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Panorama
Mittwoch, 21. Februar 2018 3

Glaube

Ist das Fasten noch zeitgemäß?

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Unsere Autorinnen haben zum Verzichten auf Zeit zwei unterschiedliche Meinungen.
Von Angelika Sauerer und Isolde Stöcker-Gietl

Im Mittelalter durfte nichts außer drei Bissen Brot gegessen und drei Schluck Bier oder Wasser am Tag getrunken werden. Heute ist der Verzicht eine sehr persönliche Sache.Foto: Armin Weigl/dpa

Fasten tut niemandem gut, meint unsere Redakteurin Angelika Sauerer:

Nein, ich werde auch dieses Mal nicht fasten. Ich habe das Gefühl, dass es mir nicht guttut. Im Übrigen meine ich, ohne auch nur im Geringsten damit irgendjemanden missionieren zu wollen, dass es niemandem guttut. Ebenso wenig freilich, wie es guttut, über die Stränge zu schlagen. Aber das soll jeder für sich entscheiden. Jeder hat die Freiheit, sein Leben – zumindest im Privaten und so lange er keinem anderen damit Schaden zufügt – so zu führen, wie er will, ob es nun ungesund ist oder nicht.

Ganz selbstverständlich habe ich großen Respekt davor, wenn jemand aus religiösen Gründen in der Fastenzeit Verzicht übt. Auch mir ist der Glaube wichtig, genauso wie eine Zeit der inneren Einkehr und der Mäßigung. Allerdings möchte ich das nicht einfach so in diese 40 Tage packen und dann einen Haken drunter setzen. Ich kenne Leute, die die Fastenzeit alljährlich für gute Vorsätze nutzen, die sie anschließend für den Rest des Jahres mit umso besserem Gewissen in den Wind schlagen. 40 Tage kein Alkohol, 40 Tage kein Zucker, 40 Tage kein Fernsehen, 40 Tage Handy-Fasten – und was kommt danach? Mir ginge es ziemlich sicher so: Ich hätte das – zugegeben recht gute – Gefühl, mir durch den heroischen Totalverzicht nun etwas mehr von allem gönnen zu dürfen. Auf Wiedersehen, gute Vorsätze, bis zur nächsten Fastenzeit.

Wer dauerhaft mit sich und seiner Umwelt im Reinen sein will, braucht vielmehr jeden Tag eine kleine Fastenzeit.

40 Tage bestimmte Lebensmittel, Dinge und Verhaltensweisen aus seinem Leben zu streichen, die Freude bereiten oder einfach auch nur praktisch sind, ist doch Unsinn. Der Sieg über sich selbst wäre ein Pyrrhussieg, erkauft mit sechseinhalb launischen Wochen, dem Verlust des inneren Gleichgewichts und wenn man Glück hat, ein paar Pfunden an Gewicht. Letztere packen wir uns dann in Kürze wieder drauf, jeder kennt den berüchtigten Jo-Jo-Effekt. Die Selbstkasteiung wird in den seltensten Fällen zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung und letztendlich zu einem glücklicheren, erfüllteren Leben führen. Wer dauerhaft mit sich und seiner Umwelt im Reinen sein will, braucht vielmehr jeden Tag eine kleine Fastenzeit.

Die Zeichen der Zeit stehen anders. Man arbeitet bis zum Umfallen und feiert bis zum Umfallen. Das nennt sich dann „Spaßgesellschaft“. Die Extreme haben Konjunktur: Kante zeigen und sich die Kante geben, im Verzicht wie in der Völlerei. Und wer jemals versucht hat, abzunehmen, weiß: Es ist viel leichter, eine kurze Zeit so gut wie nichts zu essen, als dauerhaft etwas weniger. Die Fastenzeit, im Kern eine Zeit der Buße und inneren Reinigung, wird aus ihren religiösen Kontext herausgelöst und liefert den wohlfeilen Anlass für allerhand Modediäten mit nicht selten fragwürdigem medizinischem Nutzen. Das hat sie nicht verdient.

Da bin ich lieber Hedonist im ursprünglichen Verständnis. Denn ich möchte jeden Tag mein Essen genießen und davor auch Hunger spüren, Sport machen, meine Arbeit tun, ein Glas oder bisweilen zwei Gläser Wein trinken, was lesen oder sehen, das mich inspiriert, den Gedanken nachhängen, auch ein bisschen Langeweile und ein bisschen Kurzweil haben – und dabei mit allem genau dann aufzuhören, wenn es eigentlich noch ein klein wenig weitergehen könnte. Das ist nicht einfach, aber es lohnt sich.

