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Sonntag, 19. November 2017 7

Rechtschreibung

Rechtschreibpapst und Orthografiegenie

Konrad Duden ist durch sein Rechtschreibbuch allseits bekannt. In seine Fußstapfen ist ein Regensburger Postbeamter getreten.
Von Susanne Wolf

Diese Duden sind nicht nur die Lieblingslektüre von Christian Stang, sondern auch Teil seiner Arbeit. Foto: Julia Knorr

Regensburg.Im Vielberth-Gebäude der Universität Regensburg hat er sein Reich: der 42-jährige Christian Stang aus Regensburg. Er trägt den Beinamen „Rechtschreibpapst“. In seinem Büro häufen sich verschiedene Auflagen und Ausgaben des Dudens sowie Wörterbücher von anderen namhaften Verlagen; auch Recht-schreib-Wheels, Kartenspiele, Schreibtischunterlagen und viele weitere Dinge mehr haben hier ihren Platz gefunden. Stang braucht diese Rechtschreibhilfen jedoch nicht, um nachzuschlagen, wie Wörter korrekt geschrieben oder Satzzeichen richtig gesetzt werden, sondern diese Utensilien sind seine eigenen Publikationen. Denn er ist maßgeblich an der Entstehung und Neuauflage von Rechtschreibwerken beteiligt und wird tagtäglich von Studenten, Behörden, Institutionen und vielen mehr zurate gezogen, wenn diese nicht mehr weiterwissen, was die korrekte Schreibung oder Zeichensetzung betrifft.

Vom Postbeamten zum Orthografieberater und Autor

Der Träger des Regensburger Kulturförderpreises befasst sich seit vielen Jahren mit der Orthografie, also der Rechtschreibung. Seit mittlerweile sechs Jahren ist der Posthauptsekretär nun schon an die Universität abgeordnet, um am Zentrum für Sprache und Kommunikation als Orthografieberater tätig sein zu können.

Das Lesen von Wörterbüchern ist für Christian Stang ein Hobby. Foto: Wanner

Doch was genau macht ein Orthografieberater? Einfach gesagt: Er beschäftigt sich mit der Rechtschreibung und hilft anderen dabei, Wörter oder gar ganze Texte korrekt zu schreiben. Wenn man Stangs Tätigkeit weiter hinterfragt, antwortet er: „Ich beantworte täglich eine E-Mail-Flut an Rechtschreibfragen.“ Diese erreichen ihn nicht nur von Studenten, sondern auch von dem Dekanat, der Studentenkanzlei und dem Präsidium der Universität. Aber auch von vielen In-stitutionen deutschlandweit sind „Hilfegesuche“ dabei: „Der Stadt Regensburg helfe ich beispielsweise von Zeit zu Zeit bei der richtigen Schreibung von Straßennamen“, erklärt der Rechtschreibprofi.

„Die Möglichkeit, am neuen Rechtschreib-Duden mitzuwirken, war für mich das Höchste.“

Christian Stang

Neben „Rechtschreibpapst“ hat Stang noch weitere Beinamen: „Rechtschreibguru“, „Bücher schreibendes Orthografiegenie“ sowie „Herr Duden aus Regensburg“ ist immer wieder zu hören oder zu lesen, wenn es um den Regensburger geht. Letzteres Attribut bekommt seit Kurzem eine gravierendere Bedeutung als vorher, da Stang, der neben seiner Tätigkeit an der Uni auch noch freiberuflicher Lektor, Korrektor und Fachbuchautor ist, seinen bisher „größten und wichtigsten Auftrag“ an Land gezogen hat: „Ich habe nicht nur an mehreren Kapiteln des Regelteils mitgewirkt, sondern eine eigene Beilage dafür schreiben dürfen“, erzählt er sichtlich gerührt. „Die Möglichkeit, am neuen Rechtschreib-Duden mitzuwirken, war für mich das Höchste.“

Viele Arbeitsstunden und blank liegende Nerven für neuen Duden

Und mitten auf seinem Schreibtisch liegt er nun, der neue Duden, der am 9. August in der mittlerweile 27. Auflage erschienen ist. Doch hinter dem allseits bekannten Werk – dem übrigens ein neues Layout verpasst wurde – steckt natürlich auch viel Arbeit. Denn man kann nicht Rechtschreibregeln an den Mann bringen, wenn diese nicht korrekt sind. Daher haben die Autoren unzählige Arbeitsstunden in die Neuauflage gesteckt. „Es gab eine Phase, da war ich nicht mehr ansprechbar, weil ich so konzentriert war“, berichtet Stang. „Denn ich dachte mir: Du bist der Letzte, der eine bestimmte Seite im Rechtschreib-Duden durchschaut. Wenn du einen Fehler übersiehst, ist er verdorben“, beschreibt er den großen Druck, der während der Überarbeitungsphase auf ihm lastete.

Eine Büste zum Gedenken an Konrad Duden, dem Vorbild von Christian Stang. Foto: dpa

Heute, kurz nach der Veröffentlichung, ist er stolz darauf, dass er neben der Mitarbeit am Duden auch eine Beilage für das Standardwerk schreiben durfte. In dem Booklet „Deutsche Rechtschreibung in Kürze“ hat er sich im ersten Abschnitt „111 Wörtern gewidmet, die ständig falsch geschrieben werden“. Das geht von „Adresse“ über „Chrysantheme“, „Karussell“ und „Lappalie“ bis hin zu „Zucchini“. Außerdem hat der Fachbuchautor die wichtigsten Regeln und Zweifelsfälle der deutschen Rechtschreibung zusammengefasst – prägnant und für jedermann verständlich.

Bei der weiteren Mitarbeit an der Duden-Neuauflage waren Stangs Kenntnisse aus seinem eigentlichen Beruf als Posthauptsekretär gefragt: Im Regelteil, der vor dem Wörterverzeichnis steht, war er als Bearbeiter für die Themen „Textverarbeitung und E-Mails“ sowie „Gestaltung von Geschäftsbriefen“ verantwortlich. „Ich habe es bei der Überarbeitung toll gefunden, dass ich alles zum Einsatz bringen konnte, was ich bisher gemacht habe“, sagt Stang. In dem Kapitel geht es beispielsweise um Postanschriften. „Da war klar, wenn man von Haus aus Postler ist, dass man dann auf Sachen kommt, die man eben als Sprachwissenschaftler nicht so detailliert wissen kann.“

Den Verantwortlichen im Verlag war bekannt, dass ich mich auch intensiv mit dem Thema Mikrotypografie befasse.“

Christian Stang

So konnte er sein postalisches Wissen, das er während seiner Ausbildung vermittelt bekommen hat, bei seinem neuesten Auftrag anwenden. Auch seine Mitarbeit im DIN-Normenausschuss für Textverarbeitung kam bei der Duden-Überarbeitung zum Einsatz. „Hier habe ich meine Erfahrungen aus dem Normenausschuss miteinfließen lassen.“ Zudem konnte er seine Mitwirkung im Bund für deutsche Schrift und Sprache einbringen. Bei dieser Sprachvereinigung, die sich für den Erhalt der deutschen Schrift und Sprache einsetzt, war Stang bereits im Alter von 16 Jahren Vorstandsmitglied. „Den Verantwortlichen im Verlag war bekannt, dass ich mich auch intensiv mit dem Thema Mikrotypografie befasse. Bei einer Publikation ging es um die Frage, wie man die Neuregelung von ‚ss‘ und ‚ß‘ in Frakturschrift umsetzen kann.“ Die Mikrotypografie beschreibt die Schrift und ihre Anwendung. Also: Welche Abstände werden verwendet? Oder: Wie breit sind die Abstände zwischen den Wörtern und Zeilen?

