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Panorama
Donnerstag, 30. Juni 2016 27° 8

nr. sieben

Maulwürfe: Haufenweise Haufen

Der Maulwurf ist besser als sein Ruf – auch wenn er gerade wieder eifrig buddelt. Es gibt gute Gründe, ihn in Ruhe zu lassen.

Der Maulwurf hat ein ziemlich enges Zeitfenster zum Anbaggern: Weibchen sind nur für 30 Stunden paarungswillig. Anfang März stehen die Chancen am besten. Deshalb häufen sich jetzt die Haufen. Foto: Fotolia

Männchen haben’s schwer – und die Weibchen auch

Wenn der Maulwurfsmann im unterirdischen Nirwana verzweifelt nach der Maulwurfsfrau fahndet, künden zahlreiche Haufen von seiner eifrigen Suche. Die Paarungszeit beginnt Ende Februar/Anfang März und dauert bis April. Im Moment geht also unterirdisch die Post ab – und oberirdisch häufen sich die Hügel. Denn die Herren der Schöpfung müssen sich erst mal mühsam zu den Damen durchgraben, die während ihrer Brunftzeit in ihrem Bau mehr oder weniger geduldig auf einen Freier warten. Erschwerend kommt hinzu, dass das Weibchen nur für etwa 30 Stunden paarungsbereit ist. Das ist ein ziemlich enges Zeitfenster zum Anbaggern. Kommt der Typ zur falschen Zeit, wird er vom Weibchen fauchend vom Hof gejagt. Hat er Glück, wird er zum Schäferstündchen im Bau eingeladen. Damit sich die Mühe und der ganze Stress am Ende auch lohnen, versperrt das Männchen seinem Weibchen mit einer Art Keuschheitsgürtel die Geschlechtsöffnung. Ein Pfropf aus harzähnlichem Material soll verhindern, dass noch weitere Rivalen zum Zug kommen. Apropos Rivalen: Bei der Suche nach einem Weibchen kennt keiner ein Pardon. Da wird bis aufs Blut gekämpft.

Maulwürfe nagen doch keine Wurzeln ab

Das ist ein weit verbreiteter Irrtum: Maulwürfe fressen die Wurzeln der Pflanzen an. Tatsächlich aber sind sie reine Fleischfresser und vergreifen sich als solche ganz sicher nicht an den Pflanzen oder ihren Wurzeln. Wer angeknabberte Pflanzenwurzeln hat, der hat vielleicht Wühlmäuse, angefressener Salat deutet auf Schnecken oder Kaninchen hin. Maulwürfe sind kleine Raubtiere, die sich von Würmern, Insekten und deren Larven ernähren, sowie hin und wieder auch schon mal von einer kleinen Maus, sofern sie eine erwischen können. Mit ihren 44 Zähnen verdrücken Europäische Maulwürfe durchaus 20 bis 30 Kilogramm Insekten pro Jahr. Mit bis zu vier Stundenkilometern laufen sie durch ihr selbstgebuddeltes Gangsystem, um diesen Beutetieren nachzustellen. Lediglich durch Zufall kann es schon mal vorkommen, dass die eine oder andere Wurzel beim Buddeln der Gänge in Mitleidenschaft gezogen wird – aus Versehen sozusagen.

Sie fühlen, hören, riechen mehr, als andere sehen

Blind wie ein Maulwurf? Ach wo. Maulwürfe sind keinesfalls blind. Und taub schon gleich gar nicht. Ganz im Gegenteil haben sie ein sehr feines Gehör, mit dem sie winzigste Geräusche wahrnehmen können wie etwa krabbelnde Insekten. Ihre Ohren fallen allerdings kaum auf, da sie keine ausgeprägten Ohrmuscheln aufweisen, die ja aber ohnehin beim Buddeln unter der Erde nur stören würden. Ihr Geruchssinn ist ebenfalls sehr gut entwickelt, sowie auch ihr Tastsinn, der von etwa 150 000 Tastsinneszellen (Eimersche Organe) an der Nase und unzähligen Tasthaaren unterstützt wird.

