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Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Interview

Flucht aus der Kleinstadt-Tristesse

Regisseur Hans-Christian Schmid bringt „Das Verschwinden“ ins TV. Angela Sonntag traf ihn auf dem Filmfest in München.
von Angela Sonntag, MZ

  • Die Schauspieler Nina Kunzendorf, Julia Jentsch, der Regisseur Hans-Christian Schmid, die Schauspielerinnen Johanna Ingelfinger und Elisa Schlott (von links) bei der Weltpremiere des TV-Films „Das Verschwinden“ Foto: dpa
  • Sonntagszeitungsredakteurin Angela Sonntag traf Hans-Christian Schmid beim Filmfest in München. Foto: Sonntag

München.Herr Schmid, Sie sind ja nicht nur der Regisseur der Serie, Sie haben gemeinsam mit Bernd Lange auch das Drehbuch geschrieben. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen? Woher stammt die Idee?

Ich habe von einem Fall im SZ-Magazin gelesen. Damals ging es um eine junge Frau, die in der Nähe der Grenze verschwunden ist. In dem Artikel ging es außerdem um die Suche der Polizei und die Mutter der Verschwundenen. Diese Geschichte war der Auslöser – wir haben allerdings nie versucht, sie eins zu eins nachzuerzählen. Grundlage war die Idee, dass jemand, der erwachsen ist, nicht mehr auftaucht. Aus verschiedenen Gründen beginnt die Polizei erst spät mit ihrer Suche und deswegen sucht die Mutter auf eigene Faust nach ihrer Tochter. Gleichzeitig – und das hatte dann nichts mehr mit dem Fall aus dem SZ-Magazin zu tun – spielen die Familienkonstellationen eine große Rolle. Wir wollten die Krimihandlung mit Familienporträts in einer fiktiven Kleinstadt an der Grenze kombinieren.

Sie haben zu zweit an dem Drehbuch geschrieben. Wie kann man sich den Schreibprozess vorstellen? Da hat ja doch jeder eigene Ideen ...

Michelle Grabowski (Julia Jentsch) macht sich in „Das Verschwinden“ auf die Suche nach ihrer Tochter, die unter mysteriösen Umständen wie vom Erdboden verschluckt scheint. Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmproduktion/Gerald von Foris

Ja, aber genau das ist auch gut so. Es gibt immer ein Gegenüber, und man kann sagen: „Das finde ich blöd“ oder „Der Einfall gefällt mir, da können wir weitermachen“. Dafür muss man sich natürlich gut kennen. Bernd und ich schreiben schon seit über zehn Jahren zusammen. Bei uns klappt das also recht gut. Wenn es Verständnis allerdings nicht gibt, sollte man lieber alleine schreiben. Aber das fällt mir sehr schwer. Mir fehlt da der Abgleich. Ich bin nicht gut darin, am Nachmittag zu beurteilen, ob das, was mir am Vormittag eingefallen ist, gut oder schlecht ist. Es gibt beim Schreiben ja zwei Seiten: Die eine ist eher improvisierend und frei, die andere analytisch und strukturiert. Das funktioniert mit zwei Leuten einfach besser. Man fantasiert einen Tag lang herum und am nächsten Tag werden die Ideen hinterfragt und in geordnete Bahnen gelenkt. Aber vielleicht noch zur eigentlichen Arbeitsteilung: Es ist nicht so, dass wir zu zweit am Laptop sitzen und der eine dem anderen diktiert. Wir überlegen zusammen, machen Notizen, gehen dann auseinander und jeder schreibt für sich.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein starker Mutter-Tochter-Konflikt. Außerdem sind die Freundinnen der Verschwundenen sehr wichtige Rollen. Das sind also alles starke Frauenfiguren. Das Drehbuch ist von zwei Männern geschrieben . Wie haben Sie sich in die Rollen hineinversetzt oder haben Sie auch –beispielsweise bei Müttern – nachgefragt?