Sprachwissenschaftler unter sich: „Da wird bis ins kleinste Detail diskutiert.“

Doch wie kann man sich eigentlich die Arbeit von mehreren Sprachwissenschaftlern vorstellen, die miteinander allgemeine Rechtschreibregeln bis ins kleinste Detail besprechen? „Ich glaube, wir haben über jede Zeile diskutiert“, verrät Stang schmunzelnd. „Eben weil man weiß, dass der Duden das Regelwerk ist, das jeder benutzt.“ Denn kaum jemand verwendet und kennt das amtliche Regelwerk – der Duden gilt eben seit Jahrzehnten schlichtweg als Standardwerk für die deutsche Rechtschreibung. „Inhaltlich gesehen war ich beispielsweise dafür, dass man keine Fernsehserien nennt, die es schon lange nicht mehr gibt und die kaum jemand noch kennt.“ Daher habe er als Beispiel „Bares für Rares“ vorgeschlagen, was er als seine Lieblingssendung bezeichnet. Dass der „Rechtschreibpapst“, der Träger der Bundesverdienstmedaille ist, auf seine Heimat stolz ist, zeigt sich in seiner nächsten Aussage: „Beim Kapitel zur Gestaltung von Geschäftsbriefen habe ich meine Geburtsstadt Regensburg mit ins Spiel gebracht. Dafür habe ich Kontakt mit dem Amtsgericht aufgenommen und dann ein Beispiel mit dem Regensburger Amtsgericht in den Duden gepackt.“

In Buchstaben und Worten findet Christian Stang seine Faszination. Foto: dpa

Nun mag man sich fragen, was ein Mensch so toll an der Orthografie findet. Der Großteil ist wohl genervt von der Rechtschreibung und den damit einhergehenden Regeln. Fast jeder hat mit irgendwelchen Tücken der deutschen Sprache zu kämpfen – sei es die Kommasetzung, die Groß- und Kleinschreibung oder die Schreibweise eines Wortes. „Das größte Problem, das die Leute haben, die mir E-Mails schreiben, ist zweifelsohne die Kommasetzung – vor allem bei Infinitivgruppen und Partizipkonstruktionen. Da gibt es viele Kann- und Mussregeln, womit sehr viele Menschen ins Schleudern geraten“, berichtet der Experte aus seiner Erfahrung.

Auch die Redewendung „Deutsche Sprache, schwere Sprache“ mag den meisten Menschen geläufig sein. Denn jeder kennt die Situation, dass man hilfesuchend den Duden – ob analog oder digital – zurate zieht, wenn man nicht weiß, wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird. Doch auch wenn die deutsche Sprache ihre Tücken hat und manche Rechtschreibregeln dem ein oder anderen nicht schlüssig sein mögen: Deutsch ist gar nicht so schwer und kann sogar Spaß machen. Um fit in der eigenen Muttersprache zu werden, muss man nicht ein ganzes Wörterbuch wälzen – nein, die Grundlagen und am häufigsten auftretenden Fehler können mittels kreativer Rechtschreibutensilien erlernt werden. Hier kommt erneut Christian Stang ins Spiel: Ihm ist es wichtig, „das Grundlagenwissen locker und würzig darzustellen“.

Schreibtischauflagen, Rechtschreib-Wheels, mit Karikaturen illustrierte Bücher, Kartenspiele wie „Wo hat der Rauhaardackel sein h gelassen?“, die wichtigsten Rechtschreibregeln und eine Prise Humor: Das sind die Zutaten, um jedermann die deutsche Sprache verständlich und auf simple Weise näherzubringen. Neu ist beispielsweise auch Langenscheidts „Go Smart: Deutsche Rechtschreibung“: Darin hat der Rechtschreibprofi wiederum die wichtigsten Orthografieregeln verpackt – passend im Smartphone-Format. Auch beim Langenscheidt-Verlag ist am 9. August ein neues Buch von Stang erschienen: In „Auch kleine Flöhe schreibt man groß!“ befasst er sich mit der deutschen Rechtschreibung und bringt sie dem Leser anhand von Quizfragen getreu dem Motto „Erst quizzen, dann wissen“ näher.

