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Freitag, 24. November 2017 10° 4

Musik

Ein Trio leistet „folkshilfe“

Vor fünf, sechs Jahren wollten sie Straßenmusiker werden. Drei Österreicher ziehen deshalb los, weil der Folk Hilfe braucht.
Von Mario Kunzendorf, MZ

Florian Ritt (v.l.), Paul Slaviczek und Gabriel HaiderFoto: Blanko Musik

Linz.Eigentlich hat Florian Ritt Jazz-Gitarre studiert. Weil er Jazz gut findet. Nur spielen will er ihn halt nicht. Sein Linzer Hochschullehrer fasste eines Tages seine Resignation und Anerkennung so zusammen: „Du spielst zwar nicht Jazz, aber es geht sich immer irgendwie aus.“

Darauf kann man aufbauen. Also spielt Ritt heute keinen Jazz mehr, nicht einmal Gitarre. Er spielt steirische Harmonika, die über den Umweg eines Moog-Synthesizers zugleich zum E-Bass wird. Zusammen mit Gitarristen Paul Slaviczek und Schlagwerker Gabriel Haider ergibt das schon eine Band, eine mit Dreigesang und einem Ziel. Das Ziel war vor fünf, sechs Jahren die Straße. „Es ging uns nicht zwingend um den Musikstil Folk“, sagt Ritt. „Es ging uns um das Gefühl, das mit Straßenmusik verbunden ist, das Gefühl, dass der Folk Hilfe braucht.“ Angelehnt an den österreichischen Sozialverband „Volkshilfe“ nannte sich das Projekt „folkshilfe“.

„Mit f“ hieß das erste Album 2015, an diesem Wochenende erscheint das zweite Opus des Linzer Trios: „Bahö“. Wie der Titel verrät, wollen die zwischen 26 und 30 Jahren jungen Österreicher „nach der Vorstellungsrunde vor zwei Jahren das nächste Ausrufezeichen setzen“. Oder wie Ritt sagt: Wenn man musikalisch eben „oft zwischen den Stühlen sitzt“, würde man einen bloßen Punkt übersehen.

Neues Album und Termine

  • „Bahö“

    (österreichisch für Aufsehen, Wirbel) ist das zweite Album der Gruppe „folkshilfe“, erschienen am 25. August.

  • Konzerttermine:

    3. September: Gillamoos Abensberg, 29. September: Schafferhof Windischeschenbach, 13. Oktober: Strom München

  • 2014

    nahm die „folkshilfe“ am österreichischen Vorentscheid für den ESC teil und wurde am Ende Vierter.

  • Durch

    Mehrfachinstrumentierung und Dreigesang wirkt das Trio wie eine größere Band. Das gefällt ihnen, bringt sie aber auch in ihre Grenzen.

Tatsächlich passt die „folkshilfe“ in kein Formatradio, obwohl sie im Kern Popmusik machen, vermeintlich einfach gestrickt und wie geschaffen, um auf Festivals für Tanz und Laune zu sorgen. Jedoch bedient sich das Trio nach Belieben in anderen Genres. Paul Slaviczek studierte ebenfalls in Linz und ist Funk und HipHop zugetan, Gabriel Haider studierte in Wien und entstammt der Singer-Songwriter-Szene.

Was alle verbindet, ist ihre Erkenntnis aus „Tourlauben“, aus vielen Spontanauftritten auf den Straßen von Belgien über Deutschland bis Kroatien: „Wenn man keine Qualität abliefert, interessiert sich keiner für dich.“ Und die musikalische Qualität, sagt Ritt, sei ihnen wichtiger als das freiwillige Anpassen an eine Schublade des Formatradios. „Wir versuchen, uns so wenig wie möglich zu inszenieren.“

Dass sie Gegner geistiger Schlichtheit sind, belegen „folkshilfe“ ebenso mit ihren Texten. Das Trio pflegt bayerisch-österreichischen Schmäh, etwa im ironischen Schweinehundstück „Mir laungts“ („...dass i woas dass i kunnt waun i mechat“), es positioniert sich zudem klar politisch. Auch in Österreich ist Wahlkampf, und während Sebastian Kurz den Alpen-Macron gibt, verausgabt sich Heinz-Christian Strache als großer Vereinfacher. Mit „Gemma“ ermuntern „folkshilfe“ dagegen zur Eigeninitiative. Denn aus komplexen Problemen hilft selten eine simple Antwort. Vielleicht gerade mal, wenn man eine Gitarre nach jahrelangem Studium gegen eine Harmonika tauscht, um den Jazz abzulegen.

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