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Medien

Gericht verbietet „Schmähkritik“

Jan Böhmermann darf bestimmte Passagen seines Gedichts „Schmähkritik“ nicht mehr veröffentlichen. Erdogan hatte geklagt.
Von Almut Kipp, dpa

Vor dem Hamburger Landgericht wird am 10. Februar über den künftigen Umgang mit Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik“ entscheiden. Foto: Presidential Press Office/Spata/dpa/Presidential Press Office/dpa

Hamburg.Das Hamburger Landgericht hat entschieden: Der TV-Satiriker Jan Böhmermann (35) darf bestimmte Passagen seines Gedichtes „Schmähkritik“ weiterhin nicht mehr veröffentlichen. Das Hamburger Landgericht gab am Freitag einer Klage des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (62) damit in Teilen statt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Bereits im Mai 2016 hatte das Gericht eine entsprechende einstweilige Verfügung erlassen.

Böhmermann hatte das Gedicht am 31. März 2016 in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) vorgetragen und darin das türkische Staatsoberhaupt mit Kinderpornografie und Sex mit Tieren in Verbindung gebracht. Erdogan wollte daraufhin mit seiner Klage erreichen, dass das gesamte Werk verboten wird.

Daraufhin hatte das Hamburger Gericht im Mai 2016 eine einstweilige Verfügung gegen Böhmermann erlassen – seitdem darf der Moderator den größeren Teil seines Gedichts nicht wiederholen (Az.: 324 O 255/16). Bestimmte Passagen seien schmähend und ehrverletzend, argumentierte das Landgericht. Übrige Teile setzten sich in zulässiger Weise satirisch mit aktuellen Vorgängen in der Türkei auseinander.

Wortgefecht um Meinungsfreiheit und Menschenwürde

Die Vorsitzende Richterin Simone Käfer ließ später in der Verhandlung am 2. November 2016 nicht erkennen, in welche Richtung die Pressekammer nun tendieren könnte. Damals lieferten sich die Anwälte des ZDF-Moderators und des türkischen Präsidenten ein Wortgefecht um Meinungsfreiheit und Menschenwürde. Gegen eine Entscheidung ist der weitere Rechtsweg möglich. Böhmermanns Anwalt Christian Schertz hatte angekündigt, notfalls auch bis zum Bundesverfassungsgericht zu gehen.

Hier finden Sie einen Artikel über das Schmähgedicht Böhmermanns.

Der Erdogan-Anwalt Michael-Hubertus von Sprenger sieht das Gedicht nicht von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt. „Hier wird nur noch plump beleidigt, unterhalb der Gürtellinie“, sagte Sprenger in der Verhandlung. „Der Kläger soll als Prototyp des verlausten Türken gezeigt werden. Das ist schlicht rassistisch.“ Böhmermann habe Artikel 1 des Grundgesetzes schwer verletzt. „Hier wird die Menschenwürde getreten: Die Menschenwürde ist nicht verhandelbar.“

Böhmermann wollte Grenzen der Kunst- und Meinungsfreiheit aufzeigen

Der Böhmermann-Anwalt verlangte dagegen, die Erdogan-Klage in diesem Zivilprozess abzuweisen. Er forderte, die zeitgeschichtliche Einbettung des Gedichts zu berücksichtigen. Der Kern der Aussage liege nahezu ausschließlich in der Kritik am Umgang des türkischen Präsidenten mit der Meinungsfreiheit, sagte Schertz und verwies auf die damaligen Verhaftungen von Journalisten in der Türkei.

„Wenn sich jemand so geriert, dann muss er sich die schärfste Kritik ever gefallen lassen.“

Böhmermanns Anwalt Christian Schertz

„Wenn sich jemand so geriert, dann muss er sich die schärfste Kritik ever gefallen lassen.“ Böhmermann habe in einer Art juristischem Proseminar in Satire-Form die Grenzen der Kunst- und Meinungsfreiheit in Deutschland aufzeigen wollen, führte Schertz aus. Außerdem müsse die „Gesamtperformance“ des Fernsehbeitrags berücksichtigt werden.

Was wird aus Böhmermanns «Schmähkritik?

Strafrechtliche Ermittlungen gegen den TV-Satiriker hatte die Staatsanwaltschaft Mainz im Oktober 2016 eingestellt. Es seien „strafbare Handlungen nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen“. Eine Beschwerde Erdogans dagegen wies die Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz wenig später zurück.

Deutscher Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Unterhaltung Late Night“

Diese Ermittlungen waren überhaupt nur möglich geworden, weil die Bundesregierung den Weg für ein Strafverfahren gegen Böhmermann wegen Beleidigung nach Paragraf 103 Strafgesetzbuch freigemacht hatte. Diesen Paragrafen, der die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren stellt, will die Bundesregierung nunmehr abschaffen. „Der Gedanke einer „Majestätsbeleidigung“ stammt aus einer längst vergangenen Epoche, er passt nicht mehr in unser Strafrecht“, teilte Justizminister Heiko Maas (SPD) zu dem Kabinettsbeschluss von Ende Januar 2017 mit. Das Parlament muss noch zustimmen.

Der Popularität des Satirikers haben die Auseinandersetzungen nicht geschadet. Böhmermann gewann jüngst zum zweiten Mal in Folge den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Unterhaltung Late Night“ – mit seinem Format „Neo Magazin Royale“. Und ZDF-Intendant Thomas Bellut hat angekündigt, über die Vertragslaufzeit bis Ende 2017 hinaus mit dem Moderator zusammenarbeiten zu wollen. Böhmermann selbst möchte von ZDFneo aus gern ins ZDF-Hauptprogramm.

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