mz_logo

Panorama
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Freizeit

Rasant, filigran und ausbalanciert

Fußball, Tennis, Volleyball – diese Ballsportarten kann man vielerorts ausüben. Ungewöhnlicher sind Kanupolo oder Radball.
Von Kerstin Hafner, MZ

Anstoß beim Kanupolo Foto: Straubinger Kanuclubs

Die alten Wikinger sollen angeblich die Köpfe ihrer Feinde zum Kicken benutzt haben. Bei den Maya spielten zwei Mannschaften um Leben oder Tod. Die Verlierer wurden den Göttern geopfert, bei Sonnenuntergang rollten ihre Köpfe von den Treppen der Stufenpyramiden. Ganz so blutrünstig ging es bei den Römern, Chinesen, Persern, Azteken und Ägyptern zwar nicht zur Sache – zumindest was ihre Ballspiele betraf –, doch auch sie kannten diverse rituell bedeutsame oder einfach nur vergnügliche Spiele mit Kautschuk- oder Lederkugeln, gefüllt mit Kleie, Tierhaaren, Federn oder auch schon Luft. Heute ist die Palette immens breitgefächert. Alleine Wikipedia listet rund 130 Ballsportarten auf, die weltweit verbreitet sind. Die meisten Vereine in Ostbayern bieten mehrere Varianten an.

Wem allerdings Fußball, Tennis oder Volleyball viel zu „Mainstream“ ist, der findet auch bei uns um die Ecke kleine Vereinsabteilungen, die ebenso seltene wie außergewöhnliche Ballsportarten betreiben, zum Beispiel Bikepolo, Einradhockey, Radball oder Kanupolo. Allen gemeinsam ist, dass man als Schnuppergast jederzeit herzlich willkommen ist, zuschauen und auch gleich mitmachen darf. Meist geht es aufgrund der überschaubaren Zahl der Spieler in diesen Abteilungen recht familiär und leger zu. Und weil es in Bayern für all diese Sportarten praktisch kaum Ligabetrieb gibt, steht zunächst mal der Spaß im Vordergrund. Wer echten Ehrgeiz entwickelt und Talent mitbringt, muss allerdings unter Umständen zu einem Großstadtverein (z.B. Nürnberg) wechseln und/oder als Team relativ weite Turnierfahrten auf sich nehmen.

Allen vier Sportarten gemein ist, dass sie hohe Anforderungen an die Koordination stellen und man ein Weilchen braucht, bis man sowohl den Ball als auch das Gerät, auf oder in dem man sitzt, beherrscht. Je jünger ein Spieler beginnt, desto besser stehen die Chancen, mal richtig gut zu werden. Aufgrund der flacheren Ligastrukturen in Deutschland kann man mit Talent allerdings rascher höherklassig spielen als zum Beispiel im flächendeckend verbreiteten Fußball oder Tennis, wo die Konkurrenz enorm ist. Sowohl die Polospieler beim Straubinger Kanuclub als auch die Radballer vom ASV Cham, die Bikepolo-Abteilung beim TuS Regensburg und die Einradhockey Tigers vom SV Schwaig (Neustadt/Bad Gögging) freuen sich über neue aktive Mitspieler oder passive Förderer und Sponsoren.

Radball

Zweikampf beim Radball Foto: ASV Cham

Radball ist kaum bekannt, dabei wurde der Sport schon vor über hundert Jahren erfunden. Ende des 19. Jahrhunderts soll dem damals berühmten US-amerikanischen Kunstradfahrer Nick Kaufmann ein kleiner Hund vor den Drahtesel gelaufen sein. Um sich selbst den Sturz und dem Tier Verletzungen zu ersparen, soll Kaufmann den Fiffi sanft mit dem Vorderrad zur Seite bugsiert haben. Da kam ihm angeblich die Idee, den Hund gegen einen Ball zu tauschen und daraus einen Sport zu machen. So zumindest will es die Legende ...

