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Panorama
Montag, 20. November 2017 5

Interview

Von niemandem abhängig sein

Sänger Gert Steinbäcker über das Altern, seine zweite Heimat Griechenland – und darüber, was ein gutes Leben ausmacht.
Von Michael Scheiner

Gerd Steinbäckers fünftes Soloalbum heißt Soloalbum „Ja eh“. Foto: Christian Jungwirth

Graz.Als „Pendler im 4/4-Takt“ hat er sich einmal in einem Interview bezeichnet. Regelmäßig pendelt Gert Steinbäcker zwischen Graz und Griechenland hin und her. Das Land an der Ägäis ist seine zweite Heimat. Freunden dort hat er schon Lieder gewidmet, in denen er ohne Verklärung über ihr keineswegs einfaches Leben erzählt. Mit der Finanzkrise ist das Leben für sie zu einem richtigen Härtetest mit enormen Zumutungen geworden. Der 64-jährige Musiker hat mit der österreichischen Band STS Karriere gemacht. Aber auch als Solokünstler ist Steinbäcker erfolgreich, bis vergangenes Jahr allerdings nur „on air“. Nach einer ruckzuck ausverkauften ersten Release-Tour im heimatlichen Austria macht „Stony Becker“ – den coolen Künstlernamen benutzte er in den 70er Jahren für eine Plattenaufnahme – auch Station in Regensburg. Mit seinem fünften Album „Ja eh“ belegte der steirische Singer-Songwriter, Rockpoet und sensible Beobachter Spitzenplätze in den Charts. Fünf Tage nach der Veröffentlichung erreichte es Goldstatus in Österreich. Neben aktuellen Songs bekommen die Fans auch Lieder wie „Großvater“ und „Irgendwann bleib’ i dann dort“ aus Steinbäckers STS-Repertoire und die Mitsing-Hymne „Fürstenfeld“ in frischen Arrangements serviert.

Sie sind oft in Griechenland. Schaut das Frühstück dort anders aus als in der Steiermark – und was gehört dazu?

Ich frühstücke sehr gern, hab’ heute schon. Es ist aber überall gleich, wo ich bin, und schaut sehr konventionell aus. Das Brot ist in Griechenland ein bisserl anders, aber sonst ganz normal.

„Feste sind zum Feiern da“ singen Sie in einem ihrer älteren Lieder. Was ist für Sie wichtig für ein gutes Leben?

(Überlegt kurz) Von niemandem abhängig zu sein (lacht). Sein eigener Chef zu sein, ist etwas ganz Tolles. Wenn die Frage ein wenig anders gemeint ist, kann man sich natürlich auch etwas leisten. Wenn man das Glück hat, mit seinen eigenen Ideen genug Geld verdienen zu können, kann man „Motorradelfahren“, was ich sehr gern tu’ mit meiner 1200er. Dann hab’ ich ein Boot und eine Menge von Dingen, die Spaß bereiten und die ich nutzen kann.

Ein angenehmes Leben also, das Sie führen?

Ja, das kann man sagen. Ich bin auch sehr dankbar dafür, das muss ich schon wirklich betonen. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist – und freue mich darüber.

Hat das Gefühl der Dankbarkeit etwas mit dem Alter oder den Erfahrungen zu tun, die Sie im Laufe Ihres Lebens gemacht haben?

Natürlich, weil man ja auf diese Beständigkeit von 40 Jahren zurückblicken kann. Für meine letzte CD habe ich schon nach wenigen Tagen Gold bekommen. Und gleichzeitig hat mir die Firma spaßeshalber für meine erste Single auch Gold gegeben. Die ist bei derselben Plattenfirma herausgekommen. Das Ding hat damals gerade mal 50 Stück verkauft – ein Joke also. Aber mit diesen Jahrzehnten beständiger Karriere kann man rückblickend Dinge wie Dankbarkeit entwickeln.

Ihre Jugend ist geprägt von der Hippie-Ära, in der vieles ungezwungen, spontan verlief. Das verträgt sich wenig mit einem engen Tour- oder Terminkalender. Welche Rolle spielt für Sie Disziplin?

