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Panorama
Sonntag, 20. August 2017 23° 2

Interview

„Spießer sind die, die mitlaufen“

Schauspielerin, Moderatorin und Komikerin Annette Frier über Spießer, Improvisationen und langweilige Tischgespräche.
Von Angela Sonntag

Annette Frier bei der Verleihung der 52. Goldenen Kamera in Hamburg. Foto: dpa

München.Mit einem offenen und sehr freundlichen Lächeln begrüßt mich Annette Frier zu unserem Interview. Wir treffen uns im „Gast“, das Café direkt am Kulturzentrum Gasteig während des Filmfests in München. Wir sitzen bei Sonnenschein draußen, eigentlich in einer Nische, und doch gehen immer wieder die Blicke der anderen Gäste in Richtung unseres Tisches, weil die Schauspielerin erkannt wird. Neben dem Café ist schon der rote Teppich bereit für die Premiere von Friers neuem Film „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“. Der Film wird am Abend auf dem Filmfest vorgestellt, zu uns in die Kinos kommt er kommenden Donnerstag, 10. August. Nach der Begrüßung sind wir schon am Plaudern und recht schnell im Interview. Nur, dass es diesmal anders beginnt als eigentlich üblich, denn Annette Frier stellt mir die erste Frage: „Und, haben Sie den Film schon gesehen?“....

Ja, ich durfte den Film schon sehen.
Dann kennen Sie schon mehr als ich. Ich sehe den Film erst heute Abend bei der Premiere. Bis jetzt kenne ich nur einen Rohschnitt.

Schauen Sie sich Ihre Filme immer an?
Na klar, das wäre ja noch schöner. Monatelange Arbeit und sich dann ums Ergebnis drücken...

Es gibt ja viele Schauspieler, die sich selbst nicht auf der Leinwand sehen können, also das sagen sie zumindest ...
Leider gehöre ich da nicht dazu. Ich wäre auch gern so bescheiden. (schmunzelt). Ist aber nicht mein Ding. Selbst, wenn ein Film nicht so gut geworden ist wie erhofft, sollte man ihn gesehen haben. Umso schöner, wenn man mit der Arbeit zufrieden ist.

Inwiefern schauen Sie sich Ihre Filme dann selbstreflexiv und selbstkritisch an? Merken Sie sich beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen, wenn Sie eine Rolle mit ähnlichen Zügen wieder spielen müssen, oder denken Sie sich vielleicht: Das muss ich beim nächsten Mal ändern? Anders ausgedrückt: Arbeiten Sie mit Ihrer eigenen Arbeit?
Ja klar! Ich muss doch sehen, was hat funktioniert, was nicht. Von was habe ich geglaubt, dass es funktioniert, das war aber gar nicht so. Ich möchte schon auch immer einen Schritt weiterkommen. Das wäre ja, wie wenn ein Arzt einen Patienten operiert und sich dann später nicht erkundigt, ob er gesund ist.

Im Film „Lucky Loser“ spielen Sie Claudia, eine verheiratete Frau, die in der Vorstadtsiedlung wohnt, eigenes Haus, weißer Lattenzaun, Leinensofa, Sushi und Klassik-Musik zum Abendessen. Ist das für Sie ein erstrebenswerter Lebensstandard oder eher der Horror, nach dem Motto: So will ich niemals leben?
Also, das kann ich gar nicht pauschalieren. Klassische Musik ist ja schon mal grundsätzlich was Schönes. Genauso wie ein Zuhause zu haben. Aber ob und wie ein Haus dann auf dein Leben wirkt, ist immer unterschiedlich. Wenn du mich mit den richtigen Leuten zusammensteckst, kann ich in einer 30-Quadratmeter-Wohnung glücklich sein oder in einer Villa. Ich wohne schon gerne schön, aber viel wichtiger ist mir, mit wem ich da bin. Das ist ja auch so in dem Film zu sehen. Diese Frau baut sich etwas auf, was sehr viel Status nach außen hin trägt – das haben wir natürlich überzeichnet. Ich kann das trotzdem durchaus ein wenig nachvollziehen. Mit 30, 40 haben viele von uns den Impuls, bürgerlich zu werden. Wir bekommen Kinder und dann ist es ein natürlicher Impuls, sie zu beschützen. Für diese Kinder wollen wir auch ein wohlbehütetes Umfeld. Im Film hat Claudia ihre Tochter mit einem, na ja, Chaoten bekommen und sehnt sich dann nach Ordnung, auch für ihr Kind. Sie will einen Mann, der funktioniert und mit dem es funktioniert. Deshalb wählt sie die spießigere Variante. Diesen Impuls kann ich nachvollziehen. Ich selbst führe zur Zeit ein recht bürgerliches Leben. Na und? Wenn die Kinder groß sind, kann sich das ja auch wieder ändern. Außerdem lebe ich mit einem freischaffenden Künstler zusammen, ganz so spießig kann es bei uns also nicht sein.