Beim Radball befördert man das Spielgerät, einen mit Rosshaar gefüllten Ball von der Größe eines Handballs, mit dem Vorderrad in Richtung Tor. Da der Ball relativ schwer ist, fliegt er nicht hoch und springt auch nicht unkontrolliert herum, aber geübte Spieler erzielen durchaus 80 Stundenkilometer damit – da kann eine Kollision dann schon ganz schön weh tun. Während ein Helm also nicht vorgeschrieben ist, sind Schienbeinschützer durchaus sinnvoll. Auch Handschuhe. Denn bei der weltweit geläufigsten Form von Radball spielen nur jeweils zwei Spieler gegeneinander und jeder ist mal der Torhüter. Die häufigsten Verletzungen beim Radball sind Fingerbrüche und blaue Flecken. „Es kann schon mal ruppig zugehen, und es kommt im Eifer des Gefechts auch mal zum Sturz, aber schwerere Verletzungen sind extrem selten“, weiß Oliver Guntrum, ein ehemaliger deutscher Radball-Nationalspieler, den es beruflich in den Bayerischen Wald verschlagen hat. Heute ist er Trainer beim ASV Cham und spielt in der tschechischen Bundesliga, „weil von Cham aus die Wege nach Tschechien einfach kürzer sind als in die deutschen Radball-Hochburgen.“

Das Spielfeld ist knapp halb so groß wie ein Handballfeld und muss komplett von einer Bande eingefasst sein. Eine Partie dauert zweimal sieben oder zweimal fünf Minuten (Erwachsene/Kinder). Oliver Guntrum trainiert in Cham seit einem guten Jahr vier Buben im Alter von sieben bis elf Jahren „Radball ist nicht so einfach zu spielen, ein halbes Jahr werden erst einmal die grundlegenden Skills trainiert, erst danach kann man gegeneinander spielen.“ Händeringend suchen die Jungs nach Gleichgesinnten, denn ein Zweierteam, das dann auch in die Schülerliga einsteigen kann, sollte immer aus Partnern bestehen, die vom Alter und Ausbildungsstand her zusammenpassen. Momentan üben die Chamer fleißig das Rückwärtsfahren, im Stand Balancieren, einhändig Fangen und mit dem Vorderrad Schießen. „Radball ist übrigens eine der wenigen Sportarten, bei der man fehlendes Talent durch Trainingsfleiß wettmachen kann“, macht Guntrum Neueinsteigern Mut. Die Bikes, die beim ASV im Training zum Einsatz kommen, hat er von seinen früheren Vereinen mitgebracht. Es sind Spezialanfertigungen mit senkrecht stehenden U-förmigen Lenkern, einer starren Nabe und 1:1-Übersetzung. „Wir haben Räder in allen Größen, da ist sicher für jeden was dabei“, erklärt der Trainer. Und was ist mit Mädchen? „Die dürfen natürlich auch gerne kommen, wenngleich meiner Erfahrung nach die meisten Mädels nach einer Weile lieber zum Kunstradfahren oder zum Bikepolo wechseln.“

Kanupolo

Angriff aufs Tor beim Kanupolo Foto: Straubinger Kanuclubs

In Straubing geht es nicht aufs Rad, sondern ins Wasser. Dort spielen ein paar Freigeister seit Anfang der 1980er Jahre Kanupolo. „Kanupolo ist eine Mischung aus Wasserball und Rugby, denn der Ballführende darf auch gekentert werden“, beschreibt Hubert Hilmer, 1. Vorsitzender des Straubinger Kanuclubs, den Sport, den er selbst seit einer Schulterverletzung nicht mehr ausüben kann. „Ein bisschen Wasserschlucken muss man schon vertragen können, aber es ist eine extrem launige Art, Kanu zu fahren und fehlt mir höllisch.“

Man braucht ein stehendes Gewässer und ein Spielfeld mit zwei Toren, die zwei Meter über dem Wasserspiegel angebracht sind. Dazu nehme man fünf Spieler pro Team und einen Wasserball. In Straubing trainieren die Kanuten auf dem Attinger Weiher, für Turniere dürfen sie das städtische Freibad nutzen. Zur Ausrüstung gehören selbstverständlich ein Kajak und ein Paddel, aber außerdem noch ein Helm mit Gesichtsschutz und eine Schwimmweste, die zum Schutz des Oberkörpers getragen wird. Ziel des Spiels ist es, binnen 20 oder 30 Minuten mehr Tore als die Gegner zu erzielen. Der Ball darf mit dem Paddel oder mit der Hand gespielt werden. Es gibt einen fliegenden Torwart, der mit seinem aufgestellten Paddel versucht, das Tor zu schützen und von den Gegnern nicht weggeschoben werden darf. Wie beim Fußball werden Fouls mit Freistößen sowie roten, gelben oder auch grünen Karten geahndet.

