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Panorama
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Faszination

In eine andere Welt eintauchen

Die Zahl an Mittelaltermärkten in der Region wächst und wächst. Zwei Experten erzählen, was diese Epoche so besonders macht.
Von Susanne Wolf

Wolfram Neuwald Foto: Wolf

Regensburg.Renate und Wolfram Neuwald versuchen, „extrem moderne Dinge wie Plastik aus unserem Alltag verschwinden zu lassen“, erzählt die Regensburgerin. Die beiden trinken zu Hause meist aus nachgefertigten Krügen aus dem Mittelalter, essen von Holzschalen und anderen Naturmaterialen und achten beim Kochen darauf, das zu verarbeiten, was es zu früheren Zeiten gegeben hat. Christian „Hardy“ Hadersdorfer unterrichtet in seiner Freizeit Dudelsack und Drehleier. „Der Dudelsack hat nachweislich eine 4000 Jahre alte Geschichte. Dieses Instrument ist einfach faszinierend“, erklärt der Plattlinger. Im Leben der Neuwalds und in dem von Hadersdorfer nimmt das Mittelalter einen hohen Stellenwert ein. Vor allem in ihrer Freizeit leben sie diese Epoche: Sie sind Darsteller auf Mittelaltermärkten. Bei ihren Erzählungen zeigt sich, dass das Mittelalter nicht nur – wie ihm fälschlicherweise nachgesagt wird – eine düstere Zeit war und mit Kriegen und Eroberungen seine Schattenseiten hatte, sondern auch, dass diese Epoche seine Vorzüge hat, die sich auch in den heutigen Alltag integrieren lassen. Die Einfachheit des Mittelalters fasziniert allem Anschein nach in unserer schnelllebigen Zeit nicht nur eingefleischte Mittelalterfans, sondern zieht auch immer mehr Menschen in ihren Bann. Wer also für ein paar Stunden aus dem Alltag aussteigen will, ist bei Veranstaltungen wie beim Regensburger Spectaculum genau richtig.

Eintauchen in die Vergangenheit bei einem Besuch auf dem Spectaculum

Ritter, Gaukler, Edelleute und viele mehr sind beim Spectaculum, das vom 14. bis 16. Juli am Grieser Spitz in Regensburg stattfand, unterwegs. Mittelalterfans besuchten in Scharen das Regensburger Spectaculum, das heuer bereits zum 18. Mal stattfand. Soweit das Auge an diesem idyllischen Fleck in der Oberpfälzer Domstadt reicht, sind dann Menschen in Gewandungen zu sehen: Ritterrüstungen, Leinenkleider und vieles mehr lassen die Besucher staunen. Darsteller in Lagern aus verschiedenen Zeitabschnitten des Mittelalters sowie Handwerker, Händler, Gaukler, Ritter und Musiker entführen auf eine Reise in die Vergangenheit.

Zwei davon sind Liv Olgasdottir Widulfr und Ulram Johannson Widulfr, die der Gruppe Vidforull angehören. Das Ehepaar heißt im wirklichen Leben Renate und Wolfram Neuwald. Die beiden leben in Regensburg, sind Imbissverkäuferin und Mischmeister und haben ein gemeinsames Hobby: das Mittelalter. Diese Passion teilen sie seit über 20 Jahren. Angefangen hat alles mit Besuchen von Mittelaltermärkten. So waren sie bereits vor 18 Jahren beim ersten Spectaculum dabei. „Beim ersten Mal hat es eine Riesen-Aufregung gegeben: Da war ein Zuber aufgebaut und lauter nackte Leute saßen drinnen“, erinnert sich Wolfram Neuwald schmunzelnd.

Wallende Haare und Rauschebart

machen die Darstellung authentisch

Der Mittelaltermarkt hat die beiden und ihren Sohn Alexander so fasziniert, dass „der Bub und Renate ein Jahr später im Schottenrock und Lederleiberl auf dem Spectaculum waren“, erzählt Neuwald weiter. „Ich hab da noch nichts gemacht. Ein Jahr später haben wir mit den Wikingern angefangen.“ Ihnen sei bald klar geworden, dass sie eine Mittelalterdarstellung machen wollten, „aber eben nicht kunterbunt“. Der Besuch von weiteren Märkten, die Lektüre von Mittelalterbüchern und der Austausch mit anderen Begeisterten führte dazu, dass sich das Paar bald die erste eigene Wikinger-Gewandung nähte. „Wikinger-Kleidung ist vom Schnitt her ganz einfach. Das Garn wird auf den Gewichtswebstuhl aufgezogen, dann wird der Stoff gewebt. Danach wird das Gewand genäht: ein Loch für den Kopf, Ärmel ran, alles zusammennähen, fertig“, berichtet der 52-Jährige, der einen grauen und beeindruckenden Rauschebart trägt – was seiner Wikinger-Darstellung einen authentischen Ausdruck verleiht. Seine Frau hat wallendes, langes graues Haar, das auch sie in der passenden Gewandung wie eine Wikingerin erscheinen lässt.

