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Sonntag, 22. Oktober 2017 12° 7

Gesundheit

Ich wollte doch nur einmal schlank sein

Betroffene einer Essstörung sind diszipliniert – und in der Wahrnehmung verzerrt. Eine Frau erzählt uns ihre Geschichte.
Von Angela Sonntag, MZ

Bei vielen Menschen beginnen Essstörungen mit Diäten. Foto: dpa

Ich war schon immer ein dickes Kind“, beginnt Andrea ihre Geschichte. „Und das wurde mir in gewisser Weise zum Verhängnis.“ Andrea (Name von der Redaktion geändert) ist Bulimikerin. Sie sagt bewusst „ist“. Zwar ist sie seit zweieinhalb Jahren „clean“, wie sie es selbst formuliert. Aber sie setzt das „clean“ auch ebenso bewusst in Anführungszeichen. Denn von einer Essstörung wird man sich nie ganz befreien können. Heute ist Andrea eine aufgeweckte Frau, mit nach wie vor schlanker Figur, die ohne Ängste in Gesellschaft in einem Restaurant sitzen kann und die Freude am Leben wieder neu gefunden hat – im wahrsten Sinne des Wortes.

Für Andrea begann ihre Geschichte vor rund 17 Jahren. Damals war sie 21. „Ich wog zu dieser Zeit 115 Kilo. Ständig hatte ich das Gefühl, mich mag niemand, weil ich dick bin. Mein großer Traum war nur, einmal schlank zu sein.“

„Ich wog zu dieser Zeit 115 Kilo. Ständig hatte ich das Gefühl, mich mag niemand, weil ich dick bin.“

Für sie schien dieses Ziel aber unerreichbar. Als sie in einer Buchhandlung ein Kochbuch der „Weight Watchers“ findet, sieht sie die Chance, das Abnehmen neu in Angriff zu nehmen. „Das Punktesystem erschien mir durchaus machbar.“ Andrea ging es wie vielen anderen. Von Diäten angesprochen fühlen sich meist Frauen, die der Mittel- und Oberschicht angehören. Abnehmkuren sind nicht von Grund auf schlecht. Aber sie sind eben auch oft der Beginn einer Essstörung. Für Andrea war die „Weight-Watchers“-Kur keineswegs schlecht – anfangs zumindest. „Ich habe meine Ernährung umgestellt und nach dem Kochbuch gekocht. Daraufhin sind die Pfunde nur noch so gepurzelt.“ Mit Sport und gesunder Ernährung hat sie 53 Kilogramm abgenommen. „Wenn man diesen Erfolg sieht, ist das schon eine Bestätigung“, sagt Andrea auch heute noch. Bis zu einem Tag. „Ich glaube, es war auf einem Geburtstag, sicher bin ich mir nicht mehr“, erzählt sie weiter. Was aber in ihrem Kopf vorgegangen ist, weiß sie noch genau. Nachmittag zum Kaffee gab es Kuchen. Andrea hat ein Stück gegessen. „Wenn du den Kuchen jetzt drin lässt, nimmst du zu.“ Der Gedanke blieb in ihrem Kopf. Also musste der Kuchen raus. Und so ging es weiter. Denn Stück für Stück entwickelte sich das Gefühl „ich kann essen, was ich will wenn ich mir danach den Finger hinterstecke, werde ich nicht dick.“

Von Diäten angesprochen fühlen sich meist Frauen, die der Mittel- und Oberschicht angehören.

Magersüchtige meinen, sie machen alles richtig

Bulimie ist eine der drei großen Essstörungen. Die Betroffenen leiden unter Heißhungeranfällen. Danach wollen sie die Kalorien wieder loswerden. Das kann durch Erbrechen sein, aber auch durch Abführmittel, exzessiven Sport oder tagelanges Hungern. Eine weitere Form ist die Magersucht. Betroffene haben panische Angst davor, dick zu werden und hungern, obwohl sie schon meist schlank und im Verlauf stark untergewichtig sind. Magersüchtige erkennen dies aber nicht, sie haben eine stark verzerrte Wahrnehmung, eine sogenannte Körperschemastörung.

Bulimie ist eine der drei großen Essstörungen. Die Betroffenen leiden unter Heißhungeranfällen.

