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TV-News
Freitag, 19. Januar 2018 4

Rutscht der "Tatort" in die Krise?

Die Krimireihe hatte 2017 die schlechteste Sehbeteiligung seit sechs Jahren
von Jens Szameit

  • Ermittler in der Defensive: Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) im "Tatort: Dunkle Zeit". 2017 war die Sehbeteiligung bei Deutschlands beliebtester Krimireihe mau wie lange nicht. Foto: NDR / Christine Schroeder
  • Der traditionelle Neujahrs-"Tatort" kommt diesmal aus Saarbrücken. Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) ermittelt in einer nahen Zukunft im Cyberspace, Julia Koschitz spielt eine IT-Expertin. Devid Striesow wird sich später im Jahr mit der Folge "Der Pakt" vom "Tatort" verabschieden. Foto: SR
  • Er war zuletzt nur noch Stichwortgeber und Risottokoch. Fast schon folgerichtig, dass Mario Kopper (Andreas Hoppe) in Ludwigshafen den Laufpass bekommt. Allerdings mit einem denkwürdigen Finale: In seiner Abschiedsfolge (7. Januar) gerät der gemütliche Lena-Odenthal-Sidekick ins Visier der Mafia! Foto: SWR / Roland Suso Richter
  • In der zweiten Ludwigshafen-Episode des Jahres geht es dann ohne Kopper und vor allem ohne Drehbuch in den Wald. "Spielleiter" Axel Ranisch (sechster von links) lässt wie in seinem umstrittenen Experimental-Krimi "Babbeldasch" Laien und "Tatort"-Profis mehr oder minder frei improvisieren. Foto: SWR / Martin Furch
  • Keiner drapiert die Leichen so liebevoll wie die Wiener. Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) bekommen es am 14. Januar mit einer spektakulär inszenierten Ritualmordserie zu tun. Schock und Schmäh - eine bewährte Mischung an der Donau! Foto: ARD Degeto / ORF / E&A Film / Hubert Mican
  • Die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) und Schenk (Dietmar Bär, links) packen am 21. Januar ganz heiße Stahlträger an: Hanno Koffler spielt einen mordverdächtigen Architekten, der in Katar Fußballstadien für die umstrittene Weltmeisterschaft baut. Wird eher nicht der Lieblings-"Tatort" der FIFA-Funktionäre. Foto: WDR / Martin Valentin Menke
  • Der Mord an einem neunjährigen Jungen setzt die Dresdner Ermiittler Karin Gorniak (Karin Hanczewski, links), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Henni Sieland (Alwara Höfels) am 28. Januar unter Druck. Die Polizei steht in der Kritik, der Vater droht mit Lynchjustiz. Nicht der einzige Dresdner "Tatort" 2018 ... Foto: MDR / Wiedemann & Berg / Daniela Incoronato
  • Um böse geendetes Online-Dating geht es am Pfingstsonntag im sechsten Fall aus Dresden, und um enttäuschte Erwartungen ging es zuletzt auch hinter der Kamera. Alwara Höfels (Mitte) hat keine Lust mehr, die Kommissarin Henni Sieland zu spielen. "Wer jetzt allein ist" ist bereits ihr Abschieds-"Tatort". Als Nachfolgerin steht Cornelia Gröschel bereit. Foto: MDR / Wiedemann & Berg / Daniela Incoronato
  • Zwei Psychos auf Augenhöhe: Am 4. Februar trifft Kommissar Faber (Jörg Hartmann, rechts) seinen inhaftierten Intimfeind Markus Graf (Florian Bartholomäi, links) aus der Folge "Auf ewig Dein" (2014) wieder. Nach dem Ausstieg von Daniel Konarske erhält Rick Okon beim Dortmunder "Tatort" ein wiederkehrendes Engagement. Rollenprofil: bislang Geheimsache des WDR. Foto: WDR / Thomas Kost
  • Kunstalarm an der Spree! Die Kommissare Karow (Mark Waschke, links) und Rubin (Meret Becker, mit Regisseur Sebastian Marka) ermitteln auf der Berlinale. Beim Filmfest feiert ein Thriller Premiere, der verstörende Parallelen zu ihrem Fall hat. "Meta" läuft am 11. Februar, kurz vor dem "echten" Berlinale-Start. Foto: RBB / Reiner Bajo
  • Zwei neue Fälle hat der Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg, hinten) 2018 zu lösen. In "Borowski und das Land zwischen den Meeren" (25. Feburar) muss er im Alleingang auf einer fiktiven Insel ermitteln. Später im Jahr begrüßt er in "Borowski und das Haus der Geister" eine neue Partnerin: Almila Bagriacik (vorne, mit Karoline Schuch und Elmar Fischer) folgt auf die ausgeschiedene Sibel Kekilli. Foto: NDR / Christine Schroeder
  • Voraussichtlich zweimal werden die scheidenden Bremer Kommissare Lürsten (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) 2018 zu sehen sein. Im Frühjahr greift die Episode "Im toten Winkel" ein Tabuthema auf: Ein verzweifelter Rentner tötet seine demenzkranke Frau - die Debatte ums Pflegesystem lässt grüßen. Die Folge "Blut" läuft voraussichtlich im Herbst und wird - nun ja - blutig ... Foto: Radio Bremen / Stephan Pick
