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Gesellschaft

Vegane und vegetarische Forderungen, die polarisieren

Als „Soja-Salafisten“ oder „Vegan-Mafia“ werden sie verunglimpft: Veganer sind für manche nicht mehr nur Menschen, die auf tierische Produkte verzichten. Sondern ein rotes Tuch. Warum ist das so?
Von Gisela Gross, dpa

Berlin.Der Tenor der Kritik ist eindeutig: Nichts ist mehr vor Veganern sicher. Nicht einmal mehr Kinderlieder. Nach Berichten über die Bitte einer Veganerin, das Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ aus dem Repertoire des Glockenspiels in Limburg zu nehmen, verstanden manche keinen Spaß.

Der Bürgermeister, der der Frau den Gefallen tat, wurde ebenso angefeindet wie die Veganerin. Der „Vegansinn von Limburg“ („Bild“) zeigte einer breiten Masse, dass Veganismus zwar eine Frage des Essens ist, aber bei weitem nicht nur.

Vor allem Speisekarten-Streits zeigen bislang, wie weit die Lager voneinander entfernt sind - selbst wenn es „nur“ um Vegetarismus geht: Angefangen bei der Idee der Grünen 2013, einen „Veggie Day“ in öffentlichen Kantinen zu empfehlen, bis hin zur Anordnung von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vor wenigen Tagen, im Ministerium fleischfreies Catering zu bieten. In Kassel sorgt aktuell ein Fest zum Tag der Erde am 23. April für Debatten - weil es entgegen der lokalen Tradition keine Bratwurst geben soll.

Selbst in der Grünen-Hochburg Berlin-Kreuzberg leben nicht nur Freunde von Gemüsekost. Seit Herbst 2016 erhitzt das nach eigenen Angaben bundesweit erste Bürgerbegehren für mehr vegane Gerichte in Bezirks-Kantinen so manch Gemüt - zum Beispiel das eines langjährigen Kantinenwirts, der sich vegan nicht antun will. Und unter anderem aus diesem Grund aufhört, wie er mehreren Medien sagte.

Dabei ist noch lange nicht klar, ob die Initiatoren mit ihrem Wunsch nach mehr veganer Auswahl durchkommen. Wohlgemerkt, um einen Fleischbann geht es ihnen nicht. Auch in Limburg gibt es kein Fuchs-und-Jäger-Verbot: Die Frau habe nett gefragt, sagte der Bürgermeister. Zudem solle das Lied in Zukunft wieder zu hören sein.

Und doch sind etwa Facebook-Gruppen mit Namen wie „Veganer raus aus Deutschland“ beliebt. Warum der Spott? Tierschutz ist eigentlich in Mode. Ebenso wie milch-, ei-, honig-, butter- und sahnefreie Torten in einschlägigen Berliner Cafés. Sogar einige Profi-Sportler bekennen, dass sie ohne Fleisch in Form kamen.

Um Feindbilder geht es aus Sicht des Berliner Tierethikers Bernd Ladwig nur bedingt: „Die Vorstellung des Veganers als Fanatiker, die ist heute nicht mehr so festgefahren“, sagt er. Aus der Perspektive vieler Menschen, die alles essen, seien vegane Ideen allerdings Eingriffe, wenn nicht sogar Angriffe auf die eigene Lebens- und Ernährungsweise. „Veganismus ist eine radikale Infragestellung dessen, was Leute immer gemacht haben“, sagt Ladwig.

Ernährung ist aus Expertensicht auch eine Form der Identitätsbildung geworden, die Sicherheit in einer zunehmend unsicheren Welt verheißt. Thomas Ellrott vom Institut für Ernährungspsychologie der Uni Göttingen sagte vergangenes Jahr: Wenn tradierte Ordnungssysteme wie Religion und Familie an Bedeutung einbüßten, nehme die Suche nach Sinn und Identitätsstiftung an anderer Stelle zu.

Hinzu kommt: Nicht immer achteten Organisationen auf die Außenwirkung ihrer Lobbyarbeit. Inzwischen wissen aber viele, wie schnell sich Andersdenkende bevormundet fühlen. Und dass man mit mancher Forderung sein Anliegen der Lächerlichkeit preisgibt statt ein Umdenken auszulösen. Ein „aus den Fugen geratenes Verständnis von Wichtigkeit“ zeigt sich für Wissenschaftler Ladwig in manchen Kampagnen - auch wenn es zum Beispiel um Sprachregelungen geht.

2012 versuchte die Tierschutzorganisation Peta, die Gemeinde Finning in Oberbayern zu einer Umbenennung zu bewegen. In StopFinning. Finning steht im Englischen für das Abtrennen von Hai-Rückenflossen, um sie zu essen oder zu Medizin zu verarbeiten. Die Bayern - Überraschung - weigerten sich.

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