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Gesellschaft

Jeder Dritte erlitt als Kind Gewalt

Fast ein Drittel der Bundesbürger machte laut einer Umfrage in der Kindheit Gewalterfahrungen. Lichtblicke gibt es kaum.

Laut einer repräsentativen Umfrage für die Universitätsklinik Ulm gibt es bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche keine Entwarnung. Foto: Patrick Pleul/Symbolbild

Berlin.Fast jeder siebte Bundesbürger hat nach einer neuen wissenschaftlichen Studie als Kind sexuellen Missbrauch erfahren. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage unter rund 2500 Bundesbürgern von 14 bis 94 Jahren hervor, die Forscher der Universität Ulm am heute in Berlin vorstellten.

Danach gaben 13,9 Prozent der Befragten an, dass sie in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebten. Daneben ermittelten die Wissenschaftler für ihre Studie auch die Häufigkeit für emotionale und körperliche Misshandlung sowie Vernachlässigung. Danach trifft Gewalt als Kindheitserfahrungen knapp ein Drittel (30,8 Prozent) der Bevölkerung in Deutschland.

Bei einer vergleichbaren Studie, die 2010 gemacht und 2011 veröffentlicht wurde, gaben 12,6 Prozent der Befragten sexuelle Übergriffe an, berichtete Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm. „Es gibt also keine Entwarnung und keinen Rückgang. Die Zahlen bewegen sich weiter auf hohem Niveau.“ Der Wert für andere Gewalterfahrungen in der Kindheit lag vor sechs Jahren bei 35,5 Prozent.

„Bei allen Misshandlungsformen ist die Familie der zentrale Ort, an dem dieses Leid geschieht. Oft wird das noch gemehrt durch Übergriffe in Institutionen, in denen Kinder zum Schutz oder in ihrer Freizeit sein sollten“, ergänzte Fegert. Nach dem jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation habe Deutschland beim Blick auf Misshandlungen und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Europa aber keine Sonderstellung. „Die Häufigkeitswerte liegen im Durchschnitt.“

Ausgewählte Ergebnisse der neuen Studie im Detail:

SEXUELLER MISSBRAUCH

Fast jede fünfte befragte Frau (18 Prozent) und fast jeder zehnte befragte Mann (9,3 Prozent) gab bei den jüngsten Interviews Übergriffe an. Von schweren bis extremen Handlungen berichteten darunter 11,3 Prozent der Frauen und 3 bis 4 Prozent der Männer. Insgesamt sprechen rund 3 Prozent mehr Frauen als 2010 über Missbrauchserfahrungen. Bei den Männern blieb der Wert fast gleich. „Über die Gründe kann man nur spekulieren. Entweder hat sich die Offenheit beider Geschlechter, darüber zu reden, unterschiedlich entwickelt. Oder es gab zahlenmäßig noch einmal mehr Übergriffe auf Frauen“, sagt Studienautor Jörg Fegert.

In Bayern hatte eine Umfrage für die bundesweite Missbrauchsstudie „mikado“ 2013 ergeben, dass 3,9 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind.

KÖRPERLICHE MISSHANDLUNG

Rund jeder sechste Befragte (12,3) Prozent gab an, als Kind Schläge, Stockhiebe oder andere schmerzhafte Prügelstrafen bekommen zu haben. Die Zahl ist seit 2010 damit fast gleich geblieben (12,1 Prozent). „Bei körperlichen Misshandlungen sehen wir aber vor allem in den jüngsten Altersgruppen einen Rückgang. Das hat wohl mit dem allmählichen Sterben des väterlichen Züchtigungsrechts zu tun“, mutmaßt Fegert. Dieser positive Trend habe in den 1980er Jahren begonnen. Doch erst im Jahr 2000 habe gewaltfreie Erziehung Eingang ins Grundgesetz gefunden. „Das zeigt, wie lang das braucht, bis sich Präventionseffekte zeigen“, ergänzt er.

EMOTIONALE MISSHANDLUNG

Dazu gehören zum Beispiel das Mobben, Ignorieren oder Isolieren eines Kindes – bis hin zum Abstempeln als Sündenbock. Es ist der einzige Bereich, in dem die Zahlen seit 2010 signifikant gestiegen sind – von 15 auf 18,6 Prozent. „Heute wissen wir, dass das bei der Weiterentwicklung der Psyche gleichschlimme Auswirkung hat wie körperliche Misshandlung“, sagt Experte Fegert. Er vermutet, dass die Zahlen steigen, weil der Fokus mehr auf dieser stillen Tortur liegt – und das Bewusstsein für die Folgen steigt.