  • "Wir zwei jenseits der S-Bahn. Wann war'n mir des schon mal?" - Was Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Batic (Miroslav Nemec) nahe der tschechischen Grenze auf einem alten Hof entdecken, lässt die Münchner erst recht aufschrecken. "Freies Land" erzählt voraussichtlich im April von einer staatsfeindlichen Gruppierung, die an die "Reichsbürger"-Bewegung erinnert. Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden
  • Nach der Geisterstunde "Fürchte Dich!" geht es in Frankfurt 2018 realitätsnäher zu, aber nicht minder erschütternd: Der neue Fall für Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margarita Broich) handelt von Mobbing und Machtmissbrauch gegen Kinder im Umfeld eines Sportleistungszentrums. "Unter Kriegern" ist für April geplant. Im Oktober folgt "Nachtblind". Die bewusstlos geschlagene Janneke versucht anhand von Fotos, ihre Erinnerungen zu rekonstruieren. Foto: HR / Degeto / Bettina Müller
  • Endlich mehr Goethe in der Dichter-Stadt: In Weimar geht es unter der Regie von Titus Selge (Regie) um einen tödlich geendeten Einbruch sowie die Planung des "Goethe-Geomuseums". Bonmot-Steilvorlagen für die Ehepaar-Ermittler Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) sollten garantiert sein. Foto: MDR / Wiedemann&Berg Television / Anke Neugebauer
  • Nach über zweijähriger Pause feiert Nick Tschiller (Til Schweiger) 2018 sein "Tatort"-Comeback. Allerdings ist der Fall nicht neu. "Off Duty" (auf DVD und BD erhältlich) hatte 2016 gleich zwei Starttermine im Kino. Beide waren gleichermaßen erfolglos. Wann genau der Hamburger Kommissar in Istanbul seine entführte Tochter auch im Ersten befreit, steht noch nicht fest. Foto: Warner Bros. Entertainment Inc. / Nik Konietzny
  • Und noch ein Star-Comeback am "Tatort"-Sonntag: Heike Makatsch spielt zum zweiten Mal nach 2016 die Kommissarin Ellen Berlinger. Überraschung: Nach Babypause ist die Kriminalerin von Freiburg nach Mainz weitergezogen. Regie bei "Zeit der Frösche" führt Markus Imboden (zweiter von rechts). Foto: SWR / Andrea Enderlein
  • Der logistisch aufwendigste "Tatort" 2018 kommt aus Luzern: Der Schweizer Star-Regisseur Dani Levy (Mitte, mit Delia Mayer und Stefan Gubser) drehte im Juli 2017 "Alte Männer sterben nicht" (Arbeitstitel) in einer einzigen Kameraeinstellung. Ein "Echtzeit"-Krimi am Sonntagabend - das gab es auch noch nicht. Foto: SRF / Daniel Winkler
  • Die Quotenplatzhirsche der Sonntagabendunterhaltung bitten in den Zoo. Zwischen Pinguinen und "Affentheater" (Arbeitstitel) müssen Thiel (Axel Prahl, rechts) und Boerne (Jan-Josef Liefers) klären, ob Staatsanwältin Klemm in einen Mord verwickelt ist. Heikel? Ach wo! Boerne hat nebenbei Zeit, eine Zweitkarriere als TV-Koch zu forcieren. Foto: WDR / Martin Menke
  • Ein libyschstämmiges Geschwisterpaar, beide Ende 50, wird erschlagen aufgefunden. Wenige Tage später stirbt ein Polizist. Als eine "Geschichte, die zutiefst erschreckt und zugleich nachdenklich macht", kündigt die BR-Redakteurin Stephanie Heckner den vierten Franken-"Tatort" an. Voss (Fabian Hinrichs) und vor allem Ringelhahn (Dagmar Manzel) geraten "an Grenzen". Foto: BR / Luis Zeno Kuhn
  • Kleines Dienstjubiläum im Norden: Wotan Wilke Möhring ist 2018 zum zehnten Mal als "Tatort"-Ermittler zu sehen. Unter der Regie von Özgür Yildirim (Mitte) müssen sich die Bundespolizisten Falke und Grosz (Franzsika Weisz) nach einem tödlichen Zwischenfall internen Ermittlungen stellen. Foto: NDR / Christine Schroeder
  • Ihr Debüt 2017 war mit über neun Millionen Zuschauern ein Erfolg. In ihrem zweiten Fall ermitteln die Südwest-Kommissare Berg (Hans-Jochen Wagner, links) und Tobler (Eva Löbau, zweite von links) unter der Regie von Umut Dag (Mitte) im traditionell bäuerlichen Milieu des Hochschwarzwalds. Dort begegnet ihnen völkisches Gedankengut. Foto: SWR / Benoît Linder
  • Ein Mann verstrickt sich in Widersprüche und wird so zum Verdächtigen einer Mordermittlung. Das Besondere der Stuttgarter Episode mit den Kommissaren Lannert und Bootz (Felix Klare, rechts): Regisseur Martin Enlen (Mitte) erzählt das Ganze aus der Sicht des Tatverdächtigen, gespielt vom Österreicher Manuel Rubey (links). Foto: SWR / Alexander Kluge
  • Eigentlich soll es 2018 wieder bodenständiger und konventioneller beim "Tatort" zugehen. Doch da haben die ARD-Oberen die Rechnung ohne Felix Murot (Ulrich Tukur) gemacht. Auch "Murot und das Murmeltier" wird wieder ein Filmerlebnis der exzentrischen Art. Der "Täglich grüßt das Murmeltier" zitierende Titel deutet es an: Der Ermittler durchlebt denselben tödlich endenden Einsatz immer wieder aufs Neue ... Foto: HR

