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Panorama
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Katastrophe

Mehr als 400 Tote bei schwerem Erdbeben

Ihr weniger Besitz war sofort zerstört: Nach dem Beben in der kurdischen Grenzregion stehen Hunderte Menschen vor dem Nichts.
Von Farshid Motahari, dpa

Ein Retter sucht in Sarpol-E-Zahab (Iran) mit einem Spürhund nach Überlebenden des Erdbebens. Foto: Pakizeh/Iranian Students News Agency/dpa

Sare Pole Sahab.„Zu Gott gehören wir, zu ihm kehren wir zurück.“ Dieser Satz wird im Iran bei Todesfällen gesprochen. In Sare Pole Sahab dürfte er am Montag mehr als 200 Mal gefallen sein. Die westiranische Grenzstadt mit einer Bevölkerung von 85 000 Menschen wurde von dem Beben der Stärke 7,3 am Sonntagabend (Ortszeit) besonders schlimm getroffen.

Mehr als 240 Menschen, die meisten von ihnen iranische Kurden, kamen in Sare Pole Sahab ums Leben. Die Stadt hat auch 20 Stunden nach dem Beben immer noch keinen Strom und kein Wasser.

Besonders hart traf es eine kurdische Großfamilie. Am Sonntagabend hatte die Familie von Ali Agha – Herrn Ali – in großer Runde eine Kinderparty gefeiert. Dann kam das Beben und 34 Menschen waren in wenigen Sekunden unter den Trümmern begraben und tot. „Es fühlte sich an wie das Ende der Zeit und wollte nicht aufhören,“ sagt einer der wenigen Gäste, die nur leicht verletzt wurden.

Weitere Beben

  • Die Spannungen

    in der Erdkruste in der Region haben sich nach dem Beben erhöht. Weitere starke Erschütterungen in Nachbarregionen könnten die Folge sein, sagt Professor Marco Bohnhoff vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam.

  • Im Bereich

    um das Zagros-Gebirge gibt es immer wieder Erdbeben. In der jetzt betroffenen Region seien sie aber in diesem Ausmaß selten: „Ein Beben der Stärke 7,3 tritt im Schnitt alle 100 bis 150 Jahre auf“, erklärte der Experte. ist tektonisch sehr komplex und aktiv, mit Erdplatten, die sich gegeneinander bewegen“, so Bohnhoff.

Die Atmosphäre in der Stadt schwankt am Montag zwischen Trauer und Wut – Wut vor allem gegenüber der Regierung von Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Der hatte den Menschen dort neue fünfstöckige Wohnungskomplexe unter dem Namen „Haus der Nächstenliebe“ bauen lassen. Aber auch die hielten dem Beben nicht stand. „Ahmadinedschads Haus der Nächstenliebe wurde zum Massengrab ... zum Teufel mit ihm“, sagt ein kurdischer Landwirt, der nicht beim Namen genannt werden will.

Berlin bietet Hilfe an

An vielen Orten der Stadt sieht man Menschen um eine in eine Decke eingewickelten Leiche sitzen. Manche weinend, manche traumatisiert. „Nimm mich mit, nimm mich mit“, schreit eine ältere Frau immer wieder, während sie die Leiche ihres Mannes umarmt. Die Nachbarn sagen, die beiden wollten im Frühjahr ihre Goldene Hochzeit feiern.

Auch der 19-jährige Massud und sein jüngerer Bruder stehen regungslos vor der Leiche ihres Vaters. „Gestern noch plante er ein Extrazimmer für die Fußballabende bei der nächsten WM zu bauen. Nun liegt er hier in diese dreckige hässliche Decke eingewickelt.“ Wo seine Mutter und seine beiden Schwestern sind, weiß Massud nicht genau. Sie sollen am Leben sein und in ein Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Kermanschah eingeliefert worden sein.

Die von dem schweren Erdbeben betroffene Kermanschah-Provinz, wo insgesamt mehr als 350 Menschen starben, gehört zu den ärmeren Provinzen im ölreichen Iran. Dort leben vor allem Kurden. Bescheiden, aber stolz, sagen sie. „Wir haben ja nicht viel gehabt. Aber auch das haben wir nun verloren“, sagt eine Mutter. Aber Gott danke sie trotzdem. „Wir sind zumindest am Leben.“

Die Bundesregierung hat Hilfe angeboten, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Welche Hilfsgüter in der Region im Grenzgebiet von Iran und Nordirak genau gebraucht würden, müsste nach Absprache mit beiden Ländern geklärt werden. Seibert sprach den Ländern und der betroffenen Bevölkerung die „tief empfundene Anteilnahme“ der Bundesregierung aus.

Der Präsident kommt

Die Stadt Sare Pole Sahab erwartet nun hohen Besuch. Präsident Hassan Ruhani kommt in die Stadt und will sich selbst ein Bild von der Lage machen. Große Hoffnungen weckt sein geplanter Besuch bei den Menschen aber nicht. „Der kommt wieder und macht Worte, Worte, aber leer, leer – genauso leer wie mein Leben jetzt“, sagt ein älterer Mann. Auch er will nicht beim Namen genannt werden.

Nach dem Beben in den südlichen Kurdengebieten könnte es in den nächsten Tagen und Wochen zu weiteren Erderschütterungen kommen. „Diese Beben könnten durchaus noch die Magnitude 6 erreichen. Das kann ausreichen, um beschädigte Häuser einstürzen zu lassen“, sagt Professor Marco Bohnhoff, Leiter der Sektion Geomechanik und Rheologie am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ).

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