KÖRPERLICHE VERNACHLÄSSIGUNG

Daran erinnern sich mit fast 42 Prozent die meisten Befragten. Es sind aber deutlich weniger als noch 2010, als noch fast die Hälfte der Interviewten (48,5 Prozent) zustimmte. „Die gute Botschaft ist, dass Vernachlässigung, zum Beispiel bei Ernährung, Körperpflege, Kleidung und Gesundheitsvorsorge stark zurückgegangen ist“, sagt Fegert. Das liege vor allem daran, dass die Altersgruppe, die die Not und Elend im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit unmittelbar erlebte, kleiner werde.

SPÄTFOLGEN

Bei Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung durchlitten, ist ein höheres Risiko für psychische Folgen wie Depressionen und Suizidgedanken belegt. Befragte, die nun Gewalterfahrungen angaben, hatten aber auch deutlich häufiger Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und chronische Schmerzprobleme, berichtet Markus Huber-Lang, Chirurg am Zentrum für Traumaforschung der Uni Ulm. „Bei Kindheitstraumata kommt es auch zu einer Steigerung von allgemeinen Volkskrankheiten. „Wir wissen aber noch nichts Genaues über die Mechanismen“, ergänzt Jörg Fegert. (dpa)

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  • AO
    Angelika Oetken
    16.03.2017 18:13

    Misshandlung und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist auf der ganzen Welt schon so lange verbreitet und derart häufig, dass wir überlegen sollten, welche kulturell stabilisierenden Effekte das hat. Denn andernfalls gäbe es dieses Phänomen allerhöchstens als seltene Randerscheinung. Wenn wir Kinder wirklich schützen und Opfern helfen wollen, müssen wir uns damit auseinander setzen. Auch wenn wir uns dazu mit den weniger schönen Realitäten beschäftigen müssen. Irgendwann fallen alle Unterlassungen wieder auf uns zurück. Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

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  • AO
    Angelika Oetken
    16.03.2017 18:07

    Ein weiterer Punkt der es Fachleuten erschwert, im Hinblick auf Misshandlung und Missbrauch von Kindern solide Zahlen zu ermitteln ist, dass Frauen (Mütter) selten als Täterinnen in Betracht gezogen werden. Die Vorstellung von der fürsorglichen, friedlichen und aufopferungsbereiten Frau (und Mutter) ist ein zentraler gesellschaftlicher Mythos, der nahezu von allen gesellschaftlichen Gruppen geteilt wird. Dabei mahnen ExpertInnen schon sehr lange an, diese Vorannahme äußerst kritisch zu überprüfen. Gerade Familien sind für Kinder häufig regelrechte Fallen. Und dort lauern nicht nur Täterväter auf sie.

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  • AO
    Angelika Oetken
    16.03.2017 18:01

    Männer geben sich auch deshalb nicht als Opfer von Missbrauch zu erkennen, weil dies mit dem immer noch herrschenden männlichen Geschlechtsrollenmodell kollidiert. Jungen und Männer, die sexuelle Gewalt oder sexualisierte Misshandlung und Ausbeutung erfahren haben, neigen dazu, dies lieber umzudeuten und gegenüber sich und Anderen zum Beispiel als „frühe sexuelle Erfahrung“ oder „etwas gröbere Form von Liebe“ darzustellen, damit ihre männliche Identität nicht in Frage gestellt wird. In unserer traditionellen Sexualkultur ist die Rolle des Sexualobjekts Mädchen und Frauen vorbehalten und gilt als Beweis für deren Schwäche und Minderwertigkeit.

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  • AO
    Angelika Oetken
    16.03.2017 17:53

    In der Gruppe der Befragten, die die Lebensmitte noch nicht überschritten hatten, wird es vermutlich viele falsch negative Antworten gegeben haben. Also Interviewte, die angeben, sie hätten keine oder kaum Gewalt erfahren, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Das liegt daran, dass Personen, die in der Kindheit Missbrauch und Misshandlung ausgesetzt waren, dies oft erst aus einer Distanz von Jahrzehnten heraus reflektieren und benennen. In einer Gesellschaft, die Perfektion und reibungsloses Funktionieren von den zu ihr Gehörenden fordert, gelten Opfer als schwach und minderwertig. Selbst wenn es sich bei ihnen um Kinder handelt.

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