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Panorama
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Psychologie

Zeiten für wirkliche Freunde

Unterschätze niemals die Kraft einer Freundschaft! Psychologe Sebastian Sonntag macht sich Gedanken über den Zusammenhalt.
Von Sebastian Sonntag

„Was hast du davon, wenn du mich frisst? Davon wirst du nicht satt. Wenn du mich freilässt, hast du einen Freund fürs Leben gewonnen!“ Foto: pict-rider/Adobe Stock

Regensburg.Eigentlich ist es eine ganz schlichte Geschichte. Eine Tierparabel. Und doch hat mich – vor allem der letzte Satz darin – unwillkürlich sehr angesprochen. Er drückt eine Erfahrung aus, die ich in so vielen Begegnungen und Gesprächen mit Trauernden und vom Schicksal gezeichneten Menschen als Erkenntnis gewonnen habe.

Im Schatten eines Baumes schlief ein Löwe. Plötzlich lief eine Maus über seine Pranken. Der Löwe wachte auf und wollte die Maus verschlingen. Doch die Maus sagte zu ihm: „Was hast du davon, wenn du mich frisst? Davon wirst du nicht satt. Wenn du mich freilässt, hast du einen Freund fürs Leben gewonnen!“ Der Löwe lachte und sagte: „Wann sollte ich dich Winzling schon einmal brauchen? Aber lauf nur, kleiner Freund. Wenn ich dich nötig habe, werde ich dich rufen“. Und so geschah es. Eines Tages geriet der Löwe in ein Fangnetz. Er versuchte verzweifelt, sich zu befreien, doch dadurch zog er die Maschen nur noch fester. In seiner Not brüllte er laut und das hörte die kleine Maus. Sie kam sogleich herbeigeeilt, zernagte in Windeseile einige Maschen, sodass ein großes Loch entstand und befreite ihren großen Freund. Unterschätze niemals die Kraft einer Freundschaft, so klein sie auch sein möge...

Lebenssituationen sind ein unbestechlicher Filter

Wie viele der Trauernden haben mir bestätigt, dass gerade in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens Menschen ganz konkret und wirklich hilfreich und tröstend zur Seite gestanden haben, die bis dahin gar nicht zu ihrem engsten und vertrautesten Freundeskreis gegolten haben. Und umgekehrt, wie oft sie enttäuscht wurden durch eigentlich besonders geschätzte Freunde, die sich sehr rar machten und gerade da, wo sie am dringendsten von den Betroffenen gebraucht würden, sich nicht in der sonst gewohnten Nähe und Intensität zeigten. Unterschätze nie die Kraft einer Freundschaft, so klein sie auch sein möge! Das könnten manche – wenn auch oft aus bitterer Erfahrung – nur bestätigen.

Bestimmte Lebenssituationen können wie eine Art unbestechlicher Filter sein, in denen sich bewähren wird, was wirklich Bestand und Tiefe hat. Gerade auch was die Kraft und die wahre Qualität menschlicher Beziehungen anbelangt. Menschen, die solche schweren Lebensereignisse überstehen mussten, können selber nach diesen dunklen Zeiten sehr gut beschreiben, was ihnen und damit auch anderen Betroffenen wirklich Hilfe und Trost ist.

„Unterschätze niemals die Kraft einer Freundschaft, so klein sie auch sein möge...“

Es sind häufig Persönlichkeiten, die nach außen oft sehr zurückhaltend und bescheiden sind, sich gar nicht in den Vordergrund oder ins Blickfeld drängen. Aber sie haben oft eine sehr zuverlässige und treue Art, da und präsent zu sein. Es sind meist die ganz unscheinbaren Hilfeleistungen, die sie ungefragt sehen und wahrnehmen, ohne dass man groß darum gebeten hat. Und gerade solche stillen und kleinen Dienste sind es, die für Menschen in Krisenzeiten zu so etwas wie stützendes emotionales Gerüst im belasteten Lebensalltag werden können. Sie schauen danach, was sie an ganz konkreten Hilfen anbieten können, wie beispielsweise einkaufen, etwas zu Essen machen oder bringen. Sie spüren, wo sie den Trauernden etwas abnehmen oder erledigen können, was für diese in solchen Zeiten fast unmöglich oder nur mit äußerster Kraftanstrengung machbar ist. Und vor allem eines. Sie weichen nicht aus vor der Trauer und der eigenen Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts eines schlimmen, oft ungerechten Schicksales. Sie sind einfach da. Auch wenn sie keine Worte des Trostes finden können und nur schweigend aushalten, auch wenn der Betroffene in seinem Schmerz anstrengend und belastend wird. Zum Beispiel, weil er immer wieder mit dem Schicksal hadert, Vorwürfe erhebt, sein Leid beklagt und immer wieder über dasselbe redet.

Natürlich gibt es Freunde, die schon immer diese wunderbaren Qualitäten hatten und deren Freundschaft sich gerade in solchen belastenden Situationen bewährt und vertieft. Und jeder, der solche Freunde hat, weiß, welch ein Gottesgeschenk solche Freunde sind. Vielleicht kann diese kleine, unscheinbare Tierparabel auch ein wenig die Lebenswirklichkeit bescheinen und darauf aufmerksam machen. Wer weiß, wie viele Freundschaften hätten entstehen können, wenn man bei so manchen Begegnungen wie der Löwe die Großmütigkeit besessen hätte, über einen augenblicklichen Moment hinweg auf etwas zu verzichten und auch ein scheinbar noch so kleines Angebot anzunehmen. Zum Beispiel mit Schulkameraden, denen man eigentlich mit weniger Beachtung oder Wertschätzung begegnet ist, weil sie nicht das Laute und Vordergründige lebten, sondern eher zu der stilleren und zurückhaltenderen Sorte gehörten.

Andere Menschen neu wahrnehmen

Verzicht könnte hier so etwas bedeuten, wie schnelles Vorurteil und Schubladendenken zurückzustellen und mit mehr Wertschätzung und Interesse andere wahrzunehmen. So manches Klassentreffen kann unter solchen Gesichtspunkten recht interessant und spannend werden. Wie haben sich bestimmte Klassenkameraden in all den Jahren entwickelt? Was haben sie im Leben erreicht, was man ihnen nie zugetraut hätte? Wie erlebt man sie jetzt in der Begegnung und im Austausch? Es lohnt sich immer, andere Menschen unter dem Gesichtspunkt wahrzunehmen, dass sie viel mehr an Geheimnissen, an Eigenschaften und Qualitäten in sich tragen, als ich im Moment überhaupt erkennen kann. Und warum sich nicht auch einmal in der Fantasie ausmalen, was es für einen selbst für eine Herausforderung und Entwicklungschance wäre, wenn man mit so einem eigentlich unbekannten Menschen eine Freundschaft leben würde. Diesen schönen Gedanken, dass man in anderen Menschen etwas vermuten und glauben darf, was sie als ganz Besonderes und Tiefes und Unbekanntes in sich tragen, habe ich aus der wunderbaren Erzählung von Antoine de Saint-Exupery entnommen. Wenn der kleine Prinz dort schwärmt: „Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen birgt“. Und er diese Begeisterung überträgt auf seine kindliche Welt, in der er als kleiner Knabe geglaubt hat, dass in seinem alten Wohnhaus ein Schatz versteckt sei und dass dieser Gedanke sein Haus verzauberte, obwohl ihn nie jemand gefunden hat.

Wie wäre es, mit einer so wunderbaren Fantasie zum Beispiel seinem Partner zu begegnen?

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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