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Aleppo-Doku mit Chancen auf einen Oscar

Marcel Mettelsiefen zeigt in seinem beeindruckenden Film „Watani“ das Schicksal der Kinder von Aleppo.
Von Christian Fahrenbach, dpa

Der Dokumentarfilm „Watani: My Homeland“ berichtet über die Flucht einer syrischen Familie nach Deutschland und steht auf der Nominierungsliste für den Oscar. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

New York.Eine Frau sitzt auf der Rückbank eines Autos. Sie trägt ein Kopftuch und blickt aus dem Fenster, um sie herum drei Kinder. Monatelang haben sie auf diese Fahrt gewartet. Es ist die letzte Etappe auf ihrer Reise aus Syrien in die neue Heimat Deutschland. Die Familie fährt durch die beschauliche Kleinstadt Goslar in Niedersachsen. Die Frau blickt auf die vielen Fachwerkhäuser mit ihren Holzbalken und weißen Fassaden. Schließlich sagt sie leise: „Kein einziges Haus hier ist zerbombt.“

Eine Familie zwischen Schutt und Asche

Es ist nur einer von vielen Momenten, die den Zuschauer von „Watani: My Homeland“ sprachlos zurücklassen. Zuvor ist in der vierzigminütigen Dokumentation schon das Leben von Hala und ihrer Familie in Aleppo zu sehen. Wie die fünfjährige Tochter Sara auf dem Balkon steht und Bomben nachlauscht. Wie Halas Mann Abu Ali darüber nachdenkt, ob sein Kampf für die syrischen Rebellen es wert ist, die eigenen Kinder dem Krieg auszusetzen. Wie Mutter Hala ihn dabei grübelnd anschaut.

Sehen Sie hier den Trailer zu „Watani: My Homeland“.

Der eindrucksvolle Film ist am Dienstag in den erlesensten Kreis aufgenommen worden, den die Filmwelt kennt: „Watani“ hat in der Sparte „Kurz- Dokumentarfilm“ Chancen auf die Trophäe.

„Ich dachte, es braucht eine Gegenerzählung“

Marcel Mettelsiefen (Fotograf, Regisseur und Autor)

Über drei Jahre hat Mettelsiefen in die knappe Dreiviertelstunde gepackt. „Ich dachte, es braucht eine Gegenerzählung“, sagt er über seine Beweggründe. „Wenn wir immer nur über Terror sprechen, dann füttern wir dieses Monster. Je mehr wir Normalität zeigen, desto mehr sensibilisieren wir die Menschen dafür, dass wir helfen müssen.“

In der Kategorie „Kurz- Dokumentarfilm“ kann es der Film „Watani: My Homeland“ auf die Nominiertenliste für die diesjährigen Oscars schaffen. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

Etliche Preise für Mettelsiefens bisherige Aleppo-Filme

Der Regisseur und Autor wurde 1978 als Sohn eines deutschen Vaters und einer spanischen Mutter in München geboren. Seine Dokumentationen „Aleppo – die geteilte Stadt“, „Die Kinder von Aleppo“ und „Das Schicksal der Kinder von Aleppo – Neue Heimat Deutschland“ haben schon viele Preise gewonnen.

Über drei Jahre hinweg begleitete der deutsch-spanische Fotograf und Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen das Leben von Hala und ihrer Familie in Aleppo. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

„Watani“ erzeugt zusätzliche Kraft dadurch, dass die Familie bis auf ihre Hintergrundgeschichte in vielerlei Hinsicht normal ist, zum Beispiel, wenn in Deutschland die ältere Tochter Helen bei ihren Teenagerflirts in der Eishalle zu sehen ist. Mettelsiefen hat Glück mit seinen Protagonisten, die Familie ließ ihn am Alltag teilhaben und auch bei sich übernachten – für Nicht-Muslime ein großer Vertrauensbeweis. Auch die gezeigte Reise der Familie ist eher unspektakulär. Sie fliehen nicht über die Balkanroute, sondern kommen mit dem Flugzeug aus der Türkei. Trotzdem liegt in den Blicken Halas in Deutschland Schwermut, die Entwurzelung macht ihr zu schaffen.

Hala hält eines ihrer Kinder fest im Arm, während sie durch die beschauliche Kleinstadt Goslar in Niedersachsen fährt. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

„Sie mussten aus einem Land fliehen, das sie niemals verlassen wollten“, sagt der deutsch-spanische Regisseur darüber. Ein Beweggrund für Hala ist immer klar: Die Sicherheit der Kinder. „Es gibt viele sehr starke Frauen in Syrien und wir sehen sie nicht“, sagt Mettelsiefen dazu.

UN zeigt in New York Ausschnitte von „Watani“

Für die Dreharbeiten war er mehr als zwanzig Mal in Syrien, häufig inkognito. Auch hinter der Kamera hat er Tragisches erlebt, zuletzt starb sein „Fixer“, einer der Helfer vor Ort für ausländische Journalisten, der ihm bei vielen Reisen half. Der Film selbst ist vom Verschwinden des Vaters geprägt. Er ist nur in wenigen Momenten aus dem Jahr 2012 zu Beginn des Films zu sehen. Die Terrormiliz IS hat ihn entführt, bis heute ist sein Schicksal unklar. Später sind Familienangehörige im Bild, die in den letzten Wochen bei der Belagerung Aleppos gestorben sind.

Marcel Mettelsiefen möchte die Normalität einer Familie in den Vordergrund stellen, um dem Terror eine Erzählung entgegenzusetzen. Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

Während Mettelsiefens Reisen sind viele Stunden Filmmaterial entstanden, der nun möglicherweise nominierte Film baut auf Teilen anderer Werke auf, die ihm bereits viel Anerkennung gebracht haben. Als „Children on the Frontline“ gewann „Watani“ in ähnlicher Form den britischen BAFTA-Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Unter „Die Kinder von Aleppo“ lief die Geschichte der Familie im ZDF Auslandsjournal und auch das US-Fernsehen zeigt Mettelsiefens Arbeit.

Sehen Sie hier, wie Filmausschnitte von Mettelsiefens Dokumentarfilm vor den Vereinten Nationen gezeigt wurden.

In New York wurde sogar die Weltpolitik auf den Film aufmerksam: Mutter Hala und Mettelsiefen haben vor den Vereinten Nationen Ausschnitte gezeigt. In Deutschland sei er bisher von keinem Politiker angesprochen worden, sagt Mettelsiefen – vielleicht ändert sich das nach der Nominierung.

Mehr über die Oscar-Nominierungen finden Sie auch hier.

Weitere Meldungen zum Thema Film und Fernsehen finden Sie hier.

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