mz_logo

Panorama
Samstag, 19. August 2017 22° 6

nr. sieben

Slumdog Lebenskünstler in Indien

In Mumbais Slum Dharavi spielt „Slumdog Millionär“. Die Bewohner finden, so arm, dreckig, kriminell ist es hier gar nicht.
Von Julia Jaroschewski

  • Dharavi, Mumbais größter Slum, hat ein mieses Image. Doch in der Riesensiedlung gibt es Chancen. Foto: Jaroschewski
  • Ansuja und ihre Freunde lernen im „Slum Innovation Project“ Sprachen und Programmieren. Sie haben eine Notruf-App für Frauen entwickelt. Foto: Jaroschewski

Mumbai.Durch Dharavi zu laufen, bedeutet volle Aufmerksamkeit. Aus schmalen Rohren quellendes Wasser mischt sich mit Erde und Dreck und macht den Boden glitschig. Links und rechts schnaufen Maschinen und ackern Menschen. Manche Räume sind so dunkel, dass die Arbeit drinnen erst sichtbar wird, wenn Stimmen und Gerüche nach außen dringen. In einigen Hütten rattern Nähmaschinen, zwischen riesigen Haufen aus Stoffresten sitzen junge Männer und wenden Tücher in Akkord, in anderen stehen Menschen an Maschinen, die Plastik zerhacken.

Durch enge Gassen laufen schmächtige Männer mit riesigen Säcken auf Kopf und Rücken, fast dreimal so groß wie sie selbst. Sie tragen Müll, Plastik oder Papier oder Eisenreste, vorsortiert, zu den Hackmaschinen der Fabriken. Der beißende Geruch von brennendem Plastik bleibt in den Gassen stickig stecken.

Wer in Dharavi lebt, muss es sich mittlerweile leisten können

Dharavi ist ein Ort, an dem es alles gibt und doch vom Wichtigsten zu wenig: Inmitten der indischen Megacity Mumbai liegt einer der größten Slums Asiens. Eine Million Menschen leben in fragilen Hütten, die zum Teil aus Wellblech, Pappe und Folien zusammengeflickt sind. Auf zweieinhalb Quadratkilometern Fläche sammeln sich im Zentrum der teuersten Stadt Indiens Menschen, die im Kontrast zu Bankern und Unternehmern stehen, die die Welt um sie herum bestimmen. Dharavi ist ein Ort, an dem viele Menschen hart arbeiten, um ihre Familie durchzubringen. In dem es entlang der improvisierten Straßen Banken gibt, Schulen, Bäckereien und Läden aller Art. In dem die Preise für wackelige Hütten wegen der Lage extrem gestiegen sind. Wer hier lebt, der muss es sich mittlerweile leisten können.

Ich erhalte Mails von Menschen außerhalb Dharavis, die interessiert sind und herkommen wollen – und mich dann doch fragen, ob ich ihnen nicht lieber Fotos schicken könnte.

Kruti Saraiya, Grafikdesignerin aus Dharavi

Dennoch haftet an den Bewohnern Dharavis das Stigma „Slum“. „Ich erhalte Mails von Menschen außerhalb Dharavis, die interessiert sind und herkommen wollen – und mich dann doch fragen, ob ich ihnen nicht lieber Fotos schicken könnte“, sagt Kruti Saraiya. Die indische Grafikdesignerin steht inmitten eines sonnigen Hofes, hinter ihr heruntergekommene Hochhäuser, links zweistöckige Steinhäuser und eine große Moschee. Saraiya ist Teil des Teams, das hinter dem „Dharavi Design Museum“ steckt.

Dutzende Kinder wirbeln über die blaue Plane auf dem sandigen Boden. Dahinter weit aufgeklappt: ein typischer Transport-Wagen mit vier großen Eisenrädern. Arbeiter schieben normalerweise Essen oder Waren darin. Anders als auf den Straßenmärkten sind die Wände hier bemalt und oben klebt ein Schild: „MUSEUM“. Der Wagen dient als mobiles Ausstellungsstück, als Minimuseum auf Rädern, drei Quadratmeter groß. Darin hängen Taschen, liegen Gürtel und Geldbörsen gefertigt aus LKW-Planen. Sie könnten auch auf einem Designermarkt in Berlin präsentiert werden.

Ein fahrbares Museum für soziale Impulse

Anfang 2016 entstand die Idee, dem lokalen Handwerk mit der fahrbaren Ausstellung eine Bühne zu bieten – und so Kultur made in Dharavi auch in der Siedlung selbst aufzuwerten. Ein Bruch mit dem traditionellen Kulturverständnis: „Museen sind die kulturellen Tempel des 21. Jahrhunderts, aber sie gelten auch als Symbole von Macht und Autorität“, sagen die Gründer des Projekts, Jorge Mañes Rubio und Amanda Pinatih Gorge, die meistens in Europa leben und zurzeit in Amsterdam ausstellen. „Mit dem Design Museum Dharavi wollten wir ein Museum entwerfen, das Wände überflüssig macht, vielfältig ist und interessante soziale Impulse gibt.“ Das Museum auf Rädern sollte für die Bewohner von Dharavi ein kreativer Freiraum sein, eine Möglichkeit, ihre Talente zu entdecken.

