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Panorama
Donnerstag, 25. Mai 2017 20° 3

Interview

„Kunst ist immer auch politisch“

Markus Zapp, Sänger und Mitgründer von Singer Pur, über den Missbrauchsskandal bei den Domspatzen und den Einfluss der GEMA.
Von Michael Scheiner, MZ

Markus Zapp Foto: Arne Schultz

Regensburg.Zappy nennen ihn heute noch seine Freunde, obwohl diese Verniedlichung nicht so recht auf den hochgewachsenen 47-Jährigen passen mag. Markus Zapp ist Sänger und neben Marcus Schmidl Gründer des Vokalensembles Singer Pur, dem sie angehören. Ursprünglich waren sie zu fünft, alle aus dem gut bestellten Domspatzen-Stall, die zusammen Jazz singen wollten. Seither hat sich die Gruppe zu einer der führenden A-cappella-Formationen entwickelt. In der Besetzung von fünf Sängern und einer Sopranistin gewannen sie schon 1994 den 1. Preis des „Deutschen Musikwettbewerbs“. Kürzlich feierten Singer Pur im Münchener Prinzregententheater ihr 25-jähriges Bestehen. Natürlich ist auch ein neues Doppel-Album „Best of…“ erschienen und eine Jubiläumstour läuft praktisch das ganze Jahr hindurch. Grund genug, sich mit Markus Zapp ein wenig zu unterhalten...

Kürzlich hast Du mit Singer Pur (SP) Jubiläum gefeiert. Gibt es nach so langer Zeit auch Momente von Überdruss oder das Gefühl, etwas anderes machen zu wollen?

Die Frage hat sich eigentlich nie gestellt. Bei uns ist ja kaum ein Konzert wie das andere. Das macht uns auch aus – unglaublich abwechslungsreich. Wir arbeiten mit Partnern, wie dem Klarinettisten David Orlowsky oder Michael Riessler. Sollte ich tatsächlich einmal das Gefühl haben, mir wird langweilig, kann ich mir etwas ausdenken, was ich gern machen würde und in die Gruppe einbringen.

Heißt das jeder und jede hat das gleiche Gewicht in der Gruppe – eine Art Basisdemokratie?

Ja unbedingt, das ist ganz wichtig für uns. Kein Leiter, das würde auch nie funktionieren. Wir sind sechs verschiedene Persönlichkeiten und jeder bringt sich ein. Da gibt es nicht viele Bands, die das über einen so langen Zeitraum geschafft haben. Natürlich gibt es Momente, wo einer mehr zu sagen hat. Wenn die Zeit knapp ist, bestimmt einer, wie wir zu stehen haben oder welche Zugabe gesungen wird. Bei der nächsten Besprechung wird dann überlegt, können wir das anders machen.

Du singst auch beim Bayerischen Rundfunkchor. Wie ist es dazu gekommen und wie unterscheidet sich diese Arbeit zu SP?

Weg von dem Demokratischen, muss man sich da dem großen Kollektiv unterwerfen. Dort kann ich schlicht eine andere Musik machen, kann große Orchesterwerke singen, die sich in unsere Kulturherzen eingeschrieben haben. Gerade proben wir für ein Faure-Requiem für die Oster-Festspiele in Salzburg. Es ist ein anderer Eindruck, in der Mitte zu stehen und Mahlers 8., die Sinfonie der Tausend, zu singen – das erfüllt in dem Moment tausend Musiker und mich eben auch. Das macht wahnsinnig viel Spaß. Es ist etwas Zusätzliches in meinem Sängerleben, ich seh’ das als Privileg.

Für viele Musiker spielt die GEMA eine wichtige Rolle beim Einkommen – wie ist das bei Dir als Interpret?

Im Prinzip keine. Ich habe seit Jahren keine Auszahlung mehr von der GvL (Gesellschaft für Leistungsschutzrechte, Anm.) bekommen. Die stecken in einer Umstrukturierung fest und haben kürzlich erst wieder eine Fristverlängerung für die Abrechnung angekündigt. Ich lebe hauptsächlich von den Einnahmen aus Auftritten und Engagements als Solosänger bei Oratorien oder Opernproduktionen zum Beispiel. Der CD-Markt liegt am Boden, da geht gar nichts, und über Streaming-Dienste, wie Spotify, kriegt man 0,0046 Euro pro Stream an Tantiemen. Was ist das? Das ist alles vernachlässigbar. Auch CD-Aufnahmen sind enorm aufwändig, wichtig eher für’s Prestige. Wenn du das in normalen Stundenlohn umrechnest, ist es lächerlich. Man muss einfach flexibel bleiben. Wobei SP ganz klar das Zentrum ist und Hauptanliegen bleiben muss, sonst kriegst du keine sechs Leute unter einen Hut.

Die Stimme ist Dein wichtigster Körperteil. Wie gehst Du damit um, wenn Du zum Beispiel erkältet bist?

Ich bin glücklicherweise ein recht robuster Sänger und habe so etwas wie Drahtseile da drin, wo die Stimmbänder sitzen. Zudem singe ich schon 37 Jahre lang und habe ein Gefühl dafür entwickelt, was mir guttut und was nicht. Das Körpergefühl ist für jeden Sänger das A und O. Für mich gehören Sport treiben und eine ausgewogene Ernährung dazu. Auch Schlaf ist ganz wichtig. In den 25 Jahren konnte ich nur an zwei, drei Konzerten nicht mitsingen. Bei einem Konzert in Kolumbien hatte ich im Fitnessstudio des Hotels trainiert und mir Mineralwasser aus einem Spender rausgelassen. Dabei hab’ ich mir vermutlich ein Bakterium eingefangen, das sich auf die Stimmbänder gesetzt hat, und ich war weg vom Fenster.

MZ-Autor Michael Scheiner (re.) traf Markus Zapp zum Interview

Essen ist für viele Menschen ein großes Thema, Du hast es auch erwähnt. Spielt für Dich vegetarisch oder vegan eine Rolle?

Ich hab’ ja das große Glück, mit einer baskischen Frau verheiratet zu sein. Und San Sebastian ist ja die Gegend mit der größten Sternen-Koch-Dichte überhaupt. Von dem her bin ich kulinarisch sehr verwöhnt. Hier sind ja die Zutaten das Wichtige, die kochen nur mit ganz frischen Sachen. Da braucht man auch nicht viel. Wenn man reifes Gemüse nur mit ein bisschen Salz und gutem Öl zubereitet, ist das ja schon ein Wahnsinns-Geschmacksvergnügen. Da brauchst keine Soßen oder Geschmacksverstärker. Ich esse eigentlich alles, viel Gemüse, Obst, aber auch Fleisch. Oder wenn du einen tollen Fisch, wo du noch die Meeresbrise drin schmeckst, bekommst mit einem frisch geernteten Salat und einem schönen Rivera dazu – da kann ich unmöglich widerstehen!

Das Ensemble Singer Pur feierte heuer im Prinzregententheater München 25-jähriges Bestehen. Seine Wurzeln hat es in Regensburg.

Berührt es Dich, dass durch den Missbrauchsskandal bei den Domspatzen der Chor heute schwer zu kämpfen hat?

Das berührt mich schon sehr. Ich selbst habe davon definitiv nichts mitgekriegt. Bei einem Interview mit dem Deutschlandfunk sind allerdings einmal meine Aussagen dazu so zusammengeschnitten worden, dass das Gegenteil herauskam. Ich selbst habe wahnsinnig profitiert von den Domspatzen, hatte von klein auf die Chance, viel Musik nebenherzumachen. Alles umsonst, konnte immer Lehrer oder Pädagogen fragen. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich fand das super organisiert, gut geregelt, wurde immer gefördert, es war eine Superzeit für mich. Natürlich leben solche Institutionen auch immer von den Leuten, die gerade am Ruder sind und die Verantwortung haben. Der Internatsdirektor Dr. Winterholler von Bonifaz war ein Supermann, hatte das toll im Griff. Ein Mann, den ich bewundere, so tolerant, offen, als katholischer Priester! Der hat sogar meine Kinder getauft. Da gab’s nichts von Gewalt oder irgendwelchen sexuellen Übergriffen. Das Problem, mit dem die Domspatzen zu kämpfen haben, ist vor allem die schlechte Aufarbeitung der aufgedeckten Fälle durch die katholische Kirche. Dass die keinen Opferschutz aufbauen wollten! Heute rudert der Chor seinem Ruf hinterher, die Anmeldungen gehen seit Jahren zurück. Etwas, das die Domspatzen nicht verdient haben. Es gab in der Vorschule Probleme, Leute, die nicht mit Kindern umgehen konnten. Und Fälle, die weit zurückliegen. Wenn so etwas passiert, müssen natürlich Konsequenzen gezogen werden, das ist doch klar.

Zur Person

  • Vita:

    Markus Zapp ist 1970 im Tierkreiszeichen Stier geboren und bis zum Eintritt in den Chor bei den Regensburger Domspatzen mit zehn Jahren in Ebersberg aufgewachsen. 1992 gründete er mit vier anderen Domspatzen das Vokalsolisten-Ensemble Singer Pur, mit dem er schon drei Mal mit dem Deutschen Musikpreis ECHO Klassik ausgezeichnet wurde. Seit 2010 singt er auch als Mitglied beim Konzertchor des Bayerischen Rundfunks mit. In den 90ern studierte er Gesang an der Hochschule für Musik und Theater in München bei Prof. Helmut Deutsch und Prof. Hanns-Martin Schneidt sowie bei Prof. Andrea Mellis in Wien. Zapp ist verheiratet und hat zwei Söhne. Flexibilität und höchste Stimmkultur ermöglichten ihm internationale Erfahrungen und Zusammenarbeit unter anderem mit dem Stadttheater Regensburg, dem Slowenischen Rundfunk, dem Hessischen Rundfunkorchester, den Hofer Symphonikern, den Münchner Symphonikern unter Heiko Förster, der musikFabrik unter Stefan Asbury, dem Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke, dem britischen Hilliard Ensemble und dem Berliner und dem Münchner Rundfunkorchester unter Marcello Viotti.

  • Interview:

    Autor Michael Scheiner traf den Sänger in Regensburg.

Aktuell gibt es in der klassischen Musik Diskussionen über politische Äußerungen von Musikern. Wie siehst Du das, sollten Musiker politisch Stellung beziehen?

Das muss jeder Musiker für sich entscheiden, glaube ich. Es sind Menschen wie alle anderen. Kunst ist meines Erachtens aber immer auch politisch. Alleine wenn man die Amerikareise nicht absagt, weil es einen anderen Präsidenten gibt. Das kann als politisches Statement gesehen werden. Bei SP haben wir explizit politische Programme. „Der Geist weht, wo er will“ beinhaltet arabische Songs auf Arabisch und jüdische Lieder. Das ist ein Plädoyer für die Religionsfreiheit und zugleich ein politisches Statement. Oder dass wir nicht in Ramallah singen durften. Dafür waren wir dann in Bethlehem, bei Menschen, die seit Monaten keinen Besuch aus anderen Kulturkreisen mehr haben durften. Viele haben da geweint, als sie uns singen hörten.

Würdest Du mit SP bei einer Veranstaltung gegen Rassismus oder für Hilfe für Flüchtlinge auftreten?

Natürlich, sofort! Wir sind ja selbst multikulturell – haben einen aus Namibia dabei, Claudia ist in Rom geboren, einen Österreicher. Für mich ist es ein Rätsel, wie man als Musiker rassistisch sein kann. Wie schätzt man dann Musik ein? Ist dann ein Komponist, der nicht unmittelbar aus dem eigenen Dunstkreis kommt, weniger wert? Für mich ist das unerklärlich, der ganze Rassismus ist für mich ein Rätsel. Ich habe Freunde auf der ganzen Welt. Wir waren in fast 60 Ländern der Erde mit Begegnungen auf der höchsten Ebene. Spirituell, freundschaftlich, menschlich.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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