Der Sternnasenmaulwurf hat die empfindlichste Hautstelle im Säugetierreich. Seine sternförmige Schnauze birgt die höchste Dichte von Nervenenden, wie US-Forscher herausfanden: über 100 000 Fasern in einem Hautstück von einem Zentimeter Durchmesser. Foto: Kenneth Catania/dpa

Lediglich die zwei kleinen Knopfaugen können wohl nur hell und dunkel unterscheiden, vermuten Biologen. Mehr ist aber auch gar nicht notwendig in dem unterirdischen Gangsystem, in dem die Tiere ihr ganzes Leben verbringen. In der absoluten Dunkelheit könnten sie ohnehin nichts sehen. Ausgeprägte Tast-, Geruchs- und Gehörsinne sind da schon sehr viel besser zu gebrauchen.

Das mit dem „Maul“ ist eigentlich ein Missverständnis

Maulwürfe werfen die Erdhaufen mit dem Maul auf – klar, warum sollte der Maulwurf sonst auch Maulwurf heißen? Doch der Schein trügt. Der erste Bestandteil des Wortes hat nämlich rein gar nichts mit einem „Maul“ zu tun, sondern geht vielmehr auf das mittelhochdeutsche Wort für „Staub, Erde“ zurück: „Molte“. Der Maulwurf ist im wörtlichen Sinne also lediglich ein „Erd(haufen)werfer“. Das ergibt auch durchaus Sinn, denn die Maulwurfshügel, die so manchen Gartenbesitzer in den Wahnsinn treiben, buddelt das Tier nicht etwa mit seinem Maul, sondern mit den enorm großen, schaufelartigen Vorderfüßen.

Irgendwo muss die Erde ja schließlich hin.

Die Hügel entstehen praktisch als Abfallprodukt beim Graben des unterirdischen Gangsystems, in dem das Tier lebt. Irgendwo muss die Erde ja schließlich hin. Eine Röhre von sieben Metern Länge buddelt ein Maulwurf übrigens je nach Bodenbeschaffenheit in nur einer einzigen Stunde – oder sogar noch schneller. Bis zum 24-Fachen seines eigenen Körpergewichtes kann er dabei vor sich her schieben.

Einzelgänger brauchen keine Haustüren

Die Maulwurfshaufen sind, anders als viele meinen, keineswegs die Ein- und Ausgänge des unterirdischen Röhrensystems. Maulwürfe verbringen ihr gesamtes Leben unter der Erde. Sie verlassen ihr Gangsystem nur im äußersten Notfall, etwa bei Hochwasser. Aus diesem Grund brauchen sie auch keine Ein- und Ausgänge für ihr Röhrensystem, das bis zu einen Meter tief sein kann und Hunderte Meter lang.

Maulwurfshügel sind ein Ärgernis für Gartenbesitzer und Platzwarte. Foto: dpa

In der Regel begnügen sich die Tiere allerdings mit einer Tiefe von etwa 20 bis 50 Zentimetern und einer Länge von ca. 50 Metern. Da Maulwürfe Einzelgänger sind und sich nur zur Paarung treffen, kann sich das Revier eines einzelnen Maulwurfs je nach Futterangebot schon mal über eine Fläche von 2000 Quadratmetern erstrecken, auch wenn in der Regel 300 bis 400 Quadratmeter ausreichen.

Ein Maulwurf bleibt, wo es ihm gefällt. Punkt.

Ultraschallsummer vertreiben die Tiere zuverlässig? So einfach ist das nicht. Maulwürfe stehen in Deutschland unter Naturschutz, sie dürfen also nicht getötet werden. Da sich aber nur wenige Gartenbesitzer mit den Maulwurfshaufen in ihren Beeten und heiß geliebten Rasenflächen anfreunden können, gibt es ein ganzes Arsenal an Mittelchen und Gerätschaften, die die kleinen Buddler vertreiben sollen. Flaschen werden umgedreht in den Maulwurfshaufen gesteckt, Ultraschallsummer installiert und jede Menge Pülverchen und Tabletten in die Gangsysteme geschüttet. Doch auf Dauer hilft das alles nicht.

Es gibt nur eine einzige relativ zuverlässige Methode, den Tieren beizukommen: Ein feinmaschiges Gitter im Boden

Selbst die ganz Schlauen, die Wühlmausgifte auslegen, scheitern, da Maulwürfe ja nun einmal nur lebendes Futter fressen. Es gibt nur eine einzige relativ zuverlässige Methode, den Tieren beizukommen: Ein feinmaschiges Gitter muss bei der Neuanlage des Gartens unter allen zu schützenden Bereichen verlegt werden. An den Rändern ist dieses Gitter zudem mindestens 70 Zentimeter, besser einen Meter tief senkrecht einzugraben.

Siebenmal sieben Zeilen

Große Würfe

Wo noch auf unbeheizten, mehr oder weniger naturbelassenen Plätzen – und damit also richtig – Fußball gespielt wird, versteckt sich ein wichtiger Mitspieler...

Aber selbst dieser enorme Aufwand ist keine 100-prozentige Garantie: Manchmal verlassen die Maulwürfe nämlich doch ihr Gangsystem und wandern über der Erde in neue Reviere ein. Tja, in so einem Fall sollte man es dann vielleicht besser den Ultraschallsummern gleich tun – und einfach locker und gelassen halblaut vor sich hin pfeifen

.

Hoffentlich wird Maulwurfsfell nicht wieder in

Zwar rückt der Maulwurf seinen menschlichen Nachbarn in deren Gärten gerne auf den Pelz. Das ist aber lange noch kein Grund, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen – und einen Mantel draus zu schneidern. Der meist dunkle, dichte und kurzhaarige Pelz war vor allem in den Goldenen Zwanzigern modern. Warum, darüber darf spekuliert werden: Lag es etwa daran, dass das strich- und damit richtungslose Haarkleid irgendwie in die orientierungslose Zeit passte? Gut, dass der Europäische Maulwurf in Deutschland seit 31. August 1980 offiziell geschützt ist. (Satorius/asa)

Menschliche Maulwürfe

Während tierische Maulwürfe in der Regel völlig ungefährlich sind, treiben menschliche Maulwürfe im Untergrund ihr Unwesen. Diese Sorte ist allerdings alles andere als harmlos.

Sieben ganz andere Maulwürfe

  • Mata Hari:

    Die Nackt-Tänzerin aus den Niederlanden (1876-1917) hat im Ersten Weltkrieg in höchsten Kreisen spioniert. Gewiefte Doppelagentin oder Sündenbock? Das könnte sich klären, wenn 100 Jahre nach ihrem Tod die französischen Gerichtsakten geöffnet werden. Im Oktober 1917 wurde sie hingerichtet.

  • Lawrence von Arabien:

    Thomas E. Lawrence (1888-1935) wurde als britischer Agent zum Mythos. Er unterstützte den arabischen Aufstand gegen die Osmanen während des Ersten Weltkriegs. Weil der arabische Raum entgegen Zusagen nicht unabhängig, sondern in britische und französische Zonen aufgeteilt wurde, zog er sich von zurück. Er starb bei einem Motorradunfall.

  • Rainer Rupp:

    „Topas“ spionierte ab etwa 1970 für den Warschauer Pakt – was er selbst als Beitrag für den Frieden interpretiert. Mit Öffnung der Stasi-Akten nach 1989 wurde Rupp (geb. 1945) enttarnt. 2000 wurde er aus der Haft entlassen. Das DKP-Mitglied publiziert antiimperialistische Kommentare.

  • Günter Guillaume:

    Wegen Guillaume (1927-1995) trat Bundeskanzler Willy Brandt 1974 zurück. Der DDR-Spion war 1972 zum persönlichen Berater aufgestiegen. Enttarnt wurden er und seine Frau durch Geburtstagsgrüße aus den 50ern.

  • Anna Wassiljewna Chapman:

    Die sexy Russin galt als schärfste Waffe Putins. Chapman (geb. 1982) wirkte in London und New York. 2010 wurde sie gegen enttarnte US-Spione getauscht. In Russland avancierte sie dann zum TV-Sternchen.

  • Julian Assange:

    Maulwürfe der jüngsten Generation graben Dinge aus, die Regierungen und Geheimdienste gerne unter dem Deckel halten würden. Dafür stehen Wikileaks und als schillernde Person Julian Assange (geb. 1971).

  • Edward Snowden:

    Als Maulwurf unter Maulwürfen enthüllte Snowden (geb. 1983) Geheimdienstpraktiken. Nun muss er sich in Russland vergraben. (mz/asa)

Lesen Sie mehr

Hier geht es zu einer Geschichte über den liebenswertesten Maulwurf der Welt.

Und hier finden Sie weitere Artikel aus unserem Wochenend-Magazin „nr. sieben“.

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