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Montag, 25. September 2017 19° 5

Interview

Zwei Säulen: gesund und zuckerarm

Zwei Experten vom Universitätsklinikum Regensburg erklären alles Wissenswerte zum Thema Zahnmedizin und Zahnkorrektur.

Zwei Experten geben Tipps für gesunde Zähne. Foto: Fotolia

Regensburg.Zweimal täglich Zähneputzen und regelmäßig Zahnseide verwenden – ist diese Empfehlung vom Zahnarzt noch aktuell und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen richtig?

Wolfgang Buchalla: Diese Empfehlung hat sich bewährt und ist im Grundsatz nach wie vor richtig. Karies ist eine, wie wir sagen, multifaktorielle Erkrankung. Dies bedeutet, dass es mehrere solcher Faktoren gibt, die eine Entstehung von Karies begünstigen und andere, die eine Entstehung von Karies reduzieren. Die Zahnpflege ist ein solcher Faktor, der gegen Karies schützt. Dazu gehört das mechanische Entfernen der Zahnbeläge mit Zahnbürste und Zahnseide oder Interdentalraumbürstchen. Zahnbeläge sind nichts anderes als ein dicker Rasen voll mit Bakterien, ein „Biofilm“, in dem bei Zufuhr von Zucker Säuren gebildet werden, die den Zahn auflösen. Zur Zahnpflege gehört aber auch die Zufuhr von Fluorid, die beim Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta automatisch erfolgt. Es ist aber eindeutig so, dass jemand, der beispielsweise häufig süße Zwischenmahlzeiten oder zuckerhaltige Getränke zu sich nimmt, deutlich mehr Mundhygiene betreiben muss, um Karies zu verhindern, als jemand, der sich zuckerarm ernährt. Insofern kann eine allgemeine Empfehlung nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. Besser sind individuelle Empfehlungen durch Zahnärzte.

Wie oft ist denn ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt tatsächlich notwendig?

Wolfgang Buchalla: Auch hier gibt es eine allgemeine Richtlinie, nämlich zweimal im Jahr eine zahnärztliche Kontrolle durchführen zu lassen. Dies ist eine in den meisten Fällen gute Empfehlung. Je nach den Umständen kann es aber sinnvoll sein, häufiger zu kontrollieren oder auch seltener zu kontrollieren. In jedem Fall gilt es, Schäden an Zähnen frühzeitig zu erkennen, um die Karies entweder ohne zu bohren zu stoppen oder mit kleinen Restaurationen auszukommen. Das übergeordnete Ziel bleibt immer die eigenen Zähne und deren Zahnhartsubstanz bestmöglich zu erhalten.

Sind gesunde Zähne automatisch schöne Zähne? Sind also etwa Verfärbungen aus medizinischer Sicht behandlungsbedürftig?

Wolfgang Buchalla: Schönheit liegt bekanntlich in den Augen des Betrachters. Davon aber mal abgesehen, können Zahnverfärbungen, wenn sie aus dem Zahninneren kommen, ein Hinweis auf eine Erkrankung der Zähne, wie eine Karies oder eine Erkrankung des Zahnmarks sein.

„Die Verantwortung für die Zahngesundheit von Kindern tragen die Eltern.“

Wolfgang Buchalla, Lehrstuhlinhaber für Zahnerhaltung, Parodontologie, Endodontologie und Kinderzahnheilkunde am Uniklinikum Regensburg

In den allermeisten Fällen sind Verfärbungen hingegen aber Auflagerungen, zum Beispiel Zahnstein oder Zahnbeläge. Diese lassen sich beim Zahnarzt einfach entfernen. Bei Karies oder einer Erkrankung des Zahnmarks sind entsprechende Behandlungen notwendig. Medizinisch nicht behandlungsbedürftig ist die Eigenfarbe der Zähne selbst, die zum Beispiel mit dem Alter etwas dunkler werden können. Auf Wunsch gibt es jedoch die Möglichkeit, die Eigenfarbe von Zähnen aufzuhellen. Eine solche Zahnaufhellung sollte aber von einem Zahnarzt angeleitet werden, um Nebenwirkungen auszuschließen.

Thema Zahnkorrektur: Wann ist diese angebracht?

Peter Proff: Kieferorthopädie ist weit mehr als die Korrektur schiefer Zähne. Die primäre Aufgabe der Kieferorthopädie und zugleich ihre Kernkompetenz als medizinische Disziplin liegt in der präventiven und korrektiven Behandlung von Fehlfunktionen, Zahnfehlstellungen und Kieferfehlbildungen mit Krankheitswert. Fehlfunktionen können zum Beispiel den Schluckvorgang oder die Atmung betreffen. Zahnfehlstellungen können beispielsweise die Abbeiß- und Kau- funktion beeinträchtigen. Knöcherne Kieferfehlentwicklungen können zu schwerwiegenden Folgeproblemen mit Schmerzen und Funktionseinschränkungen beim Kauen oder Sprechen führen. Nebenbei wird natürlich auch durch kieferorthopädische Maßnahmen die Zahn- und Gesichtsästhetik verbessert. Die Frage, wann welche kieferorthopädische Maßnahme angebracht ist, lässt sich nicht pauschal beantworten und muss nach sorgfältiger individueller Untersuchung durch eine Fachzahnärztin oder einen Fachzahnarzt für Kieferorthopädie entschieden werden. Empfehlenswert ist jedoch eine frühzeitige Vorstellung beim Kieferorthopäden, da bereits im Milchgebiss behandlungsbedürftige Anomalien vorkommen.