Die dritte Version nennt sich „Binge-Eating-Disorder“. Dabei leiden die Betroffenen ebenfalls an Heißhungerattacken, ergreifen aber anders als bei der Bulimie keine Gegenmaßnahmen. Die Störung ist daher meist mit Adipositas und Übergewicht verbunden. Die drei Formen können ineinander übergehen.

Unterschiedlich ist aber oftmals die Denkweise der Essgestörten. „Viele Magersüchtige haben das Gefühl, sie machen alles richtig, sie sind diszipliniert, sie machen das, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Eine Krankheit sehen sie nicht“, weiß Claudia Burmeister. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet bei einer Beratungsstelle für Essstörung. In der Grasgasse in Regensburg sind zwei Einrichtungen unter einem Dach. „Waagnis“ ist eine erste Anlaufstelle: niederschwellig, unbürokratisch, anonym – und vor allem kostenlos. Betroffene können vorbeikommen, sich informieren, Adressempfehlungen für Ärzte und Therapieplätze mitnehmen – oder einfach nur reden.

„Waagnis“ ist eine erste Anlaufstelle: niederschwellig, unbürokratisch, anonym – und vor allem kostenlos.

Die zweite Einrichtung ist das „Therapienetz Essstörung“. Auch hier gelten die Kriterien von niedrigem bürokratischen Aufwand bis zur Gratisberatung. Das „Therapienetz Essstörung“ legt allerdings noch einen Schwerpunkt auf ein längerfristiges Case-Management. Man kann sich für ein bis drei Jahre einschreiben und wird über die akute Behandlung der Krankheit hinaus betreut. In der Beratungsstelle bei Claudia Burmeister sind Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene. „Die Jüngeren kommen, weil sie überredet werden, von Eltern, Freunden oder Lehrern. Die Erwachsenen kommen, weil sie meist schon jahrelang mit der Störung kämpfen“, so Burmeister.

Wir haben mit Dr. Rita Haberger über dieses Tehma gesprochen. Lesen Sie hier das Interview.

Auslöser für eine Essstörung gibt es mehrere. Viele junge Frauen – und auch zunehmend Männer – leben ständig mit dem Gefühl, fehlerhaft und mit Makeln behaftet zu sein. Bei Jüngeren kommen Umzüge, Schulwechsel, Trennung der Eltern hinzu, oft ist auch Mobbing ein Thema. Erwachsene sind gestresst, unter Druck oder versuchen durch die Konzentration auf das Essen andere Emotionen zu unterdrücken. Kontrolle ist ein Hauptpunkt, der allen Essgestörten bekannt ist. Sie kontrollieren ihren eigenen Körper – meinen sie. „Magersüchtige fühlen sich stark und sehen die Disziplin. Bei Bulimikern ist das Leiden viel schneller da und stärker ausgeprägt“, erklärt Burmeister. „Sie sehen die Schuld bei sich selbst und wollen niemanden belasten.“

Die zweite Einrichtung ist das „Therapienetz Essstörung“.

Das kennt auch Andrea: „Bei einem Essanfall war ich in Trance. Danach fühlte ich mich schlecht. Ich habe mich geschämt.“ Von ihrer Störung sollte keiner wissen. Was natürlich auch immer mehr Lügen zur Folge hatte. „Für gemeinsame Mahlzeiten hatte ich Ausreden, mein Essen habe ich in Boxen und Tüten versteckt, Familienfeiern waren eine Katastrophe.“ Aber Andrea hatte ihre Tricks. Sie wohnte damals in einer WG, „da war es eigentlich einfach. Es war sowieso mehr los, da bin ich nicht aufgefallen“. Ihre sozialen Kontakte hat sie immer mehr gekappt und hat sich zurückgezogen. Dafür hat sie mehr Zeit zuhause verbracht und gegessen. „Nutella, Snickers, richtig fettes und süßes Zeug – die verbotenen Sachen eben.“ Bei ihr waren das allerdings keine Attacken, bei denen sie sich das Essen schnell reinstopfte. „Bei mir hat sich das manchmal über Stunden hingezogen.“ Für manche sei das wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, vergleicht Claudia Burmeister. „Tagsüber gehen sie in die Arbeit, abends zuhause überkommt es sie.“ Für Andrea war das dagegen schon fast eine Freude. „Ich wusste, abends zuhause kann ich endlich wieder essen.“ Irgendwann war es tägliche Routine. „Ich konnte dadurch Druck abbauen. Und – das hört sich wahrscheinlich verdreht an – aber das Erbrechen war für mich eine innere Reinigung.“ Um nicht aufzufallen, ging sie in verschiedenen Supermärkten einkaufen. „Mal zu Aldi, zu Lidl, dann zu Netto. Da gab es genügend Möglichkeiten.“ Dabei wurde aber auch ihr Geldbeutel immer schlanker. „Meine ganzen Ersparnisse gingen dabei drauf.“