„Ich finde Sprache schon immer spannend. Warum, kann ich nicht genau sagen.“

Christian Stang

Und was macht Christian Stang, wenn er nicht gerade Kommas setzt oder das stumme „h“ richtig platziert? Welche Hobbys machen ihm in der Freizeit Spaß? Klingt komisch, aber: „Wörterbücher lesen“, verrät Stang schmunzelnd. Denn für ihn ist seine Tätigkeit nicht irgendein Job, mit dem er sich seinen Lebensunterhalt verdient – Stang hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Schon in seiner Schulzeit hat der Regensburger Lexika und Rechtschreibbücher gewälzt. In die Wiege gelegt war ihm das nicht unbedingt. „Mein Vater war Maschinenbauer, meine Mutter Apothekenhelferin“, klärt Stang auf. „Ich finde Sprache schon immer spannend. Warum, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht deshalb, weil es etwas Alltägliches ist und man die Sprache einfach immer braucht. Das Reizvolle daran ist, dass sie uns ständig umgibt“, versucht er, seine Passion zu erklären.

Freche Kontaktaufnahme zu Verlag: Mit 16 findet Stang Fehler in Rechtschreibbuch

Den ersten Kontakt zu einem Verlag hatte er mit 16 Jahren: In einem Rechtschreibbuch hat Stang zahlreiche Rechtschreibfehler gefunden. Kurzum hat er dem Verlag seine Korrekturen mitgeteilt – diese wurden bereits kurze Zeit später in die Neuauflage eingearbeitet. Darüber hinaus war der Verlag so von seinen Rechtschreibkenntnissen beeindruckt, dass man dem Teenager eine Publikation angeboten hat. Das Resultat: Im Alter von 19 Jahren hat Christian Stang sein Erstlingswerk „Zeichensetzung – kurz und bündig“ zum Gebrauch von Punkt, Komma und Strich veröffentlicht. Seitdem hat der „Rechtschreibpapst“ nicht nur an vielen Überarbeitungen von Rechtschreibbüchern mitgewirkt, sondern auch selbst schon viele Ratgeber publiziert. Und kein Ende ist in Sicht: Noch für dieses Jahr sind zwei weitere Publikationen geplant. „Ich habe heuer fünf Buchprojekte gemacht. Zeitweise bin ich wirklich an meine Grenzen gekommen“, gesteht er. Denn die Nachfrage nach seinem Fachwissen ist mittlerweile immens: Verschiedene Fachverlage ziehen den „Rechtschreibpapst“ zusätzlich zu seinem Job als Orthografieberater zurate. Doch Christian Stang hat nach wie vor Spaß an seinem Tun. Besonders freut er sich über den „Ritterschlag“ von „Zwiebelfisch“-Autor Bastian Sick, der durch die Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bekannt wurde, da er den Regensburger kürzlich in einem Interview ins Gespräch gebracht hat.

Christian Stangs Reich: Das Vielberth-Gebäude Foto: altrofoto.de

Nicht zu Unrecht trägt Christian Stang also den Beinamen „Herr Duden aus Regensburg“. Wer kann schon von sich behaupten, sowohl am neuen Duden mitgewirkt zu haben als auch tagtäglich von einer Vielzahl an Personen und Institutionen bezüglich der Rechtschreibung um Hilfe gebeten zu werden? Christian Stang kann das, macht es aber nicht. Er ist ein bescheidener und bodenständiger Mensch geblieben, der einfach Spaß an der Rechtschreibung hat – „Auch wenn viele in meinem Freundes- und Familienkreis das nicht verstehen“, gesteht er schmunzelnd. Ihm liegt eines sehr am Herzen: „Ich möchte einfach Begeisterung und mehr Bewusstsein für die deutsche Sprache wecken.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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