Ich kann beides bis zum Exzess! Die Arbeit muss ich mir immer terminlich vornehmen, sonst tue ich einfach gar nix. Und wenn ich einmal wo dran bin, bin ich extrem diszipliniert und mache alles so optimal wie möglich, um zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe. Wenn ich andererseits nach einer langen Tournee die Nase voll hab’, dann tue ich mal ein halbes Jahr lang nichts.

Mit 64 Jahren sind Sie nicht mehr jung. Bringt das Alter Dinge mit sich, die besser geworden sind oder verschlechtert sich alles nur?

Also grundsätzlich finde ich am Alter überhaupt nichts toll. Allerdings hadere ich keineswegs damit. Wobei, die Frage, die sich früher nicht aufgedrängt hat, ist doch, dass man gesund bleibt und sich rühren kann. Wenn ich vor etwas Angst hätte, dann, dass man irgendwann mal nicht mehr machen kann, was man will.

Wie halten Sie sich fit? Mit Sport?

Ich mache Softsport und marschiere jede Woche einige Kilometer, sehr schnell. Das mache ich in Griechenland und hier. Ich lasse das nur ganz selten ausfallen. Ansonsten muss man nur schauen, dass man nichts übertreibt, was an Schadstoffen gern zu viel genutzt wird. Vor allen in meiner Branche! Ein paar Biere oder so sollte man auslassen.

In Ihren Liedern tauchen immer wieder Reflexionen über Sie selbst auf. Gehen Sie sehr selbstkritisch mit sich um?

Jaaa – ich halte mich überhaupt für kritisch. Man macht ja Songs über Gefühlsregungen und die hat man nun mal selber. Das kann ja alles Mögliche sein, von Liebe über Politik bis Freundschaft und man ist innerlich dabei.

In „Steiermark“ besingen Sie die Heimat und Ihre ambivalente Einstellung dazu. Heute ist der Begriff wieder fast durchweg von rechter Seite besetzt. Ärgert Sie das?

Es war schon immer eine Gratwanderung. Aber der Begriff ist existent und man muss sich damit beschäftigen. Es ist mir ein Anliegen, diesen Begriff leben zu lassen auch ohne irgendwelche rechtslastigen Hängekilos. Wenn du das erste Mal aus zwingenden Gründen bei einer Beerdigung bist – beispielsweise der Nachbar oder ein Freund ist gestorben –, dann ist das Heimat.

Nach Arnold Schwarzenegger und STS ist heute Andreas Gabalier für Jüngere das Aushängeschild der Steiermark. Können Sie das nachvollziehen?

Als kulturelles Aushängeschild würde ich ihn nicht unbedingt sehen (lacht). Aber es hat immer schon eine Schlagerszene gegeben, vor allem in Deutschland, die immer wesentlich präsenter in den Medien und der Öffentlichkeit war und wesentlich besser verdienend als jede Liederschreiberszene. Und junge Leute, die auf Gabalier stehen, sind früher wahrscheinlich auf Drafi Deutscher abgefahren oder so.

Sehen sie sich mit ihren Liedern
auch in einer spezifisch österreichischen Tradition, wie sie beispielsweise von Georg Kreisler und Gerhard Bronner bis Franz Morak und Sigi Maron geht?

Nein, das seh’ ich eigentlich nicht! Wir kommen eher aus der Rockecke, der amerikanisch-englischen Beatszene. In Deutschland hatte die den Udo Lindenberg zur Folge, in Österreich den Wolfgang Ambros. Diese Linie ist der Ursprung gewesen von unserer Sach’. Früher hab’ ich die Leute manchmal getroffen, weil wir im selben Studio waren. Der Maron ist so ein ganz Eigener, wie überhaupt das Wiener Lied ganz was Eigenes ist, da war der viel mehr verhaftet als wir.

