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Nobelpreisträger: „Jetzt braucht es Erfindungen“

Ivar Giaever bekam als Physiker vor 38 Jahren den bedeutendsten Preis seines Fachs. Doch nach Regensburg kam er nun als Biologe und Unternehmer.
Von Pascal Durain, MZ

Im Gespräch mit einem Physik-Promi: Nobelpreisträger Ivar Giaever ist zu Gast auf dem Regensburger Campus. Foto: Lex

Regensburg. Seine Berühmtheit sieht man ihm genauso wenig an, wie sein tatsächliches Alter. Es ist Mittwoch kurz nach 12 Uhr, als er im Hörsaal 46 steht, herum gestikuliert und mit einem jungen Forscher plauscht. Ivar Giaever, 82, Anzug, große Brille, großes Gesicht, das weiße Haar adrett nach hinten gekämmt: So sieht ein Physiknobelpreisträger aus, der dazu noch „Allrounder der Naturwissenschaften“ genannt wird. Und seit Dienstagabend ist der Amerikaner mit dem schwierig auszusprechenden Namen in Regensburg zu Gast – denn in der Domstadt findet die erste Konferenz über „Impedanz-basierte Zelluntersuchungen“ statt.

Lebende Zellen sollen leben

Was so komplex klingt, ist auch komplex. Giaever drückt das aus: „Wir schauen uns Zellen auf anderen Wegen an.“ Diese Arbeit ist interdisziplinär. Soll heißen: Hier prallen zwei wissenschaftliche Disziplinen aufeinander – Biologie und Physik. Giaever ist beides: Physiker und Biologe. Mit 82 Jahren ist sein Forschungsdurst noch nicht gelöscht: „Es macht Spaß zu arbeiten“, sagt er. Professor zu sein und sich mit jungen Menschen zu umgeben, halte ihn jung. So beneidenswert das klingt, so bedeutend ist seine Forschung: Giaever kultiviert Zellen außerhalb eines lebenden Organismus.

Die Zellen wachsen auf einer Elek-trode, so kann man den Widerstand messen und man bekommt kontinuierlich quantitative Daten. Normalerweise betrachten Biologen Zellen unter dem Mikroskop – aber Beobachtung allein ergibt kein Zahlenmaterial, sondern bleibt eine bloße Momentaufnahme. Die Zelle wird außerdem zerstört.

Die Vorgänge innerhalb einer Zelle sind dynamisch und sehr komplex. Um diese Prozesse besser bewerten zu können, gilt es demnach, neue Verfahren einzusetzen, die eine Echtzeit-Untersuchung ermöglichen und zudem nicht „invasiv“ sind; also die Zellen nicht zerstören. Mit der ECIS-Methode, die Giaever mitentwickelt hat, ist das möglich. „ECIS“ – das steht für „Electric Cell-Substrate Impedance Sensing“. Auf Deutsch etwa: die Messung des elektrischen Widerstands von Zellmaterial. Giaever hat mit seinem Freund Dr. Charles Keese diese Methode entwickelt, als sie bei einem der größten Konzerte der Welt, General Electric, noch Angestellte waren.

Heute verdienen sie damit ihr Geld: Vor 25 Jahren machten sich die beiden mit dieser Idee selbstständig und gründeten das Unternehmen „apb – Applied BioPhysics“ (auf Deutsch: angewandete Biophysik) und verkauften und forschten an ECIS-Aparaturen.

So wurde Ivar Giaever noch zum erfolgreichen Geschäftsmann. „Mein Freund Charlie brauchte das Geld“, sagt er lachend, „Forschung kostet eben sehr viel Geld.“ Er war anfangs mal Vorstandsvorsitzender, erzählt er, „aber da war ich nicht sehr gut drin“. Heute ist er leitender Wissenschaftler bei abp, Professor am Rensselaer Polytechnical Institute (New York) und zusätzlich am Institut für Physik der Universität Oslo. Giaever bekam den Nobelpreis für seine Entdeckungen über das Tunnel-Phänomen in Halb- und Supraleitern. Er zeigte, dass in diesen Leitern Energielücken existieren. Damit bewies er die BCS-Theorie. Auf diesen Erkenntnissen basieren heute viele elektronische Schaltelemente in Rechnern oder Handys.

Das ist jetzt 38 Jahre her – und um Theorien geht es dem gebürtigen Norweger heute nicht mehr. Vielmehr denkt der Professor jetzt über die Zukunft der Wissenschaft nach. Er will Kollegen dazu ermuntern, sich eher mit Erfindungen zu beschäftigen, als Gesetze entdecken zu wollen. „Es gibt sei 150 Jahren keine physikalischen Gesetze mehr zu entdecken“, sagt Giaever. Andere Physiker würden nach so einem Satz den Kopf schütteln, sagt er, aber heute brauche man mehr Erfindungen. „Deswegen bin ich nun in der Biologie gelandet.“ Von diesem Thema handelt sein heutiger Vortrag.

„Wer kommt, nimmt etwas mit“

Die internationale Tagung, die auf dem Campus der Universität Regensburg stattfindet, läuft noch bis Freitag – und steht jedem offen. Von den 100 Teilnehmern stellen die Regensburger aber keine Mehrheit, sagt Organisator Professor Dr. Joachim Wegener vom Institut für Analytische Chemie, Chemo- und Biosensorik. „Wir haben Teilnehmer aus Hawaii und Taipeh; aber normale Regensburger kommen nicht zu einer Fachtagung.“

Menschen ohne Bezug zum Thema, ließen sich – auch bei freiem Eintritt – nicht anlocken. Wegener ist sich aber sicher: „Jeder, der herkommt, nimmt auch etwas mit.“

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