„Kanupolo ist gerade für Anfänger eine hervorragende Möglichkeit, quasi nebenbei das Manövrieren mit einem Kajak zu lernen. Die Leute konzentrieren sich so sehr auf den Ball, dass sie das dazugehörige Paddeln in alle Richtungen spielerisch üben, ohne viel nachzudenken“, hat Hilmer beobachtet. Frühestes Einstiegsalter ist acht Jahre, nach oben ist die Grenze offen. „Seit den 60er Jahren ist Kanupolo tatsächlich ein verbreiteter Nischensport in Deutschland, nur hier in Bayern ist er relativ unbekannt. In Kelheim gibt es seit letztem Jahr auch einen Club. Dort spielen sie am Alten Hafen am Kanal.“ Sowohl in Straubing als auch in Kelheim sind Neueinsteiger nach Anmeldung jederzeit herzlich willkommen.

Bikepolo

Beim Bikepolo geht es zur Sache. Foto: TuS Regensburg/Durain

Bikepolo kann man beim Freien TuS in Regensburg lernen. Seit 2015 gibt es dort eine extra Abteilung, die aus einem Dutzend Mitgliedern besteht. Jeden Mittwoch ist Training auf dem Feld der TuS-Stockschützen direkt unter der Autobahnbrücke an der Schillerwiese. Wer mal reinschnuppern möchte, darf dort ohne Voranmeldung vorbeischauen. „Die genauen Zeiten veröffentlichen wir bei Facebook unter Bikepolo Freier TuS Regensburg e.V.“, verrät Pascal Durain, der stellvertretende Abteilungsleiter, der diese Bezeichnung eigentlich gar nicht so gerne hört: „Das moderne Bikepolo kommt aus der Punkrockszene, der alte Sport wurde in den 90ern in Seattle wiederbelebt, da wurden aus Skistöcken Schläger gebastelt. Mit Hierarchien und Strukturen hatte man weniger am Hut. Bei diesem Sport ist das Drumherum lässig, Männlein und Weiblein spielen zusammen im Team, die Turniertreffen haben einen entspannten, familiären Charakter.“ Zur Schnupperstunde kann man das eigene Rad mitbringen, „aber wir verleihen auch unsere Spezialbikes. Das läuft bei uns ganz unkompliziert“, sagt Durain. Momentan spielen beim TuS zwar keine Kinder, doch die erwachsenen Bikepolospieler würden Rücksicht nehmen. Denn auch bei diesem Sport kann es ziemlich rau zugehen, wenn mit den Hockey-ähnlichen Schlägern um den kleinen Ball gekämpft wird. „Bikepolo ist wesentlich rasanter als Radball, und der leichte Ball fliegt deutlich höher und schneller, deswegen besteht Helmpflicht.“ Durain selbst trägt zudem kombinierte Knie-Schienbein-Protektoren, andere Spieler auch einen Gesichtsschutz ähnlich dem von Eishockeyspielern: „Aber der schränkt natürlich das Sichtfeld ein. Man muss abwägen, was einem wichtiger ist.“ Rempeleien sind manchmal unvermeidbar, doch das Spiel ist über die Jahre technischer geworden. Es kommt zu immer weniger Körperkontakten.

Bis man den Sport wirklich beherrscht, sollte man laut Durain mindestens ein Jahr dabeibleiben. „Anfangs reicht Omas Klapprad, sofern man sich darauf wohl fühlt, aber bis man dann ein Polorad beherrscht, dauert’s ein Weilchen. Sie sind schwieriger zu kontrollieren und man fährt ja ständig nur mit einer Hand, weil man in der anderen den Schläger führt.“ Wie beim Radball ist es für Neueinsteiger von Vorteil, zumindest das Radfahren an sich schon zu beherrschen; beste Voraussetzung wären erste Kenntnisse im BMX-Fahren oder Mountainbiken. „Ich habe es nur einmal gespielt und war sofort mit dem Polovirus infiziert“, schwärmt Durain. „Ich mag das Tempo, die technische Fahrweise und auch den Wettbewerb.“ In Bayern, wo der Sport kaum verbreitet ist, gibt es keine Liga, nur die Vereinigung der süddeutschen Bikepoloclubs, die im Turnus Turniere ausrichten und die anderen Clubs dazu einladen. „Solche Wochenenden sind eigentlich wie Klassentreffen, man kennt sich, sportelt und grillt miteinander.“ Gespielt wird übrigens drei gegen drei, zehn Minuten lang, oder bis eine Mannschaft fünf Tore erzielt hat.