Wolfram und Renate Neuwald daheim Foto: Wolf

„Mich hat das Segelschifffahren und die Kultur der Wikinger fasziniert. Also, dass sie innerhalb kurzer Zeit Europa erobert, besiedelt und Handel betrieben sowie neue Städte und Kulturen gegründet haben“, erklärt Wolfram Neuwald seine Faszination für die Wikinger. Anfangs hat die Familie weitere Mittelaltermärkte in Gewandung besucht und nach ein paar Jahren entschieden sie, sich einer Gruppe anzuschließen. „Gemeinsam macht es mehr Spaß“, begründet Renate Neuwald die Entscheidung. Seit einigen Jahren stellen sie nun mit der Gruppe Vidforull das frühe Mittelalter dar. „Wir sind reisende Handwerker“, sagt die Regensburgerin. Am Spectaculum nehmen sie heuer zum siebten Mal teil – für ihre Passion opfern sie ihren gesamten Jahresurlaub. „Wir leben für unser Hobby. Das nimmt gut die Hälfte unseres Lebens ein“, erzählt Wolfram Neuwald. So besucht er mit seiner Frau pro Jahr mehrere Märkte in Deutschland. „Das Besondere auf einem Markt ist für mich die Ruhe. Am Mittelalter selbst fasziniert mich das Darstellen, das Nachforschen, das Lesen und das Schauen, wie es damals war, sowie dann zu versuchen, das Ganze umzusetzen“, fasst er seine Faszination zusammen. Seine Frau pflichtet ihm bei: „Du nimmst dir eine Auszeit vom Alltag. Für uns ist es Urlaub.“ Gemeinsam mit anderen Mitgliedern aus ihrer Sippe haben sie seit Donnerstag am Grieser Spitz ihr Lager aufgeschlagen und geben Besuchern während des Spectaculums Einblicke in das Lagerleben und das Handwerk: Sie zeigen, wie damals gewebt wurde, kochen über dem Lagerfeuer, schnitzen Specksteine und stehen den Gästen für Fragen rund um die Wikingerzeit zur Verfügung.

Mit dem Dudelsack und Mitmachtänzen das Mittelalter nachempfinden

Auch Christian „Hardy“ Hadersdorfer aus Plattling nimmt mit seiner Partnerin und dem kleinen Sohn sowie der mittelalterlichen Tanz- und Schaugruppe Ritterschaft zue Drachenfels e.V. am Spectaculum teil. Als Ephraim Pipensak weiht er die Besucher des Regensburger Mittelaltermarkts seit Freitag in die Tänze und die Musik des Spätmittelalters ein. „Wir repräsentieren den einfachen Adel im Hochmittelalter“, erklärt der 40-Jährige. „Wir machen Mitmachtänze von drei bis 99 Jahren. Ich animiere die Besucher, indem ich Dudelsack spiele.“ Auch er betreibt dieses Hobby seit vielen Jahren und begründet es als ein „Aussteigen aus dem Alltag und ein Einsteigen in eine andere Welt“. Schon als Kind und Jugendlicher habe ihn das Mittelalter begeistert. „Gekommen ist der Trend von Ostdeutschland in den späten 60ern“, erklärt er den Beginn des Hypes um Mittelaltermärkte.

Bald haben die Veranstaltungen Einzug in Bayern gehalten. Beim Spectaculum ist er ein „alter Hase“, denn er war schon früh dabei. „Früher habe ich Schaukampf gemacht und seit Beginn des Spectaculums war ich nur zweimal nicht dabei.“ Faszinierend an der Darstellung dieser Epoche findet Hadersdorfer „die Freiheit, beispielsweise alte Musik zu spielen. Es ist nicht viel überliefert, das beschwingt einen zu Interpretationen und macht das Ganze spannend. Man spielt alte Musik, aber eigentlich weiß keiner, wie es wirklich war.“

Den Begriff „authentisch“ in Bezug auf das Mittelalter findet der Plattlinger meist unpassend: „Es gibt Ausstellungen und ein paar Notationen, aber ob es wirklich so geklungen hat, weiß kein Mensch.“ Sein Wissen angeeignet hat er sich teilweise durch die Lektüre von Historienbüchern. „Den Großteil bekommt man aber durch Experimentieren heraus“, erklärt er sein Vorgehen. „Man liest beispielsweise, wie Feuer gemacht wurde, probiert es aus und stellt fest: So funktioniert es nicht!“ Von der Zeit, die die Ritterschaft zue Drachenfels darstellt, gebe es hinsichtlich der Musik und des Tanzes „wenige Überlieferungen“. Das sei einerseits schade, biete andererseits großen Interpretationsspielraum. Neben der Musik und den Mitmachtänzen gewährt auch diese Gruppe einen Einblick in ihr Lager, beantwortet Fragen rund um das Hochmittelalter und zeigt das Handwerk dieser Zeit: Wie wurde ein Kettenhemd gefertigt? Wie funktionierte das Spinnen? „Wir kochen außerdem über dem offenen Feuer mit Produkten, die es zu dieser Zeit gab. Wir versuchen, die Sachen wie früher zu würzen und auch zuzubereiten“, erklärt Hadersdorfer eine weitere Tätigkeit der Gruppe auf dem Mittelaltermarkt.

Wie in der Vergangenheit: Duschen und Bademöglichkeiten als moderner Luxus

Manch einer mag sich wohl fragen, wie es mit der Körperhygiene aussieht, wenn die Menschen das ganze Wochenende in Kettenhemden oder Leinengewändern verbringen. „Es gibt vor Ort schon die Möglichkeit, sich zu waschen“, berichtet der Plattlinger. „Erfahrungsgemäß riechen wir am Sonntag aber immer etwas strenger“, fügt er schmunzelnd hinzu. So ging es eben auch im Mittelalter zu: Hier hatte man nicht wie heute den Luxus einer eigenen Dusche oder Badewanne, die man nach Lust und Laune nutzen kann...

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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