„Bei einem Essanfall war ich in Trance. Danach fühlte ich mich schlecht. Ich habe mich geschämt.“

Bis zur Konfrontation mit dem Tod

Für die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, braucht es meist ein entscheidendes Erlebnis. Bei Andrea hat ihr Bruder zwischenzeitlich Veränderungen bemerkt, wollte, dass ihre Mutter sie darauf anspricht. „Aber meine Mutter hat nur gesagt: ,Hör doch einfach damit auf, reiß dich mal zusammen‘. Das war nicht wirklich hilfreich“. Auch Claudia Burmeister weiß, dass Vorwürfe und Ratschläge von Angehörigen eher destruktiv sind. „Besser ist ein offenes Angebot: ,Ich merke, dass du dich verändert hast. Ich mache mir Sorgen. Ich bin da, wenn du darüber reden magst‘.“

Andrea suchte sich psychologische Hilfe. „Meine Betreuerin sagte damals zu mir: ,Du musst dich entscheiden, entweder für das Leben, oder du gehst drauf.“ Andreas erste Reaktion war: Ok, ich mache etwas, aber ich gehe in keine Klinik. Sie fuhr nach Hause und schmiss alle ihre Essensvorräte weg. Sie war sich sicher, sie schaffe das alleine. Das klappte für drei Jahre. „Allerdings muss ich rückblickend sagen, dass ich auch in dieser Zeit nicht richtig gegessen habe.“ Plötzlich kamen Angststörungen, die sie vorher mit der Essstörung gedeckelt hatte. Die Bulimie und alte Verhaltensmuster kehrten zurück. Außerdem verstärkte sich eine Auto-Immunerkrankung, die Andrea bereits hatte. Wieder war es Hilfe von außen. „Diesmal sagte es mir eine Heilpraktikerin: Hör damit auf, oder du wirst daran sterben.“ Das klang drastisch, war aber wahr, sagt sie rückblickend. Für Andrea war nämlich auch der Druck, den die Krankheit auf sie ausübte, so stark, dass sie Suizidgedanken hatte. „Entweder ich mache Schluss oder ich ändere etwas.“ Am nächsten Tag begann sie alle Therapiestellen durchzutelefonieren. Anfangs mit der Antwort, einen Platz gäbe es in sechs bis acht Monaten. Über das „Therapienetz Essstörung“ bekam sie dann schneller einen stationären Platz in Bad Staffelstein. Zwei Monate war sie dort, „das Beste, was ich in meinem Leben getan habe.“

„Meine Betreuerin sagte damals zu mir: ,Du musst dich entscheiden, entweder für das Leben, oder du gehst drauf.“

In der Klinik war sie in Einzeltherapiesitzungen, Gruppengesprächen und lernte vor allem, wieder richtig zu Essen. „Ich hatte ja kein Gefühl mehr für Hunger, Sattsein, Genuss – und vor allem, was eine normale Portion ist.“ Nach 15 Jahren mit Bulimie fasste Andrea endlich wieder neuen Lebensmut. Heute isst sie normal, kocht, geht mit Freunden essen. Die Angst, zuzunehmen, ist noch da, aber sie weiß, dass sie nicht dick ist. Wenn sich Anzeichen ihrer Krankheit melden, sieht sie das eher als Indikator, dass etwas anderes in ihrem Leben nicht stimmt und geht der Sache auf den Grund. Eine Erkenntnis hat sie aus der Krankheit für sich mitgenommen, die ihr nachhaltig im Gedächtnis blieb: „Ich dachte immer, meine Krankheit ist meine Freiheit. Was ich mit mir mache, gehört nur mir. Aber von der Krankheit abzulassen, ist Freiheit. Wenn ich die Kontrolle abgebe, bin ich frei!“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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