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Sonntag, 29. März 2015 13° 2

Rechte

Blumen und Gleichheit für die Frau

In Teilen Osteuropas ist der Frauentag ein wichtiger Feiertag. Anstatt der Gleichberechtigung wird die Weiblichkeit und Mutterschaft gefeiert.
Von Erika Neufeld, MZ

Die Ärztin Renata Rynhevich kommt aus Weißrussland. Am 8. März erwartet sie Blumen und rund ums Jahr gleiches Recht für Frau und Mann. Foto: Siemens

Minsk.Wenn am 8. März der Wecker von Renata Rynhevich klingelt, dann wünscht sie sich vielleicht einen kurzen Moment lang, sie wäre in ihrer Heimat Weißrussland. Dann könnte sie sich noch einmal auf die andere Seite drehen und weiterschlafen. Der Internationale Frauentag ist in Weißrussland und in vielen weiteren osteuropäischen Staaten ein gesetzlicher Feiertag – und arbeitsfrei für alle. Die Ärztin Rynhevich aber lebt und arbeitet in Deutschland – und hier ist der 8. März nicht arbeitsfrei. Sie wird also aufstehen müssen und sich auf einen langen Tag im Johannes-Wesling-Krankenhaus im Weserbergland vorbereiten. Bevor sie aber in die Arbeit fährt, wird sie ganz sicher von ihrem Mann mit einem Strauß Blumen überrascht werden. Tulpen, Nelken oder Mimosen werden typischerweise am Frauentag geschenkt.

Schon Schüler feiern Frauentag

Der Frauentag ist ein fester Bestandteil der weißrussischen Kultur. Jede Frau wird beschenkt und beglückwünscht – selbst die Jüngste. In den Schulen bereiten die Jungen für ihre Mitschülerinnen kleine Konzerte und Geschenke vor. In der Arbeit werden Frauen von Kollegen und Vorgesetzten beschenkt. Zuhause übernimmt der Ehemann das Regiment im Haushalt.

„An diesem Tag fühlt sich jede Frau ganz besonders weiblich“, erzählt Rynhevich. Der Tag gilt allen Frauen – und nicht allein Verliebten oder Müttern. Bevor aber der Verdacht aufkommt, Männer befänden sich im Nachteil: Am 23. Februar wird in Weißrussland den Verteidigern des Landes gedacht und Männer bis heute als Nationalhelden gefeiert. Renata Rynhevich hat viele schöne Erinnerungen an den Frauentag. Sie will ihn nicht missen.

Wie sie verbinden wenige Osteuropäer den Frauentag mit Feminismus oder mangelnder Gleichberechtigung – der historische Hintergrund scheint vergessen. Rund einhundert Jahre sind vergangen, seit die deutsche Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin Gleichheit zwischen Frau und Mann forderte und den Frauentag ins Leben rief. Seither hat sich zwar vieles getan für Europas Frauen – völlig gleichberechtigt sind sie aber immer noch nicht. Zetkins Forderungen haben noch heute ihre Berechtigung. Aber statt am 8. März besonders auf Missstände und Ungerechtigkeiten hinzuweisen, steht in den osteuropäischen Ländern die Weiblichkeit und Mutterschaft im Vordergrund.

Die Realität sieht oft anders aus

Auch wenn Renata Rynhevich den Feiertag gern feiert, so ist sie sich dennoch schmerzlich bewusst: Frauen in Weißrussland haben es oft schwer, auch wenn sie laut Verfassung die gleichen Rechte wie die Männer haben. Zwischen Gesetzeswortlaut und Alltagsleben liegen jedoch Welten. Das Denken in der Bevölkerung und die Familienstrukturen sind überwiegend patriarchalisch geprägt.

Zwar haben laut Statistik mehr Frauen als Männer eine höhere Ausbildung – trotzdem übt der überwiegende Teil der Frauen einen Assistentenjob aus. Beruflicher Erfolg und Karriere stehen bei den meisten hinten an oder erscheinen weniger erstrebenswert. „Heirat, Familie und Kinder – das erhoffen sich viele Frauen besonders vom Leben“, weiß die weißrussische Ärztin. Dennoch sind die meisten sind sogar voll berufstätig – trotz Familie. Das aber ist kein Indiz für Gleichberechtigung. Renata Rynhevich kennt den wichtigsten Grund: „Frauen müssen arbeiten gehen. Ein Einkommen allein würde nicht für die Familie ausreichen.“ Anders als in Deutschland gibt es in Weißrussland für alleinstehende oder alleinerziehende Frauen wenig soziale Absicherungen. Sie sind somit stark von Familie und Ehemann abhängig. Gerade deshalb schweigen viele, wenn sie Opfer häuslicher Gewalt werden. Frauenrechtler aus Weißrussland nehmen an, dass etwa jede dritte Frau schon einmal häusliche Gewalt erlebt hat. Positive Entwicklungen sind allerdings zu beobachten: In einzelnen Großstädten gibt es mittlerweile Frauenhäuser, die Hilfe und Schutz anbieten. Weitere Hilfsangebote für Frauen sind im Kommen. Allerdings muss sich das Denken der Frauen verändern, meint Rynhevich. „Viele schämen sich fremde Hilfe bei persönlichen Problemen anzunehmen – harren stattdessen in ihrer Situation aus.“

Eine modern denkende Frau

In Deutschland geht der Internationale Frauentag an den meisten spurlos vorbei. Floristen müssen nicht mit einem Ansturm wie am Valentinstag oder Muttertag rechnen. Das weiß auch Renata Rynhevich und gibt den Hinweis: „Am 8. März stehen fast nur russischsprachige Männer in Blumengeschäften Schlange.“ Ob der Frauentag nach Deutschland passt? „So wie er in Osteuropa gefeiert wird sicherlich nicht“, meint die weißrussische Ärztin. Sie trifft damit den Nerv der immer noch aktuellen Sexismus-Debatte.

Renata Rynhevich ist eine starke Frau und modern denkende Osteuropäerin. Sie arbeitet, weil sie will – nicht, weil sie aus finanziellen Gründen müsste. Sie hat eine Familie, weil sie will – nicht weil es Konventionen verlangen. Deshalb freut sich Renata Rynhevich jedes Jahr auf den Frauentag und auf ihren Blumenstrauß – weil sie rund ums Jahr ihre Rechte durchsetzen kann und will.

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