Gewiss, der zweite Weihnachtsfeiertag ist kein Termin, an dem sich spielend Top-Quoten erzielen lassen. Ein eingeübter "Tatort"-Sendeplatz ist er auch erst seit wenigen Jahren. Und doch: Diese bescheidenen 5,92 Millionen Zuschauer, die am 26. Dezember die Episode "Der wüste Gobi" mit den Weimarer Ermittlern Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) sahen, passen ins Bild, das Deutschlands beliebteste Fernsehfilm-Reihe 2017 abgab. Der Zuspruch für die zumeist sonntags gesendeten Mörderrätsel schwankte wie ein Fischkutter in Seenot. Am Ende steht im Jahresmittel die schwächste Sehbeteiligung seit sechs Jahren. Muss man sich um das Krimiflaggschiff der ARD Sorgen machen?

Natürlich wäre das Wehklagen auf hohem Niveau. 8,91 Millionen Menschen schalteten im Durchschnitt ein, wenn zwischen Kiel und Wien die TV-Kommissare auf Verbrecherfang gingen. So geht es aus einer Auswertung der ARD-Programmdirektion hervor, die auf Messungen der AGF in Zusammenarbeit mit der GfK beruht. Was daraus auch hervorgeht: Die "Tatort"-Reichweiten sind seit zwei Jahren rückläufig. Nach durchschnittlich 9,56 Millionen Krimi-Fans 2014, 9,5 Millionen 2015 und 9,02 Millionen 2016 rutschte die Reihe mit dem Fadenkreuz im Vorspann erstmals seit Längerem wieder unter die Neun-Millionen-Marke.