„Dharavi war immer eine Produktionsstätte“, sagt Saraiya. Die Bewohner sehen sich als Arbeiter, nicht als Künstler. Sie seien pragmatisch. „Wenn du ihnen sagst, ich hätte gern ein bestimmtes Teil, fertigen sie dir das, unabhängig vom Produkt, vom Zweck oder vom Prozess.“ Solange Kundenwünsche existieren, Geld verdient werden kann, wird geschuftet. Das Kopieren große Markennamen gehört zum Standardgeschäft. Wagenladungen gefälschter Taschen von Gucci und Prada werden auf den Straßen Dharavis angeboten. Doch nicht alles ist Fake. Dharavis Gerbereien sind bekannt. Wohlhabende Mumbaiker, so heißen die Bewohner Mumbais, trauen sich für ein paar günstige Gürtel oder Ledertaschen schon einmal in die großen Hauptachsen Dharavis, in denen sich zahlreiche Leder-Geschäfte aneinanderreihen.

Unikate statt Duplikate: „Macht doch mal etwas eigenes.!

„Die Arbeiter in Dharavi sind wenig kreativ, obwohl sie doch in ihrem Alltag permanent improvisieren“, findet Kruti Saraiya, die sechs Monate lang in Dharavi gearbeitet hat. „Wir haben die Arbeiter herausgefordert, und gesagt: Macht doch mal etwas eigenes.“ Das Team legte den lokalen Handwerkern LKW-Planen vor, ein Gegenstand, mit dem Menschen in Dharavi täglich zu tun haben. Wenn der Monsun über Mumbai hinwegzieht, bleibt es selten trocken in den Hütten. Der tagelange Regen zieht in die Wände, durch Pappe, Blech und Stein, die stehende Kanalisation steigt weiter nach oben. Die Menschen benutzen Planen, um sich zu schützen. „Die Teilnehmer fanden das Material zunächst zu billig, doch irgendwann haben sie sich überwunden“, so Saraiya.

Die Produkte, die so entstanden sind, sind modische Unikate. Designobjekte statt Massenware. Kinder setzen sich die Mütze auf, Männer probieren die Gürtel, die Schachteln fallen auf den Boden. Dass die Leute alles anfassen, zählt zum Konzept. „Wir wollten sehen, was passiert, wenn wir das Museum raus aus diesem weißen Kasten nehmen, indem wir sonst Museen definieren“, erklärt Saraiya. „Was passiert, wenn wir ein Museum dorthin stellen, wo Menschen nicht einmal wissen, was Museum heißt?“

Wir wollten sehen, was passiert, wenn wir das Museum raus aus diesem weißen Kasten nehmen, indem wir sonst Museen definieren.

Kruti Sraiya

Bisher sahen sich die Bewohner von Dharavi eher als Überlebenskünstler statt als Künstler. Der Oscar-prämierte Film „Slumdog Millionär“ brachte Dharavi Bekanntheit. Im Film gewinnt ein Junge aus Dharavi bei einer Glücksshow den Hauptpreis – 20 Millionen Rupees – mit einem Wissen, das er nicht in der Schule gelernt, sondern im Laufe seines Lebens erfahren hat. Im Film sehen den Jungen viele als Betrüger, niemand will glauben, dass ein armer Junge aus einem Slum so viel Wissen anhäufen kann, dass er sogar die kniffligsten Fragen richtig beantwortet. Trotz seines Erfolgs sehen viele Bewohner Dharavis den Film kritisch: zu arm, zu dreckig, zu kriminell wurde ihnen Dharavi präsentiert.

Wer in Dharavi war, kann zumindest ein bisschen nachvollziehen, was Leben in diesem Viertel bedeutet. Dharavi ist vielschichtig, so komplex wie Indien selbst. Hier prallen Bedürfnisse aller Art auf verschiedene Religionen, auf unterschiedliche Kasten, unterschiedliche Herkunft und Sprachen. Viele der Kinder gehen nicht zur Schule, weil sie der Familie beim Geldverdienen helfen, Mädchen werden noch immer früh verheiratet. Häusliche Gewalt ist ein großes Problem.

Grob betrachtet besteht Dharavi aus zwei Teilen: dem Produktionsteil, wo täglich Tausende Menschen In Recyclingfabriken, Nähereien und Gerbereien ackern, und der Wohngegend. Wo es weniger lärmt und nach Plastik und Lacken stinkt, gibt es andere Probleme, etwa die Versorgung mit Wasser und Strom. Nur wenige Bewohner besitzen eine eigene Toilette. Wer morgens pünktlich zur Arbeit kommen möchte, muss sich früh an den öffentlichen Toilettenhäuschen anstellen. Wie so oft leiden Frauen besonders unter den schwierigen Sanitärbedingungen. Abends sind es die Mädchen, die die Wasserkanister auffüllen gehen. Nachts vermeiden es Frauen, die Toilette zu benutzen, damit sie nicht herumlungernden Männern begegnen.