Das ist tatsächlich von uns rein erfunden. Bei früheren Stoffen, bei „Requiem“ zum Beispiel, wo es um Exorzismus geht, oder bei der Hacker-Geschichte „23“, haben wir im Vorfeld viel recherchiert und Zeitzeugen getroffen, weil es darum ging, reale Figuren und Begebenheiten so wirklichkeitsnah wie möglich nachzuzeichnen. Diesmal haben wir uns aber bewusst mehr Freiheiten genommen und haben uns die Figuren so zurechtgelegt, wie wir sie für die Geschichte brauchten. Ich könnte also keine realen Vorbilder nennen, das ist wirklich ausgedacht.

Die Serie greift viele größere Themenbereiche auf: Drogen, vermeintliche Kleinstadt, Familienverstrickungen ... Gibt es für Sie die eine Kerngeschichte oder haben Sie bewusst so breitgefächert geschrieben?

Es gibt für mich einen roten Faden: Wir kommen immer wieder zum Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zurück. In jedem der Handlungsstränge sind für mich die Kernszenen, wie sich die Lügen und Intrigen der Eltern auf die Kinder auswirken und wie schwer in manchen Familien der offene Umgang miteinander ist. Ich finde, das merkt man in einer Szene in der vierten Folge besonders deutlich, als Michelle (Mutter der verschwundenen Janine, Anm. d. Red.) und Manu (Freundin von Janine, Anm. d. Red.) zusammen unterwegs sind. Zuerst geraten sie in eine brenzlige Situation, die vom Plot her spannend ist. Aber kurz später, als sie das Problem eigentlich gelöst haben, kommt es zu einem Streit zwischen den beiden, der sehr emotional ist und den Umgang der Eltern mit ihren Kindern auf den Punkt bringt.

„In jedem der Handlungsstränge sind für mich die Kernszenen, wie sich die Lügen und Intrigen der Eltern auf die Kinder auswirken und wie schwer in manchen Familien der offene Umgang miteinander ist.“

Warum haben Sie als Spielort die Kleinstadt gewählt?

Zum einen spielte die Geschichte, die uns inspiriert hat, in einer Kleinstadt, zum anderen komme ich selbst auch aus der Kleinstadt. Und ich finde das Leben dort oft in Kino und Fernsehen „untererzählt“. Mir fällt dazu wahrscheinlich mehr ein als zu Großstädten. Ich finde, man kann genauer auf den Kosmos schauen, weil er übersichtlicher ist.

Und wo haben Sie dann tatsächlich gedreht? Die Serie spielt ja in einem fiktiven Ort in der Bayerwald-Region nahe der tschechischen Grenze ...

Der örtliche Polizeichef Gerd Markwart (Stephan Zinner, r.) hat in der Nacht des Verschwindens etwas beobachtet, das er für sich behält. Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmproduktion/Yoshi Heimrath (Repros)

Eigentlich überall (lacht). Wie das die Leute beim Film eben so machen: Sie nehmen sich von jedem Ort das passende Motiv und fügen es, für Einheimische oft nicht nachvollziehbar, zu einem „Forstenau“ (so der Ortsname der Kleinstadt in der Serie, Anm. d. Red.) zusammen. Wir sind tatsächlich sehr pragmatisch vorgegangen. Für die Produktionsfirma sind Reisekosten problematisch. Man hat ja nur ein bestimmtes Budget, und wenn man viel für Reisen ausgibt, landet weniger davon auf der Leinwand. Wir wussten, wir brauchen eine Stadt mit 15 000 bis 30 000 Einwohnern, wir brauchen die deutsch-tschechische Grenze und wir brauchen landschaftliche Gebiete. Wir sind ein halbes Jahr vor Drehbeginn einmal von Norden nach Süden gefahren, waren in der Gegend von Selb und Marktredwitz, in Weiden, in Cham, dann in Deggendorf und dort jeweils immer in der Grenzregion. Den Hauptteil haben wir dann rund um Cham, Viechtach und Deggendorf gedreht.

Die niederbayerische und Oberpfälzer Lebensart beziehungsweise die Kleinstadtkultur spielt in der Serie auch eine Rolle. Beispielsweise in manchen Szenen des eher schroffen Polizisten Marktwart, gespielt von Stephan Zinner. Man sagt den „Bayerwaldlern“ ja ab und zu so eine Mentalität nach. War das auch ein Grund für die Ortswahl?

Nein, das finde ich eher nicht. Diese Art von Polizist könnte es in Berlin genauso geben. Es gibt ja zwei Ermittler in der Serie, die unterschiedlich sind. Der Polizist Köhler ist nicht so gefühlskalt. Uns ging es darum, aus dramaturgischen Gründen zwei verschiedene Figuren darzustellen, die dann entsprechende Konflikte miteinander austragen. Das dient alles dem Aufbau eines Krimis. Die Polizisten entwickeln sich auch unterschiedlich, sind auf der guten und auf der schlechten Seite. Die Anfangsszene mit der Jagd im Wald deutet so etwas an. Es wäre auch schwer, die Spannung über acht Folgen richtig hochzuhalten, wenn man die Polizisten nur bei ihrer Arbeit zeigen würde.

Weil Sie gerade die Anfangsszene erwähnt haben – mich hat die Szene zugleich verwirrt und aber deswegen umso mehr gefesselt. Man erfährt sofort sehr viel, was man jedoch später erst versteht. Stand das von Anfang an fest, dass Sie so einsteigen?

Das kam in der Tat erst später. Wir haben uns von Fassung zu Fassung herangetastet. Ich selbst war im Krimi-Erzählen noch nicht so geübt. Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass uns der Prolog sehr hilft, um ein Geheimnis aufzubauen.

Mehr zur Serie lesen Sie auch hier in unserer Rezension.

In der Serie gibt es sehr viele Verstrickungen, Intrigen, Geheimnisse und Verknüpfungen. Muss man sich beim Schreiben Notizen machen, dass man nicht selbst den Überblick verliert, wer mit wem und warum?

Hans-Christian Schmid drehte im Bayerischen Wald seinen ersten TV-Film. Die Mini-Serie startet am 22. Oktober bei ARD. Foto: Gerald von Foris

Ich hatte das Gefühl, wenn wir an Folge 2 oder 4 oder 7 saßen, dass ich schon wieder vergessen hatte, was genau in Folge 3 oder 5 alles passiert. Das liegt einfach daran, dass der Schreibprozess bei so viel Material über drei Jahre in Anspruch nahm. Abgesehen von kurzen Pausen war das ein ständiges Überarbeiten, mal in Bezug auf den Gesamtzusammenhang, dann wieder auf einzelne Details. Und auch im Schnitt, wenn weiter verdichtet und Material verworfen wird, das man nicht braucht, geht er Prozess des Schreibens eigentlich weiter.

Ähnlich wie beim Film wird es ja auch bei der Serie so sein, dass man sehr viel Material produziert. Wie geht man ans Kürzen ran?

Indem man sich 20 Minuten anschaut und sich dann eingesteht, drei Minuten davon waren langweilig. Also fliegen die drei Minuten raus. Fehlt dann etwas, muss man entweder die Sequenz verkürzen oder umstellen. Das kann auch sehr oft helfen. Dann sitzen die Szenen nicht mehr da, wo sie anfangs im Drehbuch angedacht waren, stellen einen neuen Zusammenhang her.

Gibt es auch Szenen, bei denen es richtig schwerfällt, sie herauszukürzen?

Ja, auf alle Fälle. Vor allem gegen Ende des Arbeitsprozesses. Da gibt es nicht mehr die klaren Entscheidungen: Wenn ich das jetzt rauswerfe, ist es besser. Sondern oft ist ein Gewinn mit einem Verlust verbunden. Das tut manchmal weh, aber muss eben so sein.

Mehr zu Hans-Christian Schmid und der Serie lesen Sie hier:

Die Serie und ihr Autor

  • Zum Autor:

  • Hans-Christian Schmid

    (geboren am 19. August 1965 in Altötting) ist ein deutscher Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München Dokumentarfilm und beendete das Studium mit seiner Abschlussarbeit im Jahr 1992.

  • Schmids Kinodebüt

    war „Nach Fünf im Urwald“. Es folgten „23 – Nichts ist so wie es scheint“, „Crazy“ und „Lichter“.

  • 2004 gründete

    Hans-Christian Schmid die Produktionsfirma 23/5, mit der er zunächst den Spielfilm „Requiem“ nach einem Drehbuch von Bernd Lange realisierte. „Requiem“ gewann unter anderem den Deutschen Filmpreis 2006 in Silber in der Kategorie „Bester Film“.

  • Zum Inhalt:

  • In Forstenau,

    einer Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, verschwindet die 20-jährige Janine Grabowski (Elisa Schlott).

  • Während vieles

    darauf hindeutet, dass sie klammheimlich der Provinz den Rücken kehren wollte, ist ihre Mutter Michelle (Julia Jentsch) überzeugt, dass Janine etwas zugestoßen sein muss.

  • Niemand mag

    an ein Verbrechen glauben. So ist Michelle gezwungen, sich auf eigene Faust auf die Suche zu machen.

  • Hans-Christian Schmid verbindet

    in seinem Krimidrama eine unkonventionelle Ermittlergeschichte mit dem Porträt mehrerer Familien in einer Kleinstadt – spannend, fesselnd und unwahrscheinlich wendungsreich.

  • Die Dreharbeiten

    fanden 2016 in Bayern, Tschechien und Berlin statt.

  • Sendetermine:

  • Sonntag, 22. Oktober; Sonntag, 29. Oktober; Montag, 30. Oktober; Dienstag, 31. Oktober; im „Ersten“jeweils um 21.45 Uhr in Doppelfolgen

Wie viel Zeit hatten Sie zum Drehen?

Wir haben 90 Tage gedreht. Das hört sich viel an, aber für sechs Stunden Endprodukt ist das vergleichsmäßig weniger als für einen Kinofilm.

Was war für Sie der größte Unterschied zwischen Film und Serie?

In der Nacht ihres Geburtstags verschwindet Janine Grabowski (Elisa Schlott) spurlos. Bild: ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmproduktion/Yoshi Heimrath (Repros)

Ich mochte es sehr bei der Serie, mich so lange auf eine Geschichte einlassen zu können. Beim Schreiben war das die Freiheit, längere Handlungsbögen zu entwickeln, denn beim Film hat man ja die Zeitgrenze von eineinhalb bis zwei Stunden im Hinterkopf. Bei den Dreharbeiten ist es so, dass man fürs Fernsehen etwa vier Minuten am Tag dreht, für das Kino eher zwei bis drei. Ich dachte am Anfang: Wie soll ich das eigentlich in 90 Tagen schaffen? Währenddessen entwickelte sich aber eine Haltung bei mir, dass ich nicht 30 sehr intensive Tage wie bei einem Filmdreh vor mir habe, sondern meine Kräfte auf 90 Tage verteilen sollte. Wie jemand, der jeden Tag zur Arbeit geht. Eher wie ein Langstreckenläufer als ein Sprinter. Als wir die Dreharbeiten beendet hatten, habe ich gemerkt, ich bin gar nicht sonderlich erschöpft, sondern könnte auch gut noch weiter drehen. Es hatte eine gewisse Alltäglichkeit.

Wenn Sie die Wahl hätten, was würden Sie lieber drehen, Film oder Serie?

Ich würde es von der Geschichte abhängig machen. Lässt sie sich besser in zwei oder in sechs Stunden erzählen?

Letzte „Frage“: Beschreiben Sie die Serie „Das Verschwinden“ in einem Satz.

Oh je... Aber gut: Es ist die Suche einer alleinerziehenden Mutter nach ihrer verschwundenen Tochter, die sich ausweitet zu einem Porträt einer Kleinstadtgesellschaft.

Alles aus der Welt des Fernsehens lesen Sie in unserem Spezial „angeschaut“.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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