsätzlich ein Treffen abgehalten, zu dem die Teilnehmer, wenn bereits vorhanden, ihre Krippenfiguren mitbringen sollten. Die Krippenbaumeister errechnen dann daraus die Maße für die anzufertigende passende Behausung – nach diesem Grundriss und Aufriss wird dann die Krippe gebaut. Viele Teilnehmer sammeln Krippenfiguren oder haben zumindest einen kompletten Satz zu Hause stehen. Wie auch Irene Sussbauer, die eine alpenländische Krippe mit Echtholz baut: „Ich habe meine Figuren schon seit 20 Jahren. Kürzlich bin ich Oma geworden und deswegen mache ich nun meine eigene Krippe, damit meine Enkel mal was zu bestaunen haben.“

Albert Kellermann und Tochter Regina: Nach diesem Vorbild wird gebaut. Foto: Hafner

Albert Kellermann hat drei Töchter: „Meine Älteste, die Kerstin, kam heuer mit dem Bild einer Krippe zu mir und hat sich genau so eine gewünscht.“ Er zeigt den Computerausdruck. „Und deswegen bauen wir nun hier eben genau nach diesem Vorbild. Regina, Kerstin und Theresa helfen dem Papa abwechselnd – je nachdem, welche der drei gerade Zeit hat.“

Bei den bayerisch-alpenländischen Krippen stehen in der Landschaft um den Stall natürlich Nadelhölzer statt Palmen. Und es wird weniger verputzt als bei den orientalischen. Hier herrscht Holz vor, möglichst dunkel, möglichst verwittert. Alles soll alt aussehen. Den Effekt kann man durch verschiedene Techniken erzielen: Die Ränder der Holzdachschindeln werden mit der Pinzette ausgezwickt, damit sie uneben aussehen; man kann Löcher auslassen oder mehrere Schindeln schief übereinanderschichten, so als hätten sie sich bei einem Sturm verschoben. Später wird das Holz gebeizt und auf „verwittert“ getrimmt. Mit Krippenmörtel verputzte Wände werden erst mit Fassadenfarbe weiß gestrichen und danach mit einer Mischung aus Bier und Farbpulver behandelt.

Auch Männer lassen sich für die Handwerkskunst begeistern. Mit Bier, Farbtupfer und Schwamm wird die Wand bearbeitet. Foto: Hafner

„Würde man Leimwasser dafür verwenden, könnte man Fehler nicht korrigieren, aber Bier ist nur ein leichter Kleber und deswegen kann man mit einem Schwamm die Farbe ungleichmäßig auftupfen, abnehmen und verwischen. Danach sehen die Wände aus, als stünden sie hundert Jahre in Wind und Wetter“, verrät Roswitha. „In den Jahren nach dem Krieg, als es nirgends Haarfestiger gab, haben die Frauen Bier verwendet, damit die Frisur saß.“

Apropos Frauen. Wie stellen sie sich denn an beim Werkeln? Roswitha zwinkert: „Super! Weil Frauen sich einfach auch Tipps geben lassen. Viele Männer sind Perfektionisten. Die richten ihre Dachrinnen mit der Wasserwaage aus. Das ist Gift beim Krippenbau. Da darf nichts zu gerade, zu genau, zu perfekt sein. Es schaut viel schöner und authentischer aus, wenn alles ein bisschen krumm und schief ist. Aber Männer sind da beratungsresistent“, grinst sie. „Vor allem Schreiner.“ Es gibt Schreiner, die einen Krippenbaukurs machen? „Ja, hatten wir auch schon.“ Im Verein tun auch ein Koch und ein Bäcker Helferdienste – ein Lebkuchenhaus für die heilige Familie ist dennoch nie entstanden. Alle Mitglieder haben schon mehrere eigene Krippen gebaut. Werden die auch verkauft? „Nein! Da steckt so viel Arbeit und Herzblut drin, das geht nicht.“

Wer’s einmal tut, tut’s wieder: Krippenbauen macht süchtig

Aber Verschenken geht: Angelika Lindner besucht mittlerweile schon den zweiten Kurs in Freystadt und baut ihre zweite Krippe. Die erste für sich selbst, die zweite nun für ihre Nichte. „Das Besondere dabei ist, dass meine Nichte, die mittlerweile nach Darmstadt gezogen ist, dort ein altes Haus umgebaut hat und mir von diesem Haus altes Holz per Post geschickt hat, damit ich es in ihre neue Familienkrippe einbauen kann“, schwärmt sie und zeigt auf die unebenen Pfosten der Herberge. „Die werde ich ihr nächstes Jahr zur Hochzeit schenken. Meine eigene Krippe möchte ich mal meiner Tochter vererben.“ Angelikas Schwägerin Sigi Lindner baut mit ihrer Tochter Enya (10) ebenfalls bereits ihre zweite Krippe.

Auch Kinder können sich beim Krippenbauen kreativ ausleben. Foto: Hafner

Erst wollte die Kleine nicht mitmachen, aber jetzt gefällt es ihr super. „Der Krippenbaukurs ist viel besser als Handarbeit in der Schule. In letzter Zeit müssen wir da nämlich immer nähen und das macht überhaupt keinen Spaß“, sagt das Mädel und verzieht sein Gesicht. Dann pappt das Kind begeistert mit der Heißklebepistole hölzerne Schindeln aufs Dach. Streichen und spachteln durfte sie auch schon. Ihre Mutter erklärt: „Wir wohnen in einem alten Haus, deshalb wollte ich eine heimatliche, abendländische Krippe dazu. Ich finde, das passt besser. Ich habe zwischendurch zu Hause auch schon eine eigene Krippe gebaut, die in Enyas Zimmer steht. Und nächstes Jahr möchte ich mich mal an eine orientalische heranwagen. Ich muss zugeben, irgendwie bin ich vom Krippenbauen schon ein bisserl angefixt.“ Also Vorsicht: Krippenbauen kann süchtig machen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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