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Panorama
Mittwoch, 24. Januar 2018 4

Soziales

Telefonhotline hilft einsamen Senioren

Ehrenamtliche stehen von Heiligabend bis Neujahr für Gespräche zur Verfügung. In Großbritannien hat sich diese Idee bewährt.
Von Gisela Gross und Uli Hesse, dpa

Die Silbernetz-Unterstützerin Christa Kaes hat am Telefon ein offenes Ohr für einsame Senioren.Foto: Britta Pedersen/dpa

Berlin.Ein älterer Herr, der seinen Tod simuliert, um an Weihnachten Familienbesuch zu bekommen – so etwas passiert wohl nur in der Werbung. Aber auch im echten Leben kann der Gedanke an Feiertage in Einsamkeit beklemmend sein, gerade für ältere Menschen. „Es ist nicht nur ein Gerücht, dass sich manche ins Krankenhaus einweisen lassen“, sagt eine Expertin der Berliner Arbeiterwohlfahrt (AWO). In der Hauptstadt war zuletzt auch ein Rentner Gesprächsstoff, der mit einem Aushang im Supermarkt nach einem Kreis zum Mitfeiern suchte – und fand. „Einer bleibt immer übrig“, zitierte die Berliner Morgenpost kürzlich den 79-Jährigen.

Wie dem Rentner gehe es in Deutschland einer wachsenden Zahl älterer Menschen, ist die Berlinerin Elke Schilling überzeugt. Sie will helfen. Mit einer Idee, die sich in Großbritannien bereits bewährt hat: einer Hotline, bei der einsame Senioren rund um die Uhr einen Gesprächspartner erreichen. Von Heiligabend, 12 Uhr, durchgehend bis Neujahr, 12 Uhr, stehen nun erstmals Ehrenamtliche des Projekts Silbernetz unter der Nummer 0800 470 80 90 bereit – das Feiertagstelefon ist ein Testlauf, zunächst für Berliner Anrufer.

Großbritannien ist Vorbild

„Keine Frage zu groß, kein Problem zu klein. Kein Grund, damit allein zu sein“, lautet das Motto. Schilling würde die Rufnummer gern dauerhaft betreiben und ausbauen. Dafür benötigt die Initiative aber noch viele Spenden: Nötig seien wohl etwa 200 000 Euro jährlich, sagt Schilling. Eines ihrer Motive ist eine einschneidende Erfahrung vor einigen Jahren: Ihr Nachbar lag längere Zeit tot in seiner Wohnung, unbemerkt, wie sie erzählt.

Der Blick nach Großbritannien zeigt, dass das Telefon-Projekt funktionieren kann. Die Wohltätigkeitsorganisation „The Silver Line“, finanziert nur aus Spenden von Privatleuten, Organisationen und Firmensponsoren, nimmt rund 10 000 Anrufe pro Woche aus dem ganzen Land entgegen – diese Zahl steigt während der Weihnachtstage. Die Hotline für über 55-Jährige ist rund um die Uhr mit maximal 20 Mitarbeitern pro Schicht besetzt. Zwei Drittel aller Anrufer wenden sich an das Sorgentelefon, weil sie sich einsam fühlen.

„Wir füllen eine Lücke“, erklärte Geschäftsführerin Sophie Andrews der Zeitung „The Guardian“. Denn zwei Drittel der Anrufe kämen über Nacht und am Wochenende, wenn andere Seelsorgedienste geschlossen seien. „Die Leute rufen nicht die Samariter an – sie haben Angst davor, die Leitungen zu blockieren und denken, dass ihre Bedürfnisse nicht schlimm genug sind.“

Telefonseelsorge Ostbayern

  • Rund um die Uhr

    für ein vertrauliches Gespräch zu erreichen ist die Telefonseelsorge Ostbayern unter den kostenfreien Rufnummern 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

  • Die Telefonseelsorge

    mit Sitz in Regensburg ist ein Seelsorge- und Beratungsangebot der evangelischen und katholischen Kirche.

  • Der Dienst am Krisentelefon

    rund um die Uhr wird von mehr als 100 ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet.

  • Wer sich etwas von der Seele

    reden will, findet bei der Telefonseelsorge Menschen, die zuhören und die sich einlassen. Niemand. der anruft, wird nach seinem Namen gefragt. Jeder kann anonym bleiben.

Seit 2013 hat die Initiative rund 1,5 Millionen Anrufe erhalten. Gegründet wurde sie von der bekannten Fernsehmoderatorin Esther Rantzen. Als ihr Mann starb, wurde ihr erst klar, wie einsam sie war – trotz vieler sozialer Verpflichtungen und Einladungen.

Ist Weihnachten in dieser Hinsicht ein besonderes Datum? Für Fachleute, die mit Senioren zu tun haben, ist die Antwort eindeutig. Weihnachten sei besonders stark mit dem Gedanken an die Familie und mit den Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste verbunden. Ist der Partner gestorben und leben die Kinder weit entfernt, schmerze das Alleinsein besonders. Hinzu kommt die Trauer um die Verstorbenen.

Experten unterstützen Projekt

Verstärkt werde das Gefühl noch durch den Lichterglanz in allen anderen Fenstern, sagt Klaus Pawletko vom Verein Freunde alter Menschen in Berlin. Im Wissen darum richte der Verein – Zielgruppe ebenfalls einsame Senioren – am 24. Dezember Weihnachtsfeiern aus. Erfahrungsgemäß meldeten sich Betroffene oft aber nicht selbst, der Verein werde eher durch Dritte – Sozialarbeiter oder Nachbarn etwa – auf sie aufmerksam. Insgesamt, sagt die Expertin der Berliner AWO, verschärfe sich das Problem Einsamkeit bei Älteren eher. Erwiesenermaßen ist Einsamkeit ein Faktor für die Gesundheit. Es ist naheliegend, dass die freiwilligen Seelsorger der „Silver Line“ neuerdings von Experten unterstützt werden, die sich um psychologische Probleme kümmern.

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