Kunstbiennale mit Werken aus dem Slum

In der „Colorbox“, einem zweistöckigen Häuschen auf einer der beschäftigten Hauptstraßen Dharavis, setzt sich die NGO Sneha für die Frauen ein. Indien ist noch immer ein patriarchales Land. Die Schuld an Vergewaltigungen wird oftmals Frauen zugeschoben, weil sie sich nicht ordentlich gekleidet hätten oder allein auf der Straße waren. In den Räumen hängen Bilder von gestickten Köpfen an den Wänden, sie erklären bildhaft psychische Krankheiten. Eine gigantische Plastik aus Medikamentenflaschen zeigt eine schwangere Frau. Sie soll vor Nebenwirkungen von Medikamenten bei Mutter und Kind warnen. Eine halb zerstörte Figur aus Tabakpäckchen hängt von der Decke und zeigt, was Nikotin im Körper anrichtet.

Staub hat sich auf die Ausstellungsstücke gelegt, doch Mitarbeiter Age Khan weiß zu jedem etwas zu erzählen. Zwei Jahre lang gab es eine Dharavi Biennale – mit Werken aus dem Slum. Die Kunst sollte die Bewohner auf eine andere Art erreichen. Jetzt finden in den Räumen überwiegend Workshops mit Frauen statt, über Sexualität, Hygiene, Gewalt. „Auch über sexuellen Missbrauch reden wir“, sagt Age Khan. Eigentlich ist der 23-Jährige aber lieber im Park unterwegs, er fährt Skateboard, BMX und hat seine eigene Sport-Gruppe, die sich täglich trifft und abhängt. Nicht in Dharavi, sondern weiter nördlich in Mumbai, denn für seine Kumpels – die HipHopper, Skater und Beatboxer – gibt es im Slum selbst kaum Platz mehr.

Dharavi darf nicht mehr wachsen. Eigentlich sollen keine neuen Bewohner mehr kommen, doch ziehen immer wieder Menschen unbemerkt nach. Wer einen legalen Nachweis besitzt, aus Dharavi zu stammen, darf bleiben und muss Strom zahlen. Wer nicht, wird rausgeworfen.

Mumbai platzt aus allen Nähten

Baulöwen haben schon lange großes Interesse an diesem Filetstück. Mumbai platzt aus allen Nähten. Mit 20 Millionen Einwohnern ist jeder Tag eine Herausforderung. Um Dharavi herum liegen Viertel mit schicken Wohnungen, großen Finanztürmen und Hochhäusern. Überall wird gebaut. Gerne würden Investoren Townhouses statt eines pulsierenden Slums inmitten der Stadt sehen, Dharavi platt machen und die Menschen umsiedeln.

Doch für die Bewohner gibt es keine Wohngegend, die sie sich leisten können und die eine ähnliche Lage hat. Sie müssten in Sozialbauten ziehen, deren Unterkünfte oft noch kleiner wären als die selbstgebauten Hütten. Sie hätten zwar eine Toilette im Haus, sogar einen Fahrstuhl, aber für solchen Luxus müssten sie auch mehr zahlen. Und wie soll man in einer Wohnung Müll sortieren oder Leder gerben? Gegen die Umbaupläne formiert sich Widerstand. Doch wie lange die Bewohner dem Abriss standhalten können, ist ungewiss. Einige Häuser werden trotzdem zerstört, etwa dort, wo die U-Bahn ausgebaut wird, am nördlichen Ende von Dharavi.

Das Haus der 15-jährigen Ansuja ist abgebrannt. Damit haben sie und ihre Freunde auch den Ort verloren, an dem sie an ihrem Projekt gearbeitet hatten. Seit zwei Jahren lernen die Jugendlichen in dem „Slum Innovation Project“ mit Computern Sprachen, vertiefen Schulwissen oder lernen Programmieren. Die digitalen Projekte sollen ihnen eine andere Zukunft ermöglichen. In ihrer Familie ist Ansuja die Erste, die eine höhere Schule besucht, die studieren möchte und sich auch nicht mehr alles gefallen lässt, sich nicht mit der traditionellen Frauenrolle zufriedengeben will.

Leben in Dharavi ist immer auch ein Leben durch Improvisieren

Die meisten Teams entwickeln nur Prototypen, doch Ansujas Team hat eine App erfunden, die umgesetzt wurde: „Women fight back“ heißt sie und soll Frauen helfen, sich sicherer zu bewegen. Mit GPS, Notrufsystem und einem lauten Signalton versehen sind selbst Frauen, die nicht lesen oder schreiben können, in der Lage, die App zu nutzen. Ansujas Familie hat sie vielen anderen aus der Nachbarschaft installiert. Doch wenn die Häuser abgerissen werden, in dem jetzt der neue Computerraum liegt, steht das Projekt wieder auf der Kippe. Dann müssen Ansuja und ihre Freunde neu improvisieren. Und das ist eigentlich wie immer in Dharavi.

Hier geht es zu weiteren Geschichten aus dem Wochenend-Magazin „nr. sieben“.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht