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Montag, 11. Dezember 2017 4

Gesundheit

Mit Sarengue zum Wunschkind

Übergewicht ist ein wachsendes Problem bei Frauen mit Kinderwunsch. Das Ganzkörpertraining unterstützt auf natürlichem Wege.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Zu lateinamerikanischen Rhythmen werden die effektiven Übungen durchgeführt. Sarengue wird bei Übergewicht, Rückenleiden, bei Schmerz- und Krebspatienten und ganz neu auch bei Kinderwunsch empfohlen. Foto: Stöcker-Gietl

Regensburg.Die Beine tippeln vor, zurück, zur Seite. Die Hüfte schwingt locker mit. „Und jetzt den Herkules“, fordert Dr. Silvia Weidinger-Köppen die Damen auf. Die Arme klappen in eine W-Stellung und wippen zum Rhythmus der Musik. „Spürt ihr die Wirkung? Wenn ihr das einen Song lang durchhalten könnt, dann seid ihr richtig gut.“ Sarengue heißt das Ganzkörpertraining, das die Regensburger Gynäkologin seit September in der Kindwunschbehandlung einsetzt. „Für Erfolgsmeldungen ist es noch zu früh, aber ich bin überzeugt, dass sie kommen werden.“

Dick heißt weniger fruchtbar

Rund 15 Prozent aller Paare mit Kinderwunsch bleiben dauerhaft oder vorübergehend kinderlos. Die Nachfrage nach Kinderwunschbehandlungen steigt seit Jahren. Für Professor Monika Bals-Pratsch von der Fachklinik für Fruchtbarkeitsmedizin Profertilia in Regensburg sind Übergewicht und die daraus resultierenden Stoffwechselstörungen oder ein durch Übergewicht bedingter Diabetes mit die häufigsten Gründe, warum es auf natürlichem Weg nicht mit einer Schwangerschaft klappt. Denn rund ein Drittel aller Frauen ist bereits vor der Schwangerschaft übergewichtig. Aber auch bei Männern gilt: Dick heißt weniger fruchtbar. In diesem Jahr ist das Thema Ernährung und Übergewicht bei Kinderwunsch Schwerpunktthema des Regensburger Praxisseminars, das vom Qualitätszirkel Gynäkologie, dem Kompetenznetzwerk Endokrinologie und dem Netzwerk Kinderwunsch Regensburg veranstaltet wird.

Eine halbe Stunde dauert es, dann hat Weidinger-Köppen die acht Schrittkombinationen für Sarengue erklärt und mit den Neuen im Kurs grob einstudiert. Es gibt jeweils einen Merengue- und Salsa-Grundschritt, einen Salsa Seit- und Rückschritt, den Herkules, Arme boxen, das Sechseck, die Box und den Twist. Acht Übungen, die den ganzen Körper trainieren und auch die Durchblutung und Bewegung des Beckens verbessern, was insbesondere für Frauen mit Kinderwunsch wichtig sei. Eine Stunde Sarengue, sagt Weidinger-Köppen, ist genauso effektiv, wie die Arbeit an Fitnessgeräten, mache aber weitaus mehr Spaß. Trainiert wird im von Nicole Gorski geleiteten Sarengue-Zentrum in Regensburg-Schwabelweis, das im September eröffnet hat. Man kann kostenlos hineinschnuppern und danach pro Trainingsstunde acht Euro bezahlen (sechs Euro wer mehrfach die Woche kommt). Einen Vertrag muss man nicht abschließen, erklärt Instruktorin Helene Schaifele.

Helene Schaifele (l.) und Dr. Silvia Weidinger-Köppen geben ihr Wissen weiter.

Entwickelt hat das Programm eine Tanzlehrerin aus Zirndorf für ihre eigenen körperlichen Probleme. Nach drei Bandscheibenvorfällen plagten sie ständige Rückenschmerzen, eine sogenannte Kalkschulter und Arthrose in den Knien. Mit einer befreundeten Ärztin und Physiotherapeuten entwickelte Alexandra Bernhardt ein schonendes Muskelaufbauprogramm zu lateinamerikanischer Musik, das individuell an die körperlichen Beschwerden angepasst werden kann. Prof. Dr. Thomas Loew, Psychosomatiker am Uniklinikum Regensburg, griff das Ganzkörpertraining für das Abnehm-Programm Optifast auf. Und auch er war überrascht von der Effizienz. In seinen Studien in der Behandlung schwer übergewichtiger Patienten wies er nach, dass Sarengue die Problemzonen Hüfte und Bauch so effektiv trainiert wie keine andere Sportart, die in demselben zeitlichen Aufwand betrieben wird. Bis zu 380 Kilokalorien kann man in einer Stunde verbrennen. Zudem seien die speziellen Bewegungsmuster zu Salsa- und Merengue-Musik besonders gelenkschonend. In Regensburg ist die derzeit älteste Teilnehmerin 82 Jahre alt, sagt Weidinger-Köppen.

Die Frauenärztin verrät, dass bei ihr das Fitnessprogramm inzwischen wie eine Sucht wirke. „Ich merke, wie gut es mir tut, wie es meinen Kopf frei macht und vom Stress befreit.“ Inzwischen ist sie dreimal die Woche im Sarengue-Zentrum, arbeitet dort gemeinsam mit Helene Schaifele auch als Instruktorin.

Trainieren und vom Meer träumen

Die Damen aus der Mittwochsrunde sind bereits Expertinnen im Sarengue. Po anspannen, als müsste man eine Münze festhalten, Schultern unten lassen und dann stapfen wie bei einem Waldspaziergang, so geht das Training los, erklären sie. Eine Stunde bei Musik, die einen beim Trainieren von einem Urlaub am Meer träumen lässt. Danach, so sagen die Frauen, sei man ganz schön ausgepowert, aber auch voller Glückshormone. Auch der Nürnberger Schmerztherapeut Dr. Roland Leger schickt seine Patienten in das Training. Vor allem chronische Schmerzpatienten berichteten von positiven Erfahrungen. Denn durch das Training der kleinen Muskelgruppen der Hals- Brust- und Lendenwirbelsäule wird der Bewegungsapparat stabilisiert und mobilisiert.

Gynäkologin Weidinger-Köppen wird ab Dezember eine Gruppe für Krebspatienten anbieten. Moderates Training bei einer Krebsdiagnose werde angeraten, sagt die Medizinerin. Mit den Schrittfolgen und Armbewegungen werde unter anderem der Abfluss der Lymphen verbessert. Auch machen die lateinamerikanischen Rhythmen gute Laune. Das sei enorm wichtig, wenn man sich mit einer schweren Erkrankung oder eben dem unerfüllten Kinderwunsch auseinandersetzen muss.

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