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Panorama
Montag, 19. Februar 2018 4

Sprache

Falsches bleibt immer noch falsch

Die Trump-Administration sorgte mit „alternativen Fakten“ für Aufsehen. Welche Rolle spielt die Formulierung in Deutschland?
Von Ira Schaible, dpa

Die Sprecherin der Jury, die Professorin Nina Janich, präsentiert das Unwort des Jahres 2017. Foto: Andreas Arnold/dpa

Darmstadt.Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway hat mit ihrer Formulierung von den „alternativen Fakten“ das „Unwort des Jahres“ 2017 geprägt. In einer NBC-News-Sendung war sie am 22. Januar gefragt worden, warum Pressesprecher Sean Spicer „widerlegbare falsche“ Angaben zu den Zuschauerzahlen bei der Trump-Vereidigung gemacht habe. Conways Antwort: „Sie sagen, dass es eine falsche Behauptung ist, und Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat alternative Fakten dazu vorgelegt.“ Seither ist die Wortschöpfung auch in Deutschland oft zu hören. Jetzt ist sie zum „Unwort des Jahres“ gewählt worden. Aber taugt der amerikanische Begriff dazu? „Darüber haben wir lange diskutiert“, sagt die Sprecherin der „Unwort“-Jury, Nina Janich.

Falschbehauptungen werden salonfähig

Die sechs Juroren kamen schließlich zu dem Ergebnis, Conways Ausdruck sei „auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch“ geworden. Dies gelte vor allem für die sozialen Medien. „,Alternative Fakten‘ steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen.“ Diese würden dann mit einer Bezeichnung wie „alternative Fakten“ als legitim gekennzeichnet, stellt die Jury fest. Falschbehauptungen würden also salonfähig gemacht. Mit der Wahl schließe sich die Jury den kritischen Stimmen in Deutschland an, die „warnend auf diese Tendenzen in der öffentlichen Kommunikation hinweisen“.

„Damit wird die Aufmerksamkeit auf die sich leider verschärfende Tendenz gelenkt, mit Falschbehauptungen Meinungen zu lenken und Politik zu machen“, sagt etwa der Generalsekretär des Schriftstellerverbands PEN in Deutschland, Carlos Collado Seidel, der Deutschen Presse-Agentur. Zwar werde der Begriff hierzulande eher ironisch verwendet. Es gebe aber auch „festgestellte Falschbehauptungen von rechts“.

Wahl ist ein Impuls

Als Beispiele nennt er angebliche Straftaten von Asylbewerbern, mit denen versucht werde, Meinung zu machen. Die Unwort-Wahl sei ein „guter Anlass, sich damit auseinanderzusetzen“. Alle seien aufgefordert, gerade in der Flut an Informationen etwa durch die sozialen Medien, „Tatsachenbehauptungen kritisch zu hinterfragen“.

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig M. Eichinger, äußert sich „vergleichsweise zufrieden“ über die Unwort-Wahl. Die ursprüngliche Verwendung von „alternativen Fakten“ sei eine „deutlich verhüllende Aussage für eine Lüge“ gewesen, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. In Deutschland sei der Begriff auch gebräuchlich, in den Medien und „in einer ironischen Spielform“. Zudem habe er einen „gewissen sprachlichen Reiz“. Einige der früheren Unwörter habe „entweder keiner gekannt, oder es waren harmlose Wörter für schlimme Dinge“.

„Alternative Fakten“ decke „nicht die Debatte in Deutschland ab“, sagt dagegen Helmut Kellershohn vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Der Begriff sei sehr stark auf Trump bezogen. „Er ist aber kein Fehlgriff“, meint auch Kellershohn. Er hätte sich dennoch einen anderen Begriff aus dieser Debatte als „Unwort“ gewünscht – oder eine ganz andere Formulierung wie etwa „Babycaust“.

Bisherige Unwörter

  • 2016, „Volksverräter“:

    Das Wort sei ein „Erbe von Diktaturen“ unter anderem der Nationalsozialisten.

  • 2015, „Gutmensch“:

    Der Vorwurf diffamiere Hilfsbereitschaft und Toleranz als naiv und dumm.

  • 2014, „Lügenpresse“:

    Diese Verurteilung „leistet einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“.

  • 2013, „Sozialtourismus“:

    Der Ausdruck diskriminiert laut Jury Menschen, „die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu“.

  • 2012, „Opfer-Abo“:

    Der Begriff stelle Frauen pauschal unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und so selbst Täterin zu sein.

Diesen Begriff hatte die Gießener Ärztin Kristina Hänel vorgeschlagen und sich dabei nach eigenen Worten dem stellvertretenden Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Auschwitz, Neithard Dahlen, angeschlossen. Hänel gehört zu mehreren Medizinern, die auf der Webseite Babycaust.de als „Abtreiber“ angeprangert werden.

„Babycaust“ war häufigste Einreichung

Sie halte es für einen „gesellschaftlichen Skandal“, dass sie „für sachliche Informationen“ auf ihrer Webseite über Abtreibungen zu einer Geldstrafe verurteilt worden sei, während der Betreiber der „Babycaust“-Seite ungestraft das Leid von Holocaust-Opfern verharmlose, „indem er die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen als Steigerungsform der Verbrechen der Nazis bezeichnet“, teilte Hänel nach der „Unwort“-Wahl mit.

Wie oft ein Begriff vorgeschlagen wird, spielt zwar bei der Entscheidung der Jury keine Rolle. „Babycaust“ war aber mit 122 Nennungen am häufigsten eingereicht worden. Auf Platz zwei: „alternative Fakten“ mit 65 Mal.

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