Was ist dabei das Mittel der Wahl: Herausnehmbare Apparaturen oder feste Zahnspangen?

Peter Proff: Die Wahl der kieferorthopädischen Behandlungsapparaturen hängt von der Art der vorliegenden Anomalie ab. In vielen Fällen kommen sowohl herausnehmbare als auch festsitzende Spangen zum Einsatz. Herausnehmbare Apparaturen werden häufig zur Sicherung der Platzverhältnisse im Rahmen des Zahnwechsels, zur Therapie funktioneller Störungen wie Zungenpressen oder bei unzureichendem Lippenschluss eingesetzt. Weitere Indikationen sind die Korrektur von Zahnkippungen, die Wachstumsbeeinflussung oder auch die Sicherung eines erreichten Behandlungsergebnisses. Vorteilhaft ist, dass diese Spangen zum Zähneputzen und zum Essen vom Patienten selbst herausgenommen werden können. Zu bemerken ist jedoch, dass eine therapeutische Wirkung nur dann gewährleistet ist, wenn auch die vom Kieferorthopäden angewiesenen Mindesttragezeiten eingehalten werden.

„Kieferorthopädie ist weit mehr als die Korrektur schiefer Zähne.“

Peter Proff, Lehrstuhlinhaber für Kieferorthopädie am Uniklinikum Regensburg

Festsitzende Zahnspangen erlauben umfangreichere und körperliche Zahnbewegungen und werden in der Regel erst am Ende und nach Abschluss des Zahnwechsels eingesetzt. Diese können vom Patienten nicht zum Zähneputzen oder Essen herausgenommen werden und erfordern daher eine besondere Sorgfalt bei der häuslichen Mundhygiene, da zwischen den sogenannten „Brackets“ Schmutznischen mit schädlichen Belägen entstehen können, die dann auch bei unzureichendem Zähneputzen zu Karies und Zahnfleischentzündung führen können.

Relativ neu ist in diesem Bereich die Aligner-Therapie, die Zahnkorrektur mittels einer durchsichtigen Kunststoffschiene. Für welche Patienten ist diese Therapie geeignet?

Peter Proff: Die sogenannte Aligner-Therapie hat den Vorteil, dass die durchsichtigen Kunststoffschienen von außen wenig sichtbar sind, beim Tragen angenehm empfunden werden und auch die Sprache nicht beeinträchtigen. Sie können zum Zähneputzen und Essen herausgenommen werden. Die Schienen sind für Patienten mit leichten bis mittelgradigen Zahnfehlstellungen nach in der Regel abgeschlossenem Zahnwechsel und dem Wunsch nach einer möglichst wenig sichtbaren Behandlung geeignet. Die Schienen wirken nur im jeweiligen Kiefer, so dass Positionskorrekturen der Kiefer zueinander ohne weitere Hilfselemente nicht möglich sind. Die Behandlungsdauer ist im Vergleich zu einer festsitzenden Apparatur länger und bestimmte Richtungen der Zahnbewegungen sind nur mit Einschränkungen möglich. Daher sollte man sich als Patient vor einer Aligner-Therapie vom Kieferorthopäden individuell beraten lassen.

Ist Aufklärung im Kindesalter mit dem Klassiker „Karius und Baktus“ noch zeitgemäß?

Wolfgang Buchalla: Sicher ist die fast 70 Jahre alte Geschichte wissenschaftlich nicht ganz korrekt. Auch gibt es heute eine große Auswahl an Literatur, um die Idee der Kariesprävention gerade für Kinder anschaulich zu machen. Welche Geschichte dabei gewählt wird, ist weniger wichtig, als wie diese Geschichte erklärt wird und welche konkreten Maßnahmen die Eltern täglich an ihren Kindern durchführen. Dabei sind die zentralen Säulen eine gesunde, zuckerarme Ernährung, der Verzicht auf Süßgetränke und das tägliche Zähneputzen beginnend mit dem Durchbruch des ersten Zahnes. Je nach Entwicklung und Alter der Kinder sollten die Eltern die Zähne ihrer Kinder mit einer altersentsprechenden Zahnpasta putzen beziehungsweise gründlich nachputzen. Eines ist ganz klar; die Verantwortung über die Zahngesundheit von Kindern tragen die Eltern.

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