Die Fastenzeit ist nicht nur etwas für gläubige Menschen, schreibt unsere Redakteurin Isolde Stöcker-Gietl

Auch in diesem Jahr wird wieder jeder fünfte Bundesbürger – übrigens sind es vor allem die jüngeren, gut gebildeten – am Aschermittwoch zum inneren Großreinemachen aufbrechen. Freilich bräuchte es für diesen befristeten Verzicht nicht unbedingt einen fixen Termin im Kalender. Vorsätze kann man immer fassen. Aber wer macht das schon? Morgen höre ich zu rauchen auf! Wie oft habe ich das im Freundeskreis gehört. Geklappt hat es so gut wie nie. Vielleicht weil für morgen die Mitstreiter fehlten? Gemeinsam kann man einfach mehr erreichen. Warum also nicht ein Angebot der Kirche dafür nutzen?

Wer nun glaubt, die Fastenzeit wäre nur etwas für gläubige Menschen, der irrt. In unserer hektischen Zeit täte es jedem gut, sich bewusst Zeit zur Entschleunigung zu nehmen. Ob man dies nun mittels Fasten, reguliertem Medienkonsum oder einer inneren Einkehr umsetzt, ist jedem selbst überlassen. So gesehen müssten die 40 Tage wohl besser vom Arzt verordnet, als von der Kirche auferlegt werden. Für die Gläubigen gibt es halt obendrein noch ein paar zusätzliche Regeln. So ähnlich funktioniert es doch auch an Weihnachten. Für die Christen steht die Botschaft von der Geburt Jesu im Zentrum, aber gefeiert wird auch bei denjenigen, die mit Glauben nichts am Hut haben. Ich habe auch noch von niemandem gehört, der freie Tage an Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam mit der Begründung abgelehnt hätte, dass er aus der Kirche ausgetreten sei.

Bewusster Verzicht kann auch ganz schön befreiend sein.

Die Fastenzeit ist heute übrigens auch in kirchlichen Kreisen eine ziemlich persönliche Angelegenheit geworden. Erzbischof Georg Gänswein hat in einem Interview erzählt, dass er als Naschkatze die Süßigkeiten weglässt und seinen Medienkonsum drosselt. Im Mittelalter durfte nichts außer drei Bissen Brot gegessen und drei Schluck Bier oder Wasser am Tag getrunken werden. Heute hat das Fasten nichts mehr mit Askese zu tun – sofern man nicht gerade Heil- oder Intervallfasten zwischen Aschermittwoch und Karsamstag betreiben möchte. Deshalb wirkt der Begriff Fastenzeit zwar wie aus der Zeit gefallen, die Intension dahinter passt dennoch sehr gut in unsere moderne Lebensweise, in der alles rund um die Uhr verfügbar ist. Bewusster Verzicht kann auch ganz schön befreiend sein.

Für mich ist die Fastenzeit weit mehr als Kalorien zählen – wenngleich das in diesem Jahr mal wieder dazugehört. Es ist auch ein guter Einstieg, um mich mal wieder mit mir selbst zu beschäftigen. Mir die Zeit ganz bewusst dafür zu nehmen. Was tut mir gut, was kann weg? Was will ich ändern – in meinem Leben und – auch das gehört dazu – für das Leben anderer. Es gibt viele Verhaltensweisen, die man in den kommenden 40 Tagen bewusst hinterfragen kann. Die Kirche spricht von einer Zeit der Buße und der Solidarität. Deshalb kann es auch nicht schaden, so habe ich mir jedenfalls vorgenommen, über einige globale Probleme nachzudenken. Was wird aus all dem Plastikmüll, den meine Familie tagtäglich produziert und wie stemme ich mich im Alltag gegen den wachsenden Fremdenhass? Ich jedenfalls brauche diesen Impuls um einen Anfang für all das zu finden. Und wenn dann noch ein paar Kilos purzeln – perfekt!

In unserer Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ treten regelmäßig MZ-Autoren zum Streitgespräch an. Alle Beiträge finden Sie hier.

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