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Panorama
Montag, 20. November 2017 11

Sport

Ein halbes Leben für den Fußball

Carina Pössl und Stefanie Beck sind riesige Jahn-Fans. Die beiden Freundinnen reisen ihrer Elf auch auswärts hinterher.
Von Helmut Hein

Carina Pössl und Stefanie Beck vor der Continental Arena in Regensburg. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Bustüren schlappen zu, das große Abenteuer kann beginnen. Fünf, sechs Stunden ist man unterwegs, nach Düsseldorf oder Sandhausen und irgendwann – das wird weit! – sogar nach Kiel. Aber diese Fahrt ist mehr als nur eine Form der Fortbewegung. Denn da ist eine verschworene Gemeinschaft „on the road“. Vordergründig eint sie die Leidenschaft für den Jahn, einen Fußballverein, der gerade zweimal hintereinander aufgestiegen ist. Dem man aber auch in schlechteren Zeiten die Treue hält. Ehrensache.

In Wahrheit aber sind diese Stunden zunächst auf engstem Raum im Bus, dann, genauso Körper an Körper, in der Stehplatzkurve irgendeines Stadions, einer „Arena“, wie es heutzutage heißt, ein soziales Experiment. Zu besichtigen ist der Traum von einem anderen Dasein, von einer anderen Art des Miteinander-Umgehens. Was sie teilen ist eine Passion. Aber ansonsten sind die Menschen, die der SSV Jahn aktiviert, so verschieden wie nur möglich. Beim Nachdenken über Fußball in entspanntem Ambiente werden Carina Pössl und Stefanie Beck zu Philosophen. So wie ja einst auch Sepp Herberger oder Franz Beckenbauer bedeutende Denker waren, deren aphoristisch zugespitzte Sätze bei jeder passenden Gelegenheit auftauchen: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“ Das gilt nicht nur im Sport.

Beste Freundinnen sind auch Arbeitskolleginnen

Die leidenschaftlichen Jahn-Fans Carina Pössl und Stefanie Beck metaphorisieren aber nicht nur vertraute Abläufe, um ihnen eine allgemeinere Bedeutung zu geben. Sie reden Klartext. Was sie sagen, könnte der Kern eines politischen Programms sein, das in der Krise weiterhilft. „Jeder ist anders. Aber keiner wird ausgeschlossen“, sagt Stefanie Beck. Das könnte ein Steilpass für Sonntagsredner oder Frühstücksdirektoren sein, beschreibt hier aber einen konkreten Sachverhalt: die Lebensregel, die eine verschworene Gemeinschaft zusammenhält. Jeder ist anders. Aber er wird so anerkannt, wie er ist. Er muss sich nicht erst anpassen oder so werden wie „wir“; was manchmal auch schwierig wäre.

Auch Carina Pössl und Stefanie Beck, beste Freundinnen, unterscheiden sich in ihren Vorlieben radikal. Die eine, Stefanie Beck, liebt das Meer, die andere, Carina Pössl, die Berge. Kann man sich einen größeren Gegensatz denken? Treiben sie eigentlich selbst Sport, außer sich für den Jahn die Lunge aus dem Leib zu schreien, was jeder Facharzt in höchsten Tönen rühmen würde? Da werden die verklebten Kapillargefäße wieder frei. Sport? Aktiv? Das sind so Fragen. Beide versinken für einen langen Augenblick in tiefes Nachdenken. Aber beide finden dann doch etwas: „Fitness-Studio“ (Stefanie Beck), „Wandern“ (Carina Pössl). Beides eher Randsportarten.

Die beiden Frauen sind nicht nur Jahn-Fans. Sie arbeiten auch gemeinsam in einem kleinen Bäckerei-Filialladen in Regensburg-Kumpfmühl. Das erklärt auch die Verbindung von Sport- und Geschäftsphilosophie. Noch einmal Stefanie Beck: „Jeder Einzelne ist wichtig. Das ist in einem Betrieb dasselbe“. Wenn der Laden nur wenige Mitarbeiter hat, dann muss man sich aufeinander verlassen können. Wenn der eine ausfällt, geht das auf Kosten des anderen. Verlässliche Absprachen sind wichtig, auch Kompromissfähigkeit. Wie ist das eigentlich, wenn der Jahn schon am Freitag spielt? Da geht doch der Bus schon am frühen Nachmittag? Die beiden schauen sich an. Ja, das wird dann schwierig. Aber man findet eine Lösung.

„Wir stehen zum Jahn – in guten wie in schlechten Zeiten.“

Stefanie Beck und Carina Pössl

Was Stefanie Beck, die Ältere (39), mit „ihren“ Fußballern gemeinsam hat, ist die Vorliebe für Tattoos, für Bekenntnisse auf bloßer Haut. Nur, dass Stefanie Beck auf Diskretion Wert legt. Und sich genau überlegt, welche Botschaften sie auf Dauer ihrem Körper einschreibt. Etwa: „Don’t forget to love yourself.“ Man kann nur gut, ohne versteckte Aggressionen, mit anderen umgehen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Carina Pössl (23) schüttelt den Kopf, als sie den versteckten Blick bemerkt: „Nein, keine Tattoos.“ Warum nicht? „Der Vater ...“ Alles klar. Der Satz braucht keine Fortsetzung.