Zur Person

  • Leben:

    Gert Steinbäcker ist geboren in Graz, der Hauptstadt der Steiermark. Am 7. November wird er 65 Jahre alt, das klassische Alter, um in Rente zu gehen. Davon kann bei dem Songschreiber, Musiker und Sänger natürlich keine Rede sein. Startete er doch spät seine Karriere als Mitglied der Austropop-Ikonen von STS (Steinbäcker, Timischl, Schiffkowitz). Die Rock-Pop-Band bestand von 1975 bis zur Auflösung 2014 und erlebte mit dem Singlehit „Fürstenfeld“ 1984 ihren Durchbruch. Steinbäcker war damals bereits 32 und war jahrelang mit verschiedenen Bands herumgetingelt, darunter auch einige Jahre mit der später berühmten EAV.
    Er hatte sich mit diversen Jobs und Nebentätigkeiten durchgeschlagen und immer wieder mal erfolglose Singles produziert. Nach dem ersten Platin, Tourneen und weiteren Erfolgen mit STS kaufte er sich ein Schiff und lebt seither zeitweise in seiner Wahlheimat Griechenland.

  • Solo:

    Anfang der 90er Jahre erschien seine erste Solo-LP „Einmal im Leb’n“ und wurde prompt vergoldet, ebenso wie sein zweites Album „Steinbäcker“ 1994, bei dem Konstantin Wecker und Wolfgang Ambros mitwirkten. Es folgten fünf weitere Alben, darunter zwei Sampler.

  • Live:

    Mit dem letzten „Ja eh“ von 2016 ist Gert Steinbäcker, nach Auflösung von STS, erstmals live mit einer eigenen Band auf Tour gegangen. Auch dafür erhielt er Gold, zudem ist er 2012 mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet worden. Im Laufe seines langen Musikerlebens hat Steinbäcker zahlreiche Songs komponiert, getextet und gesungen, in denen er sich häufig kritisch mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, aber auch persönlichen Erfahrungen auseinandersetzt.

Wie schreiben Sie Ihre Lieder und woher kommen die Ideen dazu? Sitzen Sie nach einer Pause jeden Tag am Schreibtisch, um zu texten?

Also jeden Tag auf keinen Fall. Immer wenn man plant, in absehbarer Zeit eine Produktion zu machen, stellt man die Sinne auf scharf und fotografiert jede denkbare Situation für sich selber, die ein möglicher Song sein könnte. Jedenfalls ist das so meine Vorgehensweise. Dann mache ich Melodien auf diese Ideen ohne jeden Text. Meistens mit einer Headline, einer möglichen Headline, die dann noch austauschbar ist. Erst dann, wenn der Song für sich stimmt, kann ich hinterher den Text machen. Hier in Graz habe ich ein kleines Studio, da wird das musikalisch vorbereitet. Die Texte mache ich meistens in Griechenland.

Erkennen Sie frühzeitig, ob ein Text gut ist – oder vielleicht sogar populär werden kann?

Nein… (zögert). Nein! Das ist völlig unmöglich. Das Einzige, was wir festgestellt haben – und ich bin da sehr akribisch – ist, dass jede Zeile stimmen muss. Es darf keine einzige Schwachzeile dabei sein. Dann stellt sich oft auch einmal der Eindruck ein, dass es eine gute Arbeit ist. Eigentlich aber fast wertfrei. Das stimmt in sich, das passt. Was dann aber damit passiert – das steht in den Sternen.

Wie sehen Sie als kritischer Zeitgenosse heute Ideologie oder Pragmatismus in der Politik?

Ich habe ja 1986 eine große DDR-Tournee gemacht und vorgeführt bekommen, was eine durchgezogene Ideologie bedeutet. Das gefällt mir nicht so sonderlich gut. Der kapitalistische Pragmatismus heute ist was Grauenhaftes! Ich glaub’ schon, dass die menschliche Gesellschaft am besten irgendwo mitten dazwischen drinnen ist, mit den eben größtmöglichen Freiheiten für das Individuum. Jedwede Ideologie, die pur durchgezogen wird, kann nichts G’scheits hervorbringen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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