Einrad-Hockey

Beim Einrad-Hockey reicht ein Reifen mit Sattel oben drauf. Foto: SV Schwaig

Beim SV Schwaig reicht den Hockey Tigers sogar nur ein Reifen mit Sattel obendrauf. Der kleine Ort zwischen Neustadt/Donau und Bad Gögging ist seit einem guten Jahrzehnt die Einrad-Hochburg im Landkreis Kelheim. Vom Formationsfahren (Pflicht und Kür) über Rennen bis hin zum Einrad-Hockey hat man beim dortigen Sportverein die volle Auswahl. Knappe 100 Mitglieder zahlen Beiträge, viele davon sind allerdings nur passiv dabei. „Der Boom hat etwas nachgelassen“, berichtet Jutta Kröpfl, die stellvertretende Abteilungsleiterin. „Um den Nachwuchs zu locken und den Ehrgeiz zu fördern, bieten wir jetzt einen Einrad-Führerschein an.“ 2007 erhielten die Hockey Tigers eine Auszeichnung des Kreisjugendrings Kelheim für besondere Leistungen in der außerschulischen Jugendarbeit.

Alles begann auf der Eurocycle 2000 in der Nähe von Frankfurt. „Meine Schwester und ich waren zum Zuschauen dort und wussten sofort, dass Einradhockey unser Sport ist“, erzählt Kröpfl. „Also suchten wir bei uns zuhause eine Handvoll Leute, die wie wir das Einradfahren bereits beherrschten, und begannen zu spielen. Damals war es in Bayern völlig unbekannt, obwohl es die Deutsche Einradhockey-Liga seit 1996 gibt.“ Sie lacht: „Wir galten zunächst eher als Zirkusnummer, hatten uns aber zum Ziel gesetzt, im Freistaat ein Ballungszentrum für diese Randsportart aufzubauen.“ Das ist zweifelsfrei gelungen, heute spielt der SV Schwaig immer noch Turniere und hält sich im Mittelfeld der Liga auf. Gespielt wird fünf gegen fünf mit jeweils einem Torwart, es gibt keine Altersklassen oder Trennung nach Geschlechtern. Das Spielfeld ist von einer Bande umgeben, ein Spiel dauert je nach Klasse zweimal zehn oder zweimal zwanzig Minuten. Körperkontakt ist untersagt, deswegen ist keine besondere Schutzausrüstung nötig. Meist wird mit Hockeyschlägern und einem alten Tennisball, der nicht mehr ganz so springfreudig ist, auf Eishockeytore geschossen.

Dabei ist Balancegefühl natürlich alles. „Wir empfehlen Einrad-Anfängern immer, sich zunächst mal im Türstock festzuhalten und den korrekten Sitz zu üben.“ Das Gewicht muss voll im Sattel liegen und weg von den Pedalen. Am leichtesten gelingt der Einstieg mit sechs bis sieben Jahren, sagt Kröpfl. „Da denken die Kinder noch nicht so viel nach, handeln instinktiver. Wer Talent und Ehrgeiz hat, schafft es in einer Woche, die ersten zehn Meter geradeaus zu fahren.“ Zum Hockey ist es da natürlich noch ein weiter Weg. Nach den Sommerferien können Anfänger mittwochs nach Voranmeldung zum Schnuppertraining kommen. „Unsere Halle wurde jetzt längere Zeit Flüchtlingen zur Verfügung gestellt, deswegen ist der Trainingsbetrieb etwas eingebrochen, aber wir werden versuchen, im Herbst wieder regelmäßiger zu spielen.“ Und was genau macht die Faszination an diesem Sport aus? Kröpfl muss nicht lange nachdenken: „Es ist was Exotisches und erfüllt einen mit Stolz, weil Einradfahren an sich schon nicht leicht ist. Dabei noch Tore zu schießen, fühlt sich super an. Ich persönlich mag auch den Teamgeist. Außerdem ist es rasant, aber nicht zu grob.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Weitere Panoramameldungen lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht