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Panorama
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Porträt

Ein Leben für Gott und die Menschen

Roland Preußl erreichte seine Position als „Chef“ der Katholischen Erwachsenenbildung in Regensburg auf Umwegen.
Von Helmut Hein

Diplom-Theologe Roland Preußl ist Geschäftsführender Bildungsreferent der Katholischen Erwachsenenbildung Regensburg-Stadt. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Kardinal Marx, der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, hat in einem längeren Interview mit der „Süddeutschen“ die Gründe genannt, warum er ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ablehne. Am wichtigsten: Mit der Entwertung, ja dem Verzicht auf Arbeit werde der Einzelne auch als Staatsbürger delegitimiert und auf die weitgehend passive Rolle eines Almosenempfängers reduziert.

Gedanken, die dem geschäftsführenden Bildungsreferenten der KEB Regensburg Stadt, Roland Preußl, seit Langem vertraut sind. Er berichtet von seiner freundschaftlichen Auseinandersetzung mit dem von ihm verehrten Hochschullehrer Friedhelm Hengsbach. Hengsbach, Jesuit, Ökonom und Sozialethiker, hatte einst, bevor es überhaupt einen Mindestlohn gab, für die Aufstockung der Gehälter Geringverdiener aus Steuermitteln plädiert, um jedem ein menschenwürdiges Leben in dieser Gesellschaft zu ermöglichen. Preußl widersprach. „Bedürftig“ sei nicht der Arbeitnehmer, sondern sein Arbeitgeber, der offenbar nicht in der Lage sei, ihn angemessen zu bezahlen. Es sei also besser, die Beschäftigten gut zu bezahlen, und, falls das schwierig werde, den „bedürftigen“ Arbeitgeber zu subventionieren. Wer jetzt einwendet, das laufe doch auf dasselbe hinaus, der begreife nicht, so Preußl, dass es einen Unterschied mache, ob man für seine Arbeit bezahlt oder, als „Aufstocker“, gewissermaßen der Fürsorge unterworfen werde.

„Ich habe Kinder sterben gesehen – das macht, gerade in der Pubertät, einen anderen Menschen aus einem.“

Roland Preußl

Diese Fähigkeit, „feine Unterschiede“ wahrzunehmen, hat viel mit Roland Preußls eigener Entwicklung zu tun. Denn nicht nur der Mensch ist, nach den Einsichten der christlichen Anthropologie, aus „krummem Holz“ gemacht, auch die besseren Lebensläufe verlaufen umwegereich. Nur so sammelt man die nötigen Erfahrungen, bleibt geerdet, lernt auch die Situation und die Perspektive anderer zu achten. Die allzu glatten Karrieren sollten einen misstrauisch machen.

Preußl war, das sagt er selbst, „kein guter Schüler“. Und dann ergänzt er noch: „Zumindest am Anfang nicht.“ Eltern und Lehrer schienen schon früh zu resignieren: „Aus dem Bub wird nie was werden.“ Ein Missverständnis. Es mangelte dem kleinen Roland keineswegs an Begabung, es war auch nicht allein „Faulheit“ schuld. Eher schon konnte man damals Zeuge des „Dramas des begabten Kindes“ (so die Psychoanalytikerin Alice Miller) werden, das Autorität ohne Empathie schlecht erträgt. Als er in der siebten Klasse dann keinen Druck verspürte, das Gefühl hatte, für sich selbst, sein Leben und auch sein Lernen verantwortlich zu sein, veränderte sich plötzlich alles. Die Noten wurden besser. Preußl, im Rückblick zufrieden schmunzelnd: „Der Bub hat es geschafft.“

Mit ziemlicher Sicherheit hatte diese – wie es in der christlichen Theologie heißt – Metanoia, diese grundsätzliche Umkehr, auch mit einer existenziellen Erschütterung zu tun. Sein Bruder erkrankte schwer an Leukämie, für die lebensrettende Knochenmarktransplantation kam, scheinbar zumindest, nur Roland infrage. Solche Erfahrungen prägen einen. Preußl: „Ich habe Kinder sterben gesehen – das macht, gerade in der Pubertät, einen anderen Menschen aus einem.“ Dass der vermeintliche Schulversager den Quali als Bester abschloss, hatte viele Gründe. Aber sicher war nicht zuletzt dieser „Riss“ im Leben, dieses jähe Bewusstsein der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit der irdischen Existenz, dafür verantwortlich.

Der technisch und handwerklich Begabte wählte den Bildungsweg



Roland Preußl kommt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater ist Elektroinstallateur, seine Mutter Schneiderin. Er selbst ist, wenn man das so sagen kann, „selfmade“. Die letzten Jahre des zweiten Jahrtausends absolvierte er die Ausbildung in einem praktischen Beruf: Industrieelektroniker/Fachrichtung Produktionstechnik. Anschließend „rief“ ihn – damals war das noch so – die Bundeswehr. Preußl verweigerte den Dienst an der Waffe. Keine grundsätzliche Entscheidung – Preußl hält Landesverteidigung für „legitim“ –, sondern eine persönliche. Es gibt Dinge, über die verfügt man nicht. Man hat keine Wahl.

Nach der Meisterprüfung und der Verleihung des „Meisterpreises“ durch Staatsminister Erwin Huber stand Preußl an einem Kreuzweg. Siemens machte ihm ein sehr gutes Angebot; eines aus der Kategorie „das man nicht ablehnen kann“. Roland Preußl traf eine Entscheidung: Er kündigte. Er, der technisch und handwerklich überaus Begabte, hatte das starke Gefühl, dass sein Bildungsweg noch nicht abgeschlossen sei und dass sein Lebensweg ihn irgendwann woandershin führen werde. Zur Klärung der Berufung ging er für anderthalb Jahre ins Priesterseminar St. Wolfgang in Regensburg.

Prägend wurden zwei sechswöchige Aufenthalte in Indien. Der charismatische Bischof Johannes ist für ihn bis heute das „Ideal“ eines Christen, ein Vorbild für andere mitten im Leben. Was hat ihn so beeindruckt? „Bischof Johannes war sehr intelligent, sehr fromm und sehr menschenfreundlich.“ Und er praktizierte, was für manche nur ein Wort, höchstens eine Idee ist, Inklusion. Vielleicht, weil er selbst ein Dalit war.

Es ist nicht so, dass die Dalit im fortbestehenden indischen Kastensystem am unteren Ende stehen. Sie gehören überhaupt keiner Kaste an. Sie gelten als „unberührbar“, für viele – Preußl schätzt: für zwei Drittel der Menschen dort – stehen sie immer noch unter einem Bann. Der spätere Bischof Johannes verdankte seine Schulbildung einem deutschen Stipendium. Jetzt, in seiner einflussreichen Stellung, bemüht er sich um die „Rettung“ der Kinder aus den Slums, schickt die Priester dorthin, kauft die Kinder oft sogar den Eltern ab und sorgt dafür, dass nach Möglichkeit alle in den Genuss von Bildung kommen. Preußl: „Jeder Pfarrer muss eine Dorfschule leiten.“

Roland Preußl steht mitten im Leben. Und zugleich – aber das sollte nicht so klingen, als sei das ein Gegensatz – ist er tiefreligiös. Er findet seinen Halt im Glauben an Gott. Warum ist er dann eigentlich nicht selbst Priester geworden, sondern „nur“ Pastoralreferent? Preußl nennt vor allem zwei Gründe: Zum einen müsse sich jeder fragen, ob er sich ein Leben lang dem Zölibat, also dem Gebot der Ehelosigkeit, unterwerfen wolle und könne. Zum anderen sei entscheidend, wo und wie man am besten Gott und den Menschen dienen könne. Ein wesentliches Kriterium sei: „Wie und was kann ich ein Leben lang mit Freude leben.“

Der Wunsch nach Kindern – eigene oder auch adoptiert



Roland Preußl hat mittlerweile, beruflich und privat, seinen Weg gefunden. Am 6. Juni 2015 hat er Terezia geheiratet. Kennengelernt haben sich die beiden übers Internet. Nicht über Parship oder eine ähnliche Plattform freilich, sondern über eine christliche Website. Preußl: „Die Übereinstimmung in den Grundsätzen ist sehr wichtig.“ Und: „Glaube verbindet.“ Diese Haltung bestimmt sein ganzes Leben: Erst das sichere Fundament ermöglicht die Freiheit, Toleranz, Gelassenheit im Umgang mit sich und den anderen. Und wie geht es weiter mit Terezia? Roland Preußl versteht die Frage sofort: „Ich mag Kinder sehr gern.“ Und er fügt hinzu: „Am liebsten eigene.“ Er könne sich aber auch eine Adoption gut vorstellen.

Als Bildungsreferent und Leiter der KEB, also der Katholischen Erwachsenenbildung, ist Roland Preußl bei sich angekommen. Bei sich angekommen, weil er auch für andere da sein und mit ihnen zusammenarbeiten kann. Schon jetzt, nach kurzer Zeit, ist spürbar, dass er ein Virtuose der Kooperation ist. Einer, der neugierig ist, der sucht und versucht, der wissen will, wie und womit man die Menschen erreicht. Er versteht Bildung als soziale Arbeit. Deshalb will er die KEB „dezentral“, die Pfarreien und Gemeinden sollen einbezogen werden. Und er sucht nach Kooperation(en) auch jenseits der Kirche im engeren Sinn. Festungsbau ist seine Sache nicht. Eher schon ist er ein Gärtner, der sät und sich freut, wenn etwas wächst. Was er bedauert: „Dass es so viele kompetente und engagierte Menschen gibt, die vereinzelt nebeneinander arbeiten.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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