Dem Vater verdankt sie auch ihre Fußballbegeisterung, die früh begann. Zuerst noch vor dem Fernseher. Ihr Vater ist Bayern-Fan. Und Carina Pössl war Bayern-Fan, bevor sie Jahn-Fan wurde (und Bayern-Fan blieb). Für beide Vereine hat sie immer noch Jahreskarten. Natürlich Stehplatz. Kein wahrer Fan will sitzen. Ist das nicht sehr teuer? Carina Pössl: „Nein, gar nicht. Wobei Bayern sogar weniger verlangt als der Jahn. Ich glaube, 140 der eine, 170 der andere.“ Bayern, der Verein der Großkopferten, der für einen Platz in der Loge schon mal ein normales Monatsgehalt fordert, hat auch eine soziale Ader. Wie das so ist. In Bayern und mit den Bayern.

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Carina Pössl und Stefanie Beck sind Fans, aber keine Hooligans. Der durchschnittliche Medienkonsument zieht sich ja, bei allem, was er so liest und hört, schon warm an, wenn er auch nur fürchtet, auf einen verirrten Fan zu treffen. Die Angst ist zumindest bei den Jahn-Fans, die sich da in der Hans-Jakob-Kurve treffen, vollkommen unnötig. Keine Gewalt! Man nimmt sogar einen „fremden“ Fan brüderlich auf, wenn er sich verirrt. Keine Gewalt, aber größtmöglicher Enthusiasmus. Bei Carina Pössl und Stefanie Beck geht das so weit, dass sie auch beim Training vorbeischauen, wenn sie Zeit haben. Der Fan verwandelt sich in einen Kiebitz. Das geschieht nicht nur bei Rentnern mit mehr als 50-jähriger Vereinszugehörigkeit.

Zusammenhalt ist für Fans entscheidend

Der wahre Fan steht zu seiner Mannschaft. Auch wenn gar nichts läuft. Schönwetter-Fan: Das ist ein Widerspruch in sich. Die Devise lautet wie bei einer Ehe, die hält: „In guten wie in schlechten Zeiten.“ In Carina Pössl ist der gute, alte Sepp Herberger noch lebendig: „Elf Freunde müsst ihr sein.“ Bei ihr heißt das: „Auf die Mannschaft kommt es an.“ Wie jeder gewiefte Trainer lässt sie sich nicht darauf ein, einzelne Spieler hervorzuheben. Zuerst. Dann erzählt sie doch, wer mit einem immer gerne Selfies macht und wer die Nase eher hoch trägt und grußlos vorbeiläuft. Aber der wahre Fan nimmt so ein Verhalten nicht übel. Lieber ersinnt er für den Übeltäter Ausreden. Und dann lässt sie sich doch auf eine Einzelkritik ein. Nur ganz kurz. Pentke? „Ein Hammertorwart.“ Nandzik? „Kämpft ohne Ende.“ Dann wird sie sofort wieder philosophisch: „Die Mentalität entscheidet. Der Zusammenhalt.“

Und, das ist in diesen Post-Ancelotti-Zeiten besonders wichtig: „Jeder hat eine Chance verdient.“ Jeder Spieler wohlgemerkt. Der Bayern-Trainer ist schließlich gescheitert, weil er es sich gleich mit fünf „Weltmeistern“ verdarb. Also, wie das der revitalisierte Uli Hoeneß gewohnt spitzzüngig formulierte, „zum Feind im eigenen Bett“ wurde. Solche Fälle gibt es auch beim Jahn. Christian Keller? Fast hätte Carina Pössl vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Um Gottes willen: Nein!“ Sie ist ein Christian-Keller-Fan. Wenn ihr ein ahnungsloser Keller-Kritiker über den Weg läuft, dann staucht sie ihn zusammen. Sie war – der gute, unerschütterliche Fan! – schon für Keller, als es schlecht lief und alle gegen Keller waren. Und der „Investor“? Bedrohliches Augenrollen. Da verschlägt es einem die Sprache. Da sagt der Körper, was zu sagen ist.

Auswärtsfahrten belasten Budget

Ein halbes Leben für den Fußball: Kann man sich das als Normalverdiener überhaupt leisten? Die vielen Fahrten? Pössl nickt. Die Miete ist teuer. Das Leben als Fan ist nicht billig. Da bleibt nichts übrig. Da muss sogar der Papa, Gott sei Dank auch ein Fan, manchmal aushelfen. Aber auf ihrem Gesicht zeichnet sich jetzt nicht etwa Schmerz ab, sondern das pure Fan-Glück.


Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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