Sie haben es erwähnt, Claudia ist sehr spießig. Was macht für Sie Spießigkeit aus?
Die Gartenzwerg-Spießer gibt’s für mich nicht mehr. Spießer sind eher die ganz Verkappten. Spießer sind die, die mitlaufen – in allen möglichen Zusammenhängen. Spießer sind die, die auf Meinungen beharren, ohne sich ihr Gegenüber anzuhören. Ich glaube, für mich sind Spießer diejenigen, die schon eine fertige Meinung haben. Obwohl sie noch nicht mal einen Raum betreten haben, wissen sie schon, wie es dort drin aussieht. Am Ende des Tages ist für mich ein Spießer, der sich nicht mehr überraschen lässt. Ich kenne beispielsweise ganz verrückte Künstler, die sind die größten Spießer, die mir jemals untergekommen sind. Spießigkeit hat viel mehr mit einer inneren Haltung zu tun als mit Äußerlichkeiten wie Haus, Gartenzaun et cetera.

„Lucky Loser“ ist nicht nur spießig, sondern eine Komödie. Es gibt eine Szene, da muss Mike seine Ex-Freundin Claudia zum Lachen bringen...
... die Szene ist toll, oder? (lacht)

... bei mir hat’s funktioniert, ich musste lachen. Aber wie ist es bei Ihnen? Wie kann man Sie spontan zum Lachen bringen?
Peter Trabner, der Mike spielt, der kann mich spontan zum Lachen bringen. Die Szene ist also nicht umsonst im Film. Peter hat so eine Komik an und in sich, das wirkt bei mir sofort wie Schnaps. Er ist einer der lustigsten Schauspieler, den ich kenne.

Wie oft mussten Sie diese Szene, in der er vor Ihnen tanzt, oder es zumindest versucht, drehen?
Wir haben das realistisch gedreht. Ich sollte so lange wie möglich nicht lachen und das habe ich versucht. Wirklich gelungen ist das nicht. Eigentlich habe ich viel zu oft gelacht.

Der Regisseur des Films, Nico Sommer, ist bekannt dafür, dass er sehr viel improvisieren lässt. Was ist Ihnen lieber, ein ausformuliertes Drehbuch oder freie Entfaltung bei der Darstellung Ihrer Rolle?
Vermutlich wird Ihnen jeder Schauspieler, der eine ehrliche Antwort gibt, sagen: Am allerliebsten arbeite ich mit einem perfekten Drehbuch. Das schafft einfach Sicherheit. Die Improvisation kann ganz tolle Momente entfalten, die überraschend sind. Aber, um diese Überraschungen zu erleben, nimmt man in Kauf, dass der größte Teil der Aufnahmen für die Tonne gefilmt wird. Übrigens ist hier ein guter Cutter wichtiger denn je. Ich habe im Fernsehen 70 Folgen „Schillerstraße“ gemacht. Das war quasi Live-Improvisation. Ich glaube, ich weiß also ungefähr, wovon ich da rede. Man muss sich damit anfreunden, dass man scheitert. Nichtsdestotrotz ist es ein geiles Feld. Dieser Film hat gerade deswegen so Spaß gemacht. Wir hatten Text und Drehbuch, aber zwischendrin eben viele Impro-Stellen.

Sie haben sehr viel in Comedy-Shows, in Comedy-Serien, in Komödien im Fernsehen und im Kino mitgespielt. Verändert sich der eigene Humor, wenn man tagtäglich damit arbeiten muss?
Sagen wir mal so, es entwickelt sich auch dort eine gewisse Routine. Es ist wie ein Vokabular. Darin kennt man sich mit der Zeit ganz gut aus. Wenn du an verschiedene Orte gehst, haben die Leute eine verschiedene Art, Witze zu machen. So wie die Spanier eine andere Humorfärbung als die Deutschen haben, so gibt es in einer Bank andere Witze als in einer Klinik und die wiederum unterscheiden sich komplett von der Tonalität am Filmset. Mit dem Branchen-internen Humor bin ich also ganz gut vertraut, zuweilen geht er mir auch auf den Senkel. Zusammengefasst bin ich aber heilfroh, dass ich in einer Branche arbeite, in der man nicht alles ganz ernst nehmen muss. Und, dass wir uns diese Leichtigkeit auch erlauben dürfen und müssen. Zurück zu Ihrer Frage: mein Humor? Ich habe keinen, von dem ich wüsste... ja, ja, ich weiß: „Men-in-Black“-Zitat...

Wie ist es dann im privaten Bereich? Werden Sie von Freunden und Bekannten immer als die Komödiantin gesehen?
Es geht. Vielleicht ein bisschen, gibt ja auch Schlimmeres. Was ich zum Beispiel überhaupt nicht kann, ist Small Talk. Entweder ich unterhalte mich. Wenn wir beide jetzt ein gutes Thema haben, dann können wir das gerne über mehrere Stunden abhandeln, gerne auch ohne Witz. Wenn wir aber jetzt Quatsch machen wollen – ebenfalls sehr gerne! –, dann aber bitte auch richtig. Mit anderen Worten: Stundenlange Gespräche über Wetter und Wein ermüden mich. Manchmal hat man halt leider Pech und sitzt an so einem Tisch mit nicht enden wollenden Phrasen und denkt sich nur: Wie konnte das denn passieren, als ich um halb elf auf die Uhr schaute, war es Viertel nach acht. (lacht)

Ihr Film „Lucky Loser“ greift aber noch ein anderes Thema auf, und zwar Patchworkfamilien. Was meinen Sie, was das Geheimnis einer gut funktionierenden Patchworkfamilie ist?
Ich selbst lebe ja nicht in einer Patchworkfamilie, wir sind wie gesagt eher spießig aufgestellt (lacht), aber ich glaube, es gibt auch dort Regeln wie allgemein im Leben: Eigene Freiheit ist auch immer die Freiheit des anderen. Das muss man respektieren. Ich denke, es ist naturgegeben, dass man mit seinem eigenen Fleisch und Blut anders verbunden ist. Aber das ist wahrscheinlich die Herausforderung und dann auch die besondere Leistung, wenn man alles unter einen Hut bekommt. Und diejenigen, die das schaffen, sind zu bewundern, denn sie haben auch einiges allgemein fürs Leben gelernt. Da zeigt sich dann vermutlich wahre Größe.

Ihre Tochter im Film ist 15 Jahre, wird 16 – also die Zeit der Pubertät. Ihre Kinder sind noch jünger...

... Ja, meine Kinder sind neun Jahre.

Haben Sie Angst oder Respekt vor der Zeit, wenn sie in die Pubertät kommen?
Respekt habe ich immer. Vor allen neuen Dingen, die man zum erstem Mal macht, habe ich Respekt. Schön wäre, man hätte eine unverhoffte Begabung dafür. Ich bezweifle allerdings, dass ich eine begabte Mutter für pubertierende Kinder bin. Angst habe ich trotzdem nicht. Ich finde die Vorstellung absurd, vor meinen eigenen Kindern Angst zu haben. Ich sehe aber auch in intakten Familien, dass in der Pubertät wirklich alles möglich ist, was man vorher für undenkbar hielt. Wissen Sie was? Fragen Sie mich einfach nochmal in zehn Jahren, dann weiß ich mehr! (lacht)

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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