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Panorama
Donnerstag, 21. September 2017 17° 3

Interview

Erfolg ist Nährboden für Selbstzweifel

Hollywoodstar Stanley Tucci spricht über seine Selbstzweifel, sein Maler-Atelier und seine verlorene Haarpracht.
Von Marco Schmidt

Regisseur Stanley Tucci Foto: dpa

Deauville.Vom scharfzüngigen Artdirector in „Der Teufel trägt Prada“ über den Serienmörder in „In meinem Himmel“ und den engagierten Anwalt in „Spotlight“ bis hin zum schmierigen Showmaster in der „Tribute von Panem“-Trilogie: Stanley Tucci gilt als schauspielerisches Chamäleon – und als König der Nebenrollen. Die Künstlerbiografie „Final Portrait“, die zurzeit im Kino läuft, ist bereits sein fünfter Spielfilm als Autor und Regisseur. Darin verkörpert Geoffrey Rush den Maler und Bildhauer Alberto Giacometti. Wir trafen Stanley Tucci beim Filmfestival von Deauville, wo er mit einem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. In unserem Gespräch präsentierte sich das drahtige 56-jährige Multitalent gut gelaunt, eloquent und erfrischend ehrlich.

Was hat Sie an Giacometti gereizt?

Schon als junger Mann war ich von seinen Werken fasziniert – sie wirkten auf mich zugleich archaisch und modern. Ich finde es brillant, wie sie die Zerbrechlichkeit des Menschen einfangen. Und „Alberto Giacometti: ein Portrait“ von James Lord, der mit Giacometti befreundet war und ihm 1964 Modell saß, ist das beste Buch über den künstlerischen Schaffensprozess, das ich kenne. Viele Jahre lang war das quasi meine Bibel, mein ständiger Begleiter. Ich hatte schon lange geplant, es zu verfilmen. Nach einigem Hin und Her gab mir Lord schließlich die Erlaubnis dafür.

James Lords Buch und Ihr Film zeigen, dass Giacometti seine Porträts immer wieder übermalt hat; offenbar ist es ihm schwergefallen, ein Werk zu vollenden. Können Sie das nachvollziehen?

Oh ja! Leider hatte ich mich gegenüber meinen Geldgebern vertraglich verpflichtet, den Film innerhalb einer bestimmten Frist abzuliefern. Denn am liebsten würde ich ihn sofort noch mal neu drehen. Nicht den ganzen Film, aber die meisten Szenen. Ich bin nie richtig zufrieden mit meiner Arbeit.

Auch nicht als Schauspieler?

So ist es. Wenn ich beim Zappen auf einen alten Film von mir stoße, wünsche ich mir jedes Mal, ich könnte die jeweilige Szene noch einmal spielen. Ich habe das Gefühl, dass ich vor der Kamera eigentlich permanent das Gleiche mache. Und mich plagt die Angst, dass die Leute das eines Tages merken.

Teilen Sie Giacomettis Einschätzung, dass die Selbstzweifel mit wachsendem Erfolg immer größer werden?

In der Tat. Erfolg ist der beste Nährboden für Selbstzweifel. Natürlich kann dich der Erfolg auch in einen aufgeblasenen, selbstgefälligen Sack verwandeln. Aber die Phase war bei mir erfreulicherweise nur sehr kurz. Im Prinzip lebe ich seit Jahrzehnten in ständiger Sorge, dass meine Glückssträhne demnächst zu Ende sein könnte und ich nie wieder einen Job bekäme. Ich finde, das ist eine ziemlich gesunde Art, mit Erfolg umzugehen. Denn meine Branche ist extrem launisch – man weiß nie, was kommt.

Haben Sie selbst einmal jemandem Modell gesessen?

Ja, meinem Vater. Er war Maler und Kunstlehrer. Als Kind fand ich es furchtbar, stillsitzen zu müssen. Doch er hat mir beigebracht, genau hinzusehen und Dinge zu beobachten. Wenn wir unterwegs waren, hat er mich ständig auf interessante Details hingewiesen – etwa, wie das Licht auf einen bestimmten Gegenstand fiel. Von ihm habe ich erst richtig sehen gelernt.

Hat er auch Ihre Lust an der Schauspielerei geweckt?

Nein, das kam durch diverse Theateraufführungen an unserer Schule, in denen ich mitgespielt hatte. Ich habe mich auf der Bühne von Anfang an viel wohler gefühlt als im wahren Leben – und schon als elfjähriger Knirps verkündet, dass ich Schauspieler werden wollte. Damals haben alle über mich gelacht. Heute lache nur noch ich!

Rund zehn Jahre nach Ihrem ersten Kinoauftritt haben Sie mit der Restaurantkomödie „Big Night“ auf den Regiestuhl gewechselt. Warum?

Ich war frustriert, weil der Alltag eines Filmschauspielers hauptsächlich aus zermürbender Warterei besteht. Und ich hatte die ewigen Nebenrollen satt – darum habe ich mir einfach eine schöne Hauptrolle auf den Leib geschrieben. Mir ist durchaus bewusst, warum ich so gut wie nie als Hauptdarsteller besetzt wurde: Kinohelden müssen einfach so aussehen wie Brad Pitt oder Ryan Reynolds. Kleine Glatzköpfe wie ich haben dagegen keine Chance.

Hadern Sie etwa mit Ihrem Aussehen? Manche Leute behaupten, als Charakterkopf bekäme man interessantere Rollen.

Das halte ich für Blödsinn. Ich habe oft Perücken getragen – umgekehrt hätte ich genauso gut meinen Schädel rasieren können. Ja, ich gestehe, ich leide entsetzlich unter dem Verlust meiner Haarpracht. Ich hatte wirklich schöne Haare (lacht)! Wobei ich zugeben muss, dass man als Nebendarsteller eindeutig ruhiger schläft, weil man im Gegensatz zum Hauptdarsteller keinerlei Verantwortung tragen muss. Wenn ein Film nicht funktioniert, ist das nicht deine Schuld, sondern die von Ryan Reynolds!

Geoffrey Rush, Ihr Hauptdarsteller in „Final Portrait“, scheint in der Giacometti-Rolle völlig aufzugehen. Wie hat er in die Gefühlswelt des Künstlers hineingefunden?

Nun, er hatte zwei Jahre Zeit zur Vorbereitung. Am Set hat er dann einfach viel geraucht und selten geduscht (lacht)! Anfangs hat er versucht, vor der Kamera sein eigenes Ding durchzuziehen, aber dann ließ er sich doch von mir etwas sagen.

Wie arbeiten Sie denn als Regisseur mit Ihren Darstellern? Geben Sie detaillierte Anweisungen?

Ich halte nichts davon, Schauspieler zu verhätscheln, sondern erwarte durchaus, dass sie perfekt vorbereitet sind und wissen, was sie zu tun haben. Ich sage ihnen ganz konkret, worauf es mir in der jeweiligen Szene ankommt, lasse ihnen dann aber viel Freiheit. Das Entscheidende ist, dass ich nie etwas von ihnen verlange, was ich nicht selbst täte oder könnte. Allerdings kann ich natürlich eine ganze Menge... (lacht)

Wie man hört, können Sie unter anderem exzellent kochen. Vor fünf Jahren haben Sie sogar ein eigenes Kochbuch herausgebracht. Meryl Streep hat allerdings kolportiert, dass Sie in der Küche gern mal den Chef herauskehren...

Ja, das behauptet meine Frau seltsamerweise auch. Ich finde das gar nicht. Keine Ahnung, wie die Damen zu dieser Ansicht gelangen konnten!

Dass Sie tanzen können wie der Teufel, sieht man in Filmen wie „Darf ich bitten?“. Haben Sie zudem ein Talent als Maler?

Das weiß ich nicht, aber ich zeichne sehr gern. Früher habe ich das mit Vorliebe nachts getan, doch das geht derzeit schlecht, denn mein zweijähriger Sohn hält mich schwer auf Trab. Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Werke auszustellen oder zu verkaufen. Trotzdem ist das Zeichnen sehr wichtig für mich: Es hilft mir, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Insofern bin ich sehr froh, dass es hinter unserem Haus am Ende des Gartens ein kleines Atelier gibt, in das ich mich bisweilen zurückziehen kann.

Wo steht dieses Haus? In Los Angeles?

Nein, L.A. habe ich schon immer gehasst. Ich gehöre da nicht hin: Es ist mir zu heiß und zu hässlich, und ich finde es furchtbar, dass man dort ohne Auto völlig aufgeschmissen ist. Seit 2014 wohne ich in London – und genieße dort das klug durchdachte, gut funktionierende U-Bahn-Netz.

Können Sie denn noch U-Bahn fahren, ohne erkannt zu werden?

Nein. Aber in London sind die meisten Leute sehr nett zu mir. Interessanterweise sind es fast ausschließlich Touristen, die sofort aggressiv ihr Handy zücken und dich abschießen. Die Briten hingegen üben sich in höflicher Zurückhaltung. Sie fragen höchstens mal besorgt, ob es mir gut ginge und warum ich denn gezwungen sei, die U-Bahn zu benutzen. Dann frage ich zurück: „Haben Sie sich den irrsinnigen Verkehr da oben mal angeschaut?“

Welchen Stellenwert hat die Kunst für Sie?

Einen überragenden! Ich gehe viel öfter in Museen als ins Kino – und finde dort stets eine Menge Inspiration. Ich glaube an die Kraft der Kunst. Sie sollte ein wesentlicher Bestandteil jeder zivilisierten Gesellschaft sein. Leider sehen die meisten Leute das anders: Vor allem viele amerikanische Politiker halten Kunst für Verschwendung. Dabei ist sie essenziell für die Bildung eines Volkes. Ich fürchte allerdings, die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten findet sogar Bildung unwichtig.

Besitzen Sie selbst auch Werke von Giacometti?

Ja, ein paar Drucke. Keine Skulpturen. Glauben Sie mir: Wenn ich mir eine Skulptur von Giacometti leisten könnte, dann säße ich jetzt bestimmt nicht hier (lacht)!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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