Sind die fetten Jahre vorbei? Ist das Rad überdreht, wie Kritiker seit geraumer Zeit mit Blick auf die Kommissarsflut und Event-Werdung des Ganzen warnen? Zumindest ist es nicht so, dass sich die ARD-Oberen keine Gedanken machen.

Angesichts heftiger Quoten-Ausschläge nach oben wie unten wurde vor einigen Wochen verlautbart, es würden künftig nur noch zwei "experimentelle" Produktionen gestattet. Blickt man auf die Akzeptanz der Stücke im Einzelnen, scheinen die Senderbosse nicht ganz falsch zu liegen. Während die gemütlichen Täterrätsel der humorbeflissenen Münsteraner Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) nach wie vor Rekordreichweiten verbuchen (14,56 Millionen für den "Tatort: Fangschuss" im April) liefen vornehmlich solchen Produktionen die Zuschauer weg, die den Rahmen des Erwartbaren über Gebühr strapazierten.

Die Frankfurter Episode "Fürchte Dich" über ein veritables Spukhaus etwa sahen Ende Oktober 6,9 Millionen Menschen. Nur eine Woche später knackte der eher klassisch gehaltene Entführungskrimi "Der Fall Holdt" mit der Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) die Zehn-Millionen-Marke. Ist die Experimentier-"Obergrenze" also nicht doch im Sinne des Zuschauers?

Auf lange Sicht nein, glaubt Krimi-Routinier Dominik Graf. Nur mit "Konventionalitätszwang allein" erreiche man "keine Qualitäts-Sicherheit", warnte der Rekord-Grimme-Preis-Träger (zehn Auszeichnungen) im November im Gespräch mit "Bild am Sonntag". "In der alltäglichen Redaktionspraxis wird es nun wahrscheinlich Ideen-Staus und jede Menge vorauseilenden Gehorsam geben." Seine düstere Prognose: "In dem Moment, wo die Zuschauer vor Unterforderung nur noch gähnen, hat man den 'Tatort' jedenfalls zerstört."

Langeweile oder Experimentierwut? Blickt man auf das "Tatort"-Programm 2018 lässt sich ein Richtungswechsel hin zum Konventionellen noch nicht recht erkennen. Den Wiesbadener Felix Murot (Ulrich Tukur) darf man in einer "Täglich grüßt das Murmeltier"-Variation dabei beobachten, wie er denselben tödlich endenden Einsatz immer wieder aufs Neue durchlebt. Die Ludwigshafener drehten nach dem kontrovers aufgenommenen Mundart-Schwank "Babbeldasch" wieder einen Impro-"Tatort", diesmal im Wald. Und die Luzerner, um die doch eher bodenständigen Ermittler Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer), ließen sich von Star-Regisseur Dani Levy zu einerm "Echtzeit"-Experiment in einer einzigen Kameraeinstellung ohne Schnitt anleiten.

Liest man die Kommentarspalten auf Facebook und anderswo, kann man auf die Idee kommen, dass vielen Zuschauern noch etwas anderes stinkt als formelle Innovationen und Experimente: nämlich der Hang der "Tatort"-Macher zum Oberlehrerhaften. Geplant sind 2018 Stücke, in denen die Reizthemen Katar-WM ("Bausünden", Köln), Pflegesystem ("Im toten Winkel", Bremen) und Reichsbürger ("Freies Land", München) anklingen. Hier wird die Kunst vonnöten sein, sie nicht "von oben herab" zu deklinieren.

Mit den Comebacks von Heike Makatsch, die als Kommissarin Ellen Berlinger Mainz auf die "Tatort"-Landkarte zurückbringt, und von Til Schweiger hat der Sonntagabend 2018 immerhin auch wieder einige Star-Power zu bieten. Schweigers neuer Film ist allerdings so neu nicht. "Off Duty" hatte 2016 gleich zwei Starttermine im Kino. Beide gleichermaßen erfolglos. Aber das muss fürs "Tatort"-Jahr 2018 ja nicht zwingend ein